Claire Hölig hielt einen Vortrag über den früheren Bürgermeister Hermann Maier. Foto: Jansen

Der Nagolder Bürgermeister Hermann Maier wurde nach der NS-Zeit zum Widerständler hochstilisiert. Claire Hölig vom Stadtarchiv erklärte in einem Vortrag, warum dieses Bild nicht passt.

Um die Grautöne im Charakter eines Menschen ging es im Vortrag über den langjährigen Bürgermeister Hermann Maier von Archivleiterin Claire Hölig im Kubus.

 

32 Jahre lang leitete Maier die Geschicke der Stadt. „Und damit war er so lange Bürgermeister wie niemand vor oder nach ihm“, betonte Hölig. Drei Regierungsformen erlebte er im Amt: Vom Kaiserreich über die Weimarer Republik bis zur NS-Diktatur. Unter ihm blühte Nagold städtebaulich auf – das Viadukt wurde begonnen, die „Hermann-Maier-Siedlung“ entstand, das Freibad wurde gebaut. Nagolds Luft war so gut, dass die Stadt zum Luftkurort wurde, außerdem siedelte sich Industrie an. „Die Hermann-Maier-Straße existiert bis heute und wurde ihm schon zu Lebzeiten gewidmet“, erklärte Hölig. Bis heute ist Maier Nagolder Ehrenbürger.

So betrachtet: Maier war ein Mann, der sich für die Stadt Nagold engagierte und immer das Beste für die Kommune wollte. Doch auch bei ihm stellt sich die Frage: Was hat er zwischen 1933 und 1945 getan?

Hochgelobt als Demokrat

Nach dem Krieg wurde Maier hochgelobt. Er sei „immer demokratisch eingestellt gewesen“ und „Maier hat aktiven Widerstand gegen das Nazi-Regime geleistet, so gut es eben möglich war“, hieß es in späteren Schriftstücken. Doch dass dies nicht ganz so war, ergibt sich aus der Forschung Höligs.

Es wurde behauptet: Maier konnte kein NS-Unterstützer sein. Er war in der Kirche. „Religiöse Einstellung kann man nicht per se als Widerstand gegen das dritte Reich werten“, meint Hölig. So hätten auch Pfarrer den Nationalsozialismus unterstützt: „Sie machten deutlich, dass ein guter Protestant auch ein guter Nationalsozialist sein konnte“.

NSV-Kindergarten gab es in Nagold

Ebenfalls wurde Maier später zugute gehalten, einen NSV-Kindergarten in Nagold verhindert zu haben. Auch das stimmt nicht. Es gab einen solchen in Iselshausen. Außerdem hatte Nagold wirtschaftliche Interessen: Der NSV-Kindergarten wurde von der Kommune getragen, der evangelische von der Kirche. Letzterer belastete damit die Stadtkasse nicht. Einen NSV-Kindergarten zu verhindern hatte also weniger ideologische als finanzielle Gründe.

Auch hatte Maier der NSDAP vor 1933 keineswegs feindlich gegenübergestanden.Während der sogenannten Saalschlacht „hat er ganz klar Stellung bezogen und gemeint: Die Kommunisten sind schuld, obwohl das gar nicht so einfach war“, erklärte Hölig.

Aber Maier war mit Ortsgruppenleiter Erwin Raisch nicht besonders gut Freund, wurde für den Bürgermeister ins Feld geführt. Das hatte wohl weniger mit Raischs politischer Gesinnung zu tun, meinte Hölig. Die beiden Männer hatten schon vor dem Erstarken der NSDAP ihre Konflikte ausgetragen.

NS-Flagge auf Rathaus, bevor es Pflicht war

Im März 1933 wehte auf dem Nagolder Rathaus die NS-Flagge. Damals war das noch keine Pflicht. Maier hatte erkannt, dass ein anderer Wind wehte – und sich danach gerichtet.

Dass Maier bewusst Arbeitseinsatzbefehle zurückgehalten habe, stimme nicht. Diese wurden ordnungsgemäß weitergeleitet. Das Eigentum deportierter Juden wurde beschlagnahmt, wie es von der NS-Regierung gewünscht war. Dem Arzt Gerhard Lang, Leiter des Gesundheitsamts, machte Maier darüber hinaus konkrete Vorschläge für Zwangssterilisationen, wurde später am Abend in einem weiteren Vortrag deutlich.

Seine Rolle in der NS-Zeit schadete Maiers Ruf nicht. 1946 erhielt er bei der Bürgermeisterwahl die meisten Stimmen – obwohl er wegen eines Schwurgerichturteils nicht wählbar war. Er blieb allerdings noch 17 Jahre lang Gemeinderat. Maier wollte mit den Vorgängen nichts persönlich zu tun gehabt haben, er habe nur Befehle ausgeführt.

Maier war ein geschickter Verwaltungsbeamter und diente dem Staat pflichtbewusst und verlässlich, erklärte Hölig. „Damit hat er genau das, was man von einem guten Beamten erwartet.“ Doch eine Verwaltung, die ohne eigene Werte zu vertreten Befehle ausführt, wird damit auch leicht angreifbar.

Das Buch „Der Kreis Calw in der Zeit des Nationalsozialismus“

Das Buch „Der Kreis Calw in der Zeit des Nationalsozialismus“ wurde von Gabriel Stängle und Thorsten Trautwein herausgegeben und erschien im Morija-Verlag. Thematisch geht es im Buch um Nationalsozialismus in den ehemaligen Oberämtern Calw, Nagold und Neuenbürg, die 1938 im Kreis Calw aufgingen. Es umfasst 700 Seiten , 262 Fotos und Grafiken, sowie 32 Beiträge von 23 Autoren, darunter Claire Hölig, die sich mit dem Nagolder Bürgermeister Hermann Maier beschäftigt hat. Das Werk kostet 30 Euro.