Die Stadtkirche Altensteig feiert ihren 250. Geburtstag. Ihren Bau im 18. Jahrhundert verdankte sie einem ausuferndem Platzproblem und einem Kirchenboykott.
250 Jahre thront sie nun über der Stadt – ein Vierteljahrhundert, in der sie Weltgeschichte gesehen und überstanden hat. Als sie fertiggestellt wurde und am 13. November 1775 geweiht wurde, wurde mit ihr nicht nur ein Raum für Gottesdienste in der stark durch den Glauben geprägten Zeit geschaffen – sondern auch ein gewaltiges Platzproblem gelöst.
Lange Zeit wurden die Gottesdienste in Altensteig in der Nikolauskapelle gefeiert, die sich nur wenige Meter unterhalb der heutigen Stadtkirche befand. Diese wurde bereits 1570 Stadtkapelle. Damals hatte Altensteig etwa 200 Einwohner.
Keine 200 Jahre später – 1766 hatte sich die Bevölkerung etwa verfünffacht. Die Nikolauskapelle platzte aus allen Nähten. Der Oberamtsmann an Herzog Karl Eugen von Wirtemberg mit seiner Not. „Nun hat sich die Einwohnerschaft sehr vermehrt, nun ist die alte Kirche zu klein geworden. Die Weiber drängen sich in die Mannstühle und die später kommen, müssen in den Gängen stehen. Auch Gebrechliche können nicht mehr am Gottesdienst teilnehmen.“
Bürger boykottieren den Kirchenbesuch
Waren das für die Menschen ihrer Zeit schon unhaltbare Zustände, krachte 1769 das Gebälk der Kirche. Da reichte es den Altensteigern – zahlreiche Bürger boykottierten die Gottesdienste.
Ein weiteres Jahr später bewilligte der Herzog den Bau einer neuen Kirche. Es sollte drei weitere Jahre dauern, bis der Bau begann.
In nur zwei Jahren wurde die Stadtkirche 1775 fertiggestellt – mit 800 bis 1000 Plätzen. Damals hatte Altensteig 1050 Einwohner – die Kirche bot also Platz für alle Altensteiger. Die neue Stadtkirche bekam einen 48 Meter hohen Turm – der der Nikolauskapelle maß gerade mal 9,2 Meter.
Bewilligt und mit Staatsgeldern bezahlt wurde die Altensteiger Stadtkirche vom damaligen Herzog Karl Eugen von Wirtemberg – derselbe Herzog, der sich auch im Namen der Eberhard-Karls-Universität Tübingen verewigt hat.
1869 schließlich war die Nikolauskirche Geschichte – und lebte doch irgendwo in der Stadtkirche weiter. Der Taufstein verrät bis heute, dass sein Sockel aus dem Jahr 1557 stammt, das Becken selbst aus dem Jahr 1735.
Drei Glocken zogen ebenfalls in den neuen Turm um. Während die Kirche Zeiten und Epochen überdauerte, ging an ihnen die weltgeschichtliche Lage nicht spurlos vorbei. 1942 mussten zwei Glocken an die Reichsstelle für Metalle abgeliefert werden– nur eine kehrte zurück. Die andere wurde 1949 ersetzt.
Im Inneren ist die Kirche eher schlicht gehalten. Schon 1556 war Altensteig protestantisch geworden, der verschnörkelte, überbordende Prunk, der katholische Kirchen aus der Barockzeit prägt, ist hier nicht zu finden.
Zwölf Stämme Israel werden symbolisiert
Fast schon modern angehaucht ragt die Orgel mit ihrem marmoriert-hellblauem Farbdesign gegenüber des Altars auf. Die Hülle und einige Register sind aus der Entstehungszeit erhalten, die Orgel selbst wurde 2001 ersetzt. Passend dazu sind die zwölf Säulen in der gleichen Farbe, die die zwölf Stämme Israel symbolisieren sollen.
Im Inneren wurde die Kirche mehrfach umgestaltet. Heute ist die Kanzel nur über einen Gang zu erreichen – bis 1911 gab es eine Brücke von der Empore aus. Damals wurde auch die Wandgestaltung verändert – von vier hängenden Bildern zu zwei Engeln, die die Kanzel umrahmen. Seit 1961 zeigt sie sich in ihrem heutigen Erscheinungsbild.
Zum 250. Geburtstag der Stadtkirche findet am Sonntag, 16. November, ab 10.30 Uhr in der Stadtkirche ein Festgottesdienst mit Landesbischof Ernst-Wilhelm Gohl statt.