Die Stadt Lörrach war schon gut zwei Wochen vor der offiziellen Kapitulation der deutschen Wehrmacht am 8. Mai 1945 von der Nazi-Herrschaft befreit worden. Und die Stadt mit den heutigen Ortsteilen war bis auf eine Ausnahme von größeren Zerstörungen durch Luftangriffe verschont geblieben. Schutz bot wohl die Nähe zur neutralen Schweiz. Der Historiker Hubert Bernnat ordnet ein.
Noch im Februar 1945 hatte es in Lörrach einen schweren Bombenabwurf auf das Industrieareal am Brombacher Bahnhof gegeben, wohin kriegswichtige Industrie aus Frankfurt verlagert worden war. 27 Menschen kamen dabei ums Leben, darunter drei italienische Fremdarbeiter.
Seit Herbst 1944 Warten auf das Kriegsende
Schon im Oktober 1944 hatten französische Truppen Belfort erreicht, und die Menschen im südbadischen Dreiländereck konnten auf ein baldiges Kriegsende hoffen, zumal nicht wenige durch illegales Abhören des Schweizer Radiosenders Beromünster über die wahre Kriegslage informiert waren. Doch Priorität hatte für Frankreich die umkämpfte Befreiung des Elsass. Erst am 30. März 1945 überquerten französische Truppen den Rhein bei Karlsruhe und rückten auf der rechten Rheinseite nach Süden vor.
Am 21. April erreichten sie Freiburg, und als darauf die deutschen Soldaten kampflos die gewaltig ausgebaute Festung am Isteiner Klotz aufgaben, war der Weg nach Lörrach weitgehend frei. Fast alle Wehrmachtsangehörigen, SS-Mannschaften und Gestapo-Beamte flüchteten vor Eintreffen der französischen Truppen. Gestapo-Männer unter Führung von Hans Trops hatten noch am Tag vor deren Einmarsch vier polnische Zwangsarbeiter in Stetten und eine Schweizer Staatsbürgerin in der Bahnunterführung beim Hebelpark erschossen. In der Stadt hielt sich mit etwa 5000 Menschen nur noch ein Viertel der Vorkriegsbevölkerung auf.
Gut die Hälfte hatte die Stadt in die ländliche Umgebung verlassen, wo man sich vor befürchteten Luftangriffen sicherer fühlte, und gut 5000 standen irgendwo in Diensten von Wehrmacht und SS oder waren in Kriegsgefangenschaft. Auch Frauen mussten als Wehrmachthelferinnen oder im Sanitätsbereich Dienst leisten.
Befehle zur Verteidigung Badens und Lörrachs
Damit hatten die Versuche des fanatischen Gauleiters von Baden und dem Elsass, Robert Wagner, keinen Erfolg, aus Baden eine einzige Festung zu machen. Zwar waren auch in Lörrach Vorkehrungen getroffen worden, um die Stadt, wie Kreisleiter Grüner noch am 21. April in einer Besprechung forderte, „bis zum letzten Blutstropfen“ zu verteidigen. Luftschutzkeller waren ausgebaut worden, Barrikaden mit Maschinengewehrstellungen wurden errichtet, alle verfügbaren Kräfte waren seit Herbst 1944 zum Ausheben von Schanzgräben zwangsverpflichtet. Entlang der Schweizer Grenze musste ein massiver Panzergraben ausgehoben werden, um alliierte Panzertruppen am Eindringen von der Schweiz ins Wiesental zu hindern. Zum Glück wurde auch in Lörrach der verheerende Befehl, lieber die Lebensgrundlagen des eigenen Volkes zu zerstören als zu kapitulieren, nur teilweise befolgt. Gesprengt wurde noch die Eisenbahnbrücke über die Wiese in Brombach. Durch mutiges Handeln konnten aber die Sprengungen des Tüllinger Eisenbahntunnels, der Lörracher Straßenbrücken und des Gaswerks verhindert werden.
Es mutet schon wie ein Akt fanatischer Verzweiflung an, als NS-Bürgermeister Reinhold Boos angesichts der vorrückenden französischen Truppen mit einem Häuflein Volkssturm aus Jugendlichen und älteren Männern die Franzosen am Einmarsch nach Lörrach über die Lucke mit Karabinern, Maschinengewehren und Panzerfäusten hindern wollte. Und ganz so friedlich, wie der Bericht von Känel vermuten lässt (siehe Einspalter links), geschah die Einnahme von Lörrach nicht.
Bei den Gefechten kamen etliche der Volkssturm-Leute ums Leben, Boos wurde schwer verwundet. Durch Beschuss mit einer Fliegerabwehrkanone vom Brombacher Hellberg kamen vier französische Soldaten ums Leben und wurden zwei Panzer zerstört. Letztlich war aber der Widerstand angesichts der französischen Übermacht bald gebrochen und Boos ordnete für seinen Volkssturm die Einstellung des Kampfes an.
Besetzung durch französische Truppen
Zwischen 14 und 15 Uhr am 24. April besetzten die französischen Truppen die Lörracher Innenstadt. Der Krieg war zu Ende, dem über 1200 Soldaten aus der Kernstadt Lörrach zum Opfer fielen. Weit mehr als 100 Menschen aus Lörrach – Juden, Sinti und Roma, politische Häftlinge, Homosexuelle – waren von den Nationalsozialisten ermordet worden. Lörrach war seit der Besetzung durch preußische Truppen nach der Revolution von 1848/49 zum ersten Mal wieder besetzt.
Darunter waren Soldaten aus den französischen Kolonien Nordafrikas, über die die NS-Propaganda Schreckensmeldungen verbreitet hatte. Übergriffe auf die Bevölkerung durch Besatzungssoldaten konnten von der Militärverwaltung unter Capitaine Gerard, die in der Villa Aichele ihr Hauptquartier aufschlug, innerhalb kurzer Zeit eingedämmt werden. Die Militärverwaltung hatte nun das Sagen. Die Grenzen in die Schweiz und ins Elsass blieben geschlossen, die Bewegungsfreiheit für die Bevölkerung war eingeschränkt. Die Stadt konnte nur mit einem Passierschein, einem Laisser-Passer, verlassen werden.
Große Probleme blieben: der Umgang mit den Nationalsozialisten, Versorgung und Heimtransport der Fremd- und Zwangsarbeiter, Rückkehr der Ortsbevölkerung und die Sorge um die vermissten und gefangenen Soldaten. Zum größten Problem sollte aber die Versorgung für den täglichen Bedarf werden. Die französischen Soldaten und Beamten mussten unterhalten werden, dafür waren Beschlagnahmungen von Hausrat und Wohnraum an der Tagesordnung, Reparationen mussten geleistet werden und, was viele vergaßen, die Versorgung aus den von Deutschland besetzten Gebieten war weggefallen. Schulen wurden zu Kasernen.
Der NS-Bürgermeister Reinhard Boos wurde verhaftet und in ein Internierungslager in Freiburg gebracht. Für ihn setzten die Franzosen den früheren Stadtkämmerer Joseph Pfeffer ein, der als Mitglied der katholischen Zentrumspartei verfolgt worden war. Er hatte ein schweres Amt zwischen den Anordnungen der französischen Militärverwaltung und den Bedürfnissen der Lörracher Bevölkerung. Für die meisten Lörracher ging der 24. April trotz Kriegsende wohl weniger mit einem Gefühl der Befreiung als mit einem Gefühl der Unsicherheit und Sorge vor einer ungewissen Zukunft zu Ende. In Basel und im Südelsass wurde dagegen gefeiert.
Der 23. April 1945
„Am
Montag [23. April 1945] suchten uns über Lörrach zwei Mal, gegen 16 Uhr und gegen 19 Uhr, acht Flugzeuge auf und nahmen uns jeweils zirka eine halbe Stunde unter Beschuss. Die Nacht war ruhig und am nächsten Morgen [Dienstag, 24. April 1945] gegen 10.30 Uhr trat bei schönstem Wetter die französische Artillerie in Aktion, gefolgt von einem Dauerbeschuss durch die Luftwaffe. Wir waren alle im Luftschutzkeller, wie Sie sich sicher denken können. Die Flieger waren nicht einmal zu sehen, doch sie haben uns gründlich beschossen. Nachdem die Flieger verschwunden waren, habe ich immer wieder aus dem Fensterschlitz geschaut, um mich zu vergewissern, dass es nicht brannte. Es gab nur ein einziges Feuer in zirka 300 Metern Entfernung von der Fabrik [Knopf- und Metallwarenfabrik Raymond in der Teichstraße] in Richtung Tumringen. Dabei handelte es sich um die große Tischlerei Weber mit dem großen Holzlager und Wohnhaus, die innerhalb von zwei Stunden vollständig heruntergebrannt ist. Gegen 13.30 Uhr tauchten die ersten Kampfpanzer auf dem ‚Lucke‘ genannten Hügel über Tumringen auf und kurz vor 14 Uhr erschien die Infanterie (ungefähr 30 Soldaten) aus Richtung Wiese, marschierte durch die Teichstraße und dann in Richtung Innenstadt. Gleichzeitig enterten weitere Truppen in Begleitung von Kampfpanzern aus Richtung Tumringen die Stadt. Auf der Brücke von Tumringen stießen sie auf etwas Widerstand, doch dieser war nur von kurzer Dauer. Die Brücke war nicht gesprengt worden, da die damit beauftragten Mitglieder des Volkssturms bei ihren Familien untergetaucht waren, nachdem sie die Zündschnüre für den Sprengstoff zerstört hatten. Das Gleiche passierte bei der Brücke über die Wiese auf der Straße von Tüllingen nach Lörrach. Die Eisenbahnbrücke vor dem Tunnel zwischen Stetten und Weil jedoch wurde bei Einfall der französischen Truppen in Lörrach gegen 5 Uhr morgens des gleichen Tages gesprengt. Insgesamt war der Empfang der Franzosen durch die Bevölkerung recht freundlich. Ich kann Ihnen allerdings nicht sagen, wie und wann genau die Stadt sich ergeben hat.“
Diesen Bericht schrieb Fernand Kaenel, technischer Direktor bei Raymond und Schweizer Staatsbürger, drei Tage nach dem Einmarsch der Franzosen an Albert-Victor Raymond in Grenoble, den französischen Eigentümer der Firma.