Purpur war seit der Antike ein Statussymbol der Eliten. Könige, Kaiser und Kardinäle trugen purpur gefärbte Textilien als Hoheitsabzeichen. Ein englischer Laborassistent machte den exklusiven Farbton für alle erschwinglich.
Schon am Anfang stand der Wunsch nach Exklusivität – ausgesprochen von einer schönen Frau. Der Überlieferung nach soll der phönizische Halbgott Melkart, von den Griechen mit Herakles gleichgesetzt, über beide Ohren in die Nymphe Tyros verliebt gewesen sein. Gemeinsam mit seiner Angebeteten saß er eines Tages am Meer, als sie beobachteten, wie der Hund des Helden eine Purpurschnecke fraß, woraufhin sich seine Schnauze purpurn einfärbte.
Dass der Farbstoff nicht abwaschbar war, beeindruckte Tyros tief. Nichts wünschte sie sich fortan sehnlicher als ein purpur gefärbtes Kleid. Ihr Wunsch war dem Helden Befehl: Er sorgte dafür, dass seine Herzensdame ein Gewand aus dem kostbarsten Farbstoff erhielt, der über Jahrtausende zum Statussymbol für Herrscher von Rang werden sollte.
„Die Pupurroten“ aus dem Libanon
Entsprechend dieser Geschichte geht man gemeinhin davon aus, dass die Kunst des Purpurfärbens von den im heutigen Südlibanon beheimateten Phöniziern, speziell von den Bewohnern der phönizischen Stadt Tyros, dem heutigen Sur, entdeckt worden sein soll. Nicht umsonst nannten schon die Griechen zur Zeit Homers jenes an der levantinischen Küste lebende Händlervolk Phoinikes, „die Purpurroten“, weil sie mit Purpur (griechisch: phoinix) gefärbte Stoffe im großen Stil vertrieben.
Inzwischen weiß man, dass bereits um die Mitte des 2. Jahrtausends vor Christus der Schneckenfarbstoff im minoischen Kreta verwendet wurde. Dort haben Archäologen Häuser freigelegt, deren Wände Fresken schmückten, die mit Purpur bemalt waren. Zudem fand man dort auch Bodenbeläge, die aus zerstoßenen Schneckenschalen gemacht waren – ein Beispiel für Nachhaltigkeit anno 1500 vor Christus.
Symbol für Status und Macht
Ganz gleich, ob nun die Phönizier oder die Minoer die Rezeptur zum Färben entdeckt haben, sicher ist, dass die Suche nach einem dauerhaften Textilfärbemittel die Menschen des Altertums schon früh beschäftigte und die Farbe Purpur für fast 3000 Jahre zum Symbol für Reichtum, Status und Macht wurde.
Bereits in der Mitte des 2. Jahrtausends vor Christus trugen die hethitischen Könige purpurne Kleidung als Ausdruck ihrer Majestät. Purpurdecken schmückten die Paläste der homerischen Helden genauso wir purpurne Seidenstoffe die vornehmen Toten in den Turmgräbern der Karawanenstadt Palmyra.
Gewonnen aus einer Schnecke
Am Hof der persischen Großkönige war der Purpur dem Herrscher vorbehalten. Und auch im antiken Rom hatte Purpur einen hohen gesellschaftlichen Stellenwert: Die „toga praetexta“, die mit einem Purpursaum geschmückte Toga, war die Amtstracht der Senatoren und führender Priester. Im Laufe der Zeit wurde Purpur in Rom zur Mode. Künstler und Redner schmückten sich mit ihm, ebenso siegreiche Feldherrn, natürlich auch die Kaiser.
Gewonnen wurde der begehrte Farbstoff aus einer Meeresschnecke, die im Mittelmeer heimisch ist: Hexaplex trunculus. Die Tiere sondern aus einer Drüse einen gelblichen Schleim ab, der im Sonnenlicht erst grün, dann blau, schließlich purpurn und scharlachrot wird und dabei einen übel riechenden, lang anhaltenden Geruch verströmt. Eine der frühesten Beschreibungen über die Technik des Färbens stammt aus der Feder des römischen Naturschriftstellers Plinius der Ältere. Daraus wird ersichtlich, dass die Herstellung eine äußerst mühselige Prozedur gewesen sein muss.
8000 Tiere für ein Gramm
Zunächst wurden die Tiere mit Reusen gefangen und von Hand geöffnet. Die herausgelösten Drüsen presste man, mit Salzwasser versetzt, in Keltern. Danach wurde der Schneckencocktail in Metallkesseln mit Urin eingekocht und so lange erhitzt, bis eine zähflüssige Masse entstand – der eigentliche Farbstoff. Auf diese Weise erhielt man je nach Mischung und Verarbeitungsdauer unterschiedliche Farbtöne, von einem tiefen Ultramarinblau bis zu malvenfarbigen Pinktönen.
Die experimentelle Archäologie hat nachgewiesen, dass man für die Herstellung von einem Gramm Farbstoff rund 8000 Purpurschnecken benötigte. Mit einem Kilogramm Drüsensekret ließen sich 60 Gramm Farbstoff gewinnen, mit dem sich gerade einmal 300 Gramm Wolle färben ließen. Hoher Aufwand beim Herstellungsprozess bei geringer Ausbeute erklärt, warum der Preis für Purpur ins Exorbitante stieg. So veranschlagte etwa das Diokletianische Höchstpreisedikt aus dem Jahr 301 nach Christus für ein Pfund doppelgefärbte Purpurseide die astronomische Summe von 150 000 Denaren, ein Betrag, für den ein römischer Legionär seinen Sold rund 100 Jahre lang hätte ansparen müssen.
Farbe des Kaisers
Mit der Exklusivität des Farbstoffs wuchs dessen Bedeutung als Hoheitssymbol. Zu Beginn der Spätantike, den Althistoriker zeitlich mit der Regierungszeit Diokletians 284 bis 305 nach Christus ansetzen, gehörte zum Hofzeremoniell die „adoratio purpurea“, das Küssen der kaiserlichen Purpurkleidung als Geste der Verehrung.
Als sein Nachfolger, Kaiser Konstantin, 330 seine neue Hauptstadt Konstantinopel gründete, wurde das antike Phönikien byzantinisches Territorium und die Seidenstoffe aus Purpur kaiserliches Monopol. Fortan traten die Kaiser Ostroms von Kopf bis Fuß in purpurner Kleidung auf. „Purpuram sumere“, „den Purpur nehmen“, war gleichbedeutend mit der Thronbesteigung. Purpurgeborene nannte man jene kaiserlichen Kinder, die am byzantinischen Hof geboren und in der „Porphyra“, jenem mit poliertem purpurnen Porphyr ausgelegten und rundum mit purpurnen Gardinen behangenen Raum, aufgezogen wurden.
Luxuriöser Teufelspomp
Mit der Aufwertung des Purpurs durch die weltliche Gewalt orientierte sich auch die junge christliche Kirche neu und erlag schließlich der Verführung durch die Farbe der Macht. Hatten die frühen Kirchenväter den Purpur noch als luxuriösen „Teufelspomp“ verdammt, fand die kostbare Kleidung jetzt auch Eingang in die Kurie – bis hin zum Kardinalspurpur, der noch heute den Rang der höchsten Würdenträger der katholischen Kirche für alle sichtbar macht.
In der Forschung wird der Niedergang des Schneckenpurpurs kontrovers diskutiert. Einige Gelehrte führen als Grund die arabische Eroberung der Levante im 7. Jahrhundert an, andere geben den Osmanen die Schuld.
Schildlaus statt Schnecke
Einen weit größeren Schlag versetzte der Purpurschneckenindustrie jedoch die Entdeckung Amerikas. Dort wurde seit alters die Cochenille-Schildlaus gezüchtet. Und ihr Purpurfarbstoff, der sehr viel einfacher zu gewinnen war, kam nun auch nach Europa. Als schließlich 1856 der englische Laborassistent William Henry Perkin zufällig den Farbstoff Mauvein entdeckte, war es mit der Exklusivität des Purpurs endgültig vorbei: Die Farbe der Könige ließ sich jetzt auch synthetisch herstellen. Die Purpurschnecke kann seither wieder unbehelligt am Meeresgrund leben.