In Nordeuropa hat kaum ein Bad mehr ein Bidet. Im Süden ist das anders. Lange vor der Antibabypille war das Bidet einst ein Mittel zur Empfängnisverhütung. Es ermöglichte Frauen einen sexuell freizügigen Lebensstil.
Im Frühjahr 2020, so berichtet es die amerikanische Zeitschrift „Architectural Digest“, hatten viele Hausbesitzer in den USA ein „dringendes“ Anliegen. Sie riefen bei Sanitäreinrichtern an und forderten den Einbau eines Bidets in ihren Bädern „so bald wie möglich“. Die Amerikaner haben die Zeit der Coronapandemie genutzt, um das Bidet für sich zu entdecken – warum? Offenbar, so das Magazin, da zu befürchten war, das Toilettenpapier könnte in der Coronapandemie knapp werden. Bidets oder ihre modernen Pendants, die Dusch-WCs, sollten die Intimreinigung übernehmen.
Das ist eine Entwicklung, die viele amüsiert, waren Bidets doch jahrzehntelang gerade in den puritanisch geprägten Vereinigten Staaten verteufelt worden. In der amerikanischen Logik muss schließlich alles, was mit Geschlechtlichkeit oder intimen Körperfunktionen zu tun hat, aus dem Blickfeld verschwinden – in die Toilette gespült oder unter langen Röcken versteckt werden.
Tobende Tugendwächter
Das Bidet ist allein durch seine Präsenz im Badezimmer ein sichtbar gewordener Verweis auf die „privaten Körperteile“. Man sagt, es soll amerikanischen Sittenwächtern vor gut 100 Jahren so sehr ein Dorn im Auge gewesen sein, dass die Betreiber des New Yorker Hotel Ritz neu installierte Bidets wieder herausreißen ließen, weil sich die Tugendwächter daran störten.
Was ist das – ein kleines Pissoir oder Kinderwaschbecken?
Auch viele Nordeuropäer kennen die kleinen Keramikwannen kaum noch. Höchstens in alten Häusern in Frankreich oder in Italien-Urlauben begegnet man den Wannen, die dort meist in Bädern neben den Toiletten angebracht sind. Was ist das – ein kleines Pissoir oder Kinderwaschbecken?
Andererseits könnte man auch fragen: Wer kam überhaupt auf die Idee, sich den Po und das Geschlecht mit Papier zu reinigen, statt einfach mit Wasser, wie in vielen anderen Ländern? „In den 1970er und 80er Jahren hatten viel mehr Leute auch in Deutschland ein Bidet“, sagt Simon Lauer von der Firma Villeroy und Boch. Das Bidet galt in diesen Jahrzehnten der ausladenden Einfamilienhäuser als Statussymbol gehobenerer Haushalte.
Doch gerade im sogenannten Premiumsegment beobachte man seit Jahren einen Rückgang beim Verkauf der Bidets. Immer mehr Käufer wollten jetzt Dusch-WCs, bei denen Toilette und Bidet eins sind, die Wasserbrause in der Kloschüssel integriert ist. Wohnungen und Bäder werden wieder kleiner, der Wohnraum knapper. Wer hat da schon Platz für ein extra Bidet?
Die Marquise saß auf ihrem Bidet, die Röcke gerafft, die Beine gespreizt
Am Hof von Versailles erobert die kleine Wanne zu Beginn des 18. Jahrhunderts die Gemächer der adligen Damen. Die Marquise de Prie, eine unter Louis XV. berühmt gewordene Selbstdarstellerin, soll ihre Zeitgenossen zugleich überfordert und fasziniert haben. Sie empfing Besucher in ihrem Zimmer gerne auf ihrem Bidet sitzend wie auf einem kleinen Pferdchen, die Röcke gerafft, die Beine gespreizt, so beschreibt es die Kulturwissenschaftlerin Annabelle Hirsch in ihrem Buch „Die Dinge der Frauen“. Die Marquise soll dabei seelenruhig nach dem neuesten Tratsch gefragt und ihre Gäste gebeten haben, auf dem Sofa Platz zu nehmen, während sie sich „den Po und wahrscheinlich alles andere“ wusch.
Als die Marquise de Prie am französischen Hof das Bidet nutzte, war es brandneu, in einer Zeit, in der man Wasser ansonsten für giftig hielt, vielmehr parfümierte man munter drauflos. Doch war es auch eine Phase, in der ein veritables Interesse an einem sexuell freizügigen Lebensstil aufkam – auch bei Frauen.
„Im 18. Jahrhundert ging es darum, zu gefallen und zu bestimmten sexuellen Praktiken zu animieren, nur nicht unbedingt den eigenen Ehemann“, schreibt Annabelle Hirsch. Am Hofe griff die Erkenntnis um sich, Sex könne auch Vergnügen sein und dürfe mit vielen Partnern ausgelebt werden. Auch Frauen, schreibt Annabelle Hirsch, durften sich außerehelich amüsieren.
„Unumgängliche Notwendigkeit“
Dabei sollten allerdings keine „Bastarde“ entstehen. Da konnte das Bidet helfen: Damen wuschen sich nach dem Geschlechtsverkehr damit – keine Erfolg versprechende Empfängnisverhütung. Viele glaubten, sich so sogar Geschlechtskrankheiten vom Hals halten zu können. Nach und nach entstand ein moderneres Verständnis der Intimhygiene. In einem französischen Handbuch zur weiblichen Hygiene von 1772 heißt es: „Die Pflege der vornehmen Körperteile ist eine unumgängliche Notwendigkeit.“
Doch seine Nutzung als Empfängnisverhütung und die damit einhergehende unmittelbare Verbindung zur Sexualität bescherte dem Bidet einen frivolen Ruf. „Wegen der Verbindung von Libertinage und Bidet nannte man das Objekt auch den ,Beichtstuhl‘ der Frauen, den ,Vertrauten der Damen‘ – sie würden ihm alles erzählen, sich auf ihm von ihren ,Sünden‘ reinwaschen“, so Hirsch.
Kleine Wannen
Die ersten Bidets waren kleine Wannen, in einen Stuhl versenkt, in die man Wasser geben konnte. In der Rückenlehne waren manchmal Kästchen mit Seifen und Schwämmen eingelassen. Man nannte es Bidet, angelehnt an ein altfranzösisches Wort für Pferdchen oder reiten, weil die Frauen rittlings darauf saßen.
Mobile Sitzwaschbecken waren zwar bereits in der Antike bekannt und auch damals schon eng mit dem Sexualleben verknüpft, doch wechselten sich in der Geschichte Jahrzehnte der Freizügigkeit häufig mit solchen der Sittsamkeit ab. Bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts war mit dem wilden Sexleben auch in gehobenen Kreisen schon wieder Schluss und die Lust der Frauen wurde „erneut mit Bitterkeit beäugt, Spaß und Leichtigkeit waren passé“, schreibt Hirsch.
Statt in Versailles stand das Bidet in den folgenden Jahrzehnten vor allem in Bordellen. Manche Hersteller nannten es gar „ Protektor“, was seinem Ruf in sittlichen Kreisen nicht gerade dienlich war. Zu dieser Zeit auch, so eine bekannte Anekdote um das Bidet, soll eine ahnungslose Amerikanerin in einem Pariser Hotel einmal hocherfreut beim Anblick eines Bidets gekreischt haben: „Oh how lovely, is it to wash the babies in?“ Die Zimmerdame antwortete nüchtern: „No, Madam, it is to wash the babies out.“