Der Wandel in der Kindererziehung soll sich auch in den Weiler Kindergärten widerspiegeln, sagen Julia Saiz (r.) und Theresa Aitala-Becherucci vom Gesamtelternbeirat der Kindergärten in Weil am Rhein. Foto: Beatrice Ehrlich

In Weil am Rhein haben Kindergarteneltern sich stadtweit vernetzt, um ihre Interessen zu vertreten. Einige Erfolge haben sie mit ihrer Initiative schon erzielt.

Den Impuls zur Gründung des Gesamtelternbeirats der Kindertagesstätten Weil am Rhein (GEB) gab eine Anfrage des Landeselternbeirats. So etwas gab es bis dahin in Weil am Rhein nicht.

 

Julia Saiz, Mutter dreier zwei, vier und neun Jahre alter Kinder und Stellvertreterin der Vorsitzenden Alexandra Steiert, berichtet: In regelmäßigen Abständen setzen sich die gewählten Elternvertreter der Weiler Kindergärten zusammen.

Es werde besprochen, was gut läuft, und wo die Eltern Verbesserungsbedarf sehen.

Die Stimme der Eltern sein

„Wir wollen die Stimme der Eltern in Weil sein“, sagt Saiz. In der Corona-Pandemie hätten sich Eltern bereits zusammengetan und seien „laut“ geworden.

Ein Anlass dafür seien immer wieder Einschränkungen der Betreuungszeit.

Einsatz für verlässliche Öffnungszeiten

Es komme vor, dass man als Eltern am Morgen über eine kurzfristige Schließung informiert oder gebeten werde, sein Kind früher abzuholen, beschreibt Aitala-Becherucci. Der Grund sei Personalmangel.

Eltern gehen arbeiten

Für Eltern, die arbeiten gehen, sei das ein großes Problem.

Ein Arbeitsbereich des GEB sei daher die Sicherstellung der Ganztagsbetreuung und der „verlängerten Öffnungszeit“ bis 14 Uhr, führt Saiz aus, deren Kinder den Kindergarten in der Kirschenstraße in Haltingen besuchen.

Statt um 17 Uhr wie früher ist um 14 Uhr Schluss

Dort sei zur Zeit um 14 Uhr Schluss, in anderen Kindergärten sogar noch früher. Spätestens am 2027 soll dort aber wieder von Montag bis Freitag die aktuell gültige reguläre Schließzeit um 16.30 Uhr gelten.

Wie das gelingt? Der Elternbeirat hat die Tagesbetreuung im Familienzentrum Wunderfitz mit ins Boot geholt.

Gesuchte Fachkraft: Erzieherin mit Kindern im „Haus der Kleinen Stühle“ in Weil am Rhein Foto: Beatrice Ehrlich

Tagesmütter kommen seitdem nach 14 Uhr in der Kindergarten und betreuen etwa zehn Kinder, deren Eltern dringend darauf angewiesen sind.

Eltern kümmern sich um vieles

Die Genehmigungen des Kommunalverbands für Jugend und Soziales Baden-Württemberg (KVJS) als Aufsichtsbehörde der Kitas zu erhalten und passende Verträge auszuarbeiten, sei mit einigem Aufwand verbunden gewesen, erzählt Saiz.

Ihre Vorstandskollegin Alexandra Steiert, Mutter von vier Kindern zwischen vier und neun Jahren, habe sich dafür eingesetzt – beharrlich und letztlich mit Erfolg.

Tageseltern und „Springer“ helfen jetzt aus

Die Kindergartenleitung und die Verantwortlichen bei der Stadt ließen sich von der Idee überzeugen.

Zusätzlich wurde ein Springer-System geschaffen: drei Erzieherinnen, die nun dort eingesetzt werden, wo sie am dringendsten gebraucht werden. „Das ist eine gute Sache“, freut sich Saiz.

„Es ist wichtig, dranzubleiben“

„Es war uns wichtig, dranzubleiben, damit der Normalzustand wiederhergestellt wird“.

Wie man Fachkräfte finden und diese halten kann, sei auch für die Elternvertreter ständiges Thema.

Die „Erziehungspartnerschaft“ mit Leben füllen

Doch dem Elternbeirat geht es noch um mehr als um verlässliche Betreuungszeiten. Vorstandsmitglied Theresa Aitala-Becherucci schildert ein weiteres großes Anliegen.

Eltern, die sich einmischen, würden oft als „Störfaktoren“ wahrgenommen, hat sie beobachtet.

Die Qualität verbessern

Dabei gehe es ihnen nicht um Kritik, sondern darum, die Erziehungspartnerschaft zwischen pädagogischem Personal und Eltern mit Leben zu füllen, betont sie.

Die Qualität der Kindergartenbetreuung könnte noch besser sein, sagt sie.

Herausfordernde Kinder, zunehmende Gewalt: Fachkräfte seien stark belastet, finden Weiler Elternvertreter. (Symbolbild) Foto: Julian Stratenschulte/dpa

So seien die Voraussetzungen zwar gut, etwa, wenn man den in Baden-Württemberg sehr guten Personalschlüssel oder die Ausstattung der Kindertageseinrichtungen betrachte.

Dennoch stelle sie immer wieder fest, dass Fachkräfte stark belastet seien.

Es gebe mehr „herausfordernde Kinder“, Gewalt unter Kindern nehme zu.

Mehr Fortbildung, Supervision und Resilienztraining könnten helfen, finden die Eltern.

Wichtig ist, was beim Kind ankommt

Der vorhandenen „Strukturqualität“ stehe vielerorts eine mangelnde „Prozessqualität“ gegenüber, bemängelt die Mutter zweier Kinder und Grundschulpädagogin von Beruf.

Prozessqualität: Damit sei gemeint, was beim Kind ankomme, etwa in Form von Zeit für dessen Bedürfnisse und Anliegen.

Eltern müssen sich Vorwürfe gefallen lassen

Dass Eltern immer nur fordern und Aufgaben abgeben wollen – diesen Vorwurf habe sie schon gehört, berichtet die Lehrerin.

Man wolle aber als Partner gesehen werden, nicht als Gegner.

Aitala-Becherucci appelliert an Kindergartenleitungen und Fachkräfte, Kritik von Eltern als Chance zu sehen, und diese nicht dafür zu „strafen“. Andere Eltern hätten ihr zurückgemeldet, sie seien nicht mehr gegrüßt worden.

Resilienztraining soll etabliert werden

Im Kindergarten Kirschenstraße haben Kinder und Erzieher nun erstmals ein Resilienztraining durchlaufen, in dem es darum ging, herauszufinden, was man wolle und was man nicht wolle, und dies angemessen auszudrücken.

Die Resonanz sei positiv gewesen. Weitere Weiler Kindergärten sollen nach dem Wunsch des GEB folgen.

„Generationenkonflikt“ in der Erziehung

Julia Saiz sieht hinter dieser Problematik auch ein gesamtgesellschaftliches Thema, einen regelrechten „Generationenkonflikt“. In der Erziehung ändere sich gerade viel, sagt sie. Kinder wüchsen heute freier auf als früher. „Uns wurden viel mehr Grenzen gesetzt, und auch mit Konsequenzen gedroht, wenn diese nicht eingehalten wurden.“

Kinder erziehen, ohne zu schimpfen

Es gehe darum: Wie erziehe ich Kinder, ohne zu schimpfen, ohne laut zu werden, ohne zu schlagen?, ergänzt Theresa Aitala-Becherucci. Für sie steht die Antwort fest: „Es geht darum, dass jeder für sich Grenzen setzt.“

Der Gesamtelternbeirat

Aufgaben
Der GEB setzt sich nach eigenen Angaben für transparente Kommunikation über verschiedene pädagogische Konzepte und Unterstützungsmöglichkeiten zur Entwicklung und Entlastung des pädagogischen Personals ein. Er erörtert Anregungen und Wünsche von Mitgliedern und trägt diese an die zuständigen Stellen weiter. Er tauscht sich regelmäßig mit den Kita-Leitungen und den Vertretern der Träger der Einrichtungen aus.

Kontakt
E-Mail: geb.kita.weilamrhein@gmail.com