In einem anspruchsvollen Weltcupspringen begeistert Richard Vogel die Zuschauer in der Stuttgarter Schleyerhalle. Der Bundestrainer lobt – und der Reiter spricht von einem „emotional ganz wertvollen“ Sieg.
Als auch das letzte Hindernis überwunden war, kannte der Jubel in der ausverkauften Hanns-Martin-Schleyerhalle keine Grenzen mehr. Der Jubel brandete auf, die Menschen sprangen auf – und im Sattel von United Touch, dem zwölfjährigen Hengst, entspannte sich die Miene von Richard Vogel. Dann streckte der gebürtige Riedlinger einen seiner Zeigefinger, senkte ihn in Richtung seines Pferdes – und zeigte immer wieder auf United Touch.
Der ihn gerade zum zweiten Mal zum Weltcupsieg im Großen Preis von Stuttgart getragen hatte. Nach 2022 holte sich Richard Vogel erneut den wichtigsten Titel des Stuttgarter German-Masters-Reitturniers – und war danach entsprechend glücklich. „Ich bin überglücklich“, sagte der 27-Jährige, „vor ganz vielen Familienmitgliedern und Freunden ist das emotional ein ganz wertvoller Sieg.“ Aber auch sportlich.
Denn der Kurs, den Parcoursbauerin Christa Jung zum finalen Wettkampf der 38. German Masters am Sonntagnachmittag in Stuttgart in die Schleyerhalle gesetzt hatte, bereitete zahlreichen Reiterinnen und Reitern Probleme. Am Ende blieben nur drei von 40 Paaren fehlerfrei und zogen in ein überschaubares Stechen ein.
Der Ire Denis Lynch legte auf Brooklyn Heights fehlerfrei vor, der Franzose und Vorjahressieger Kevin Staut (Dialou Blue) leistete sich einen Fehler am letzten Hindernis – ehe dann Richard Vogel in den Parcours ritt. Mit United Touch ging er im Stechen hohes Risiko, vor allem bei einer extrem engen Wendung. Das Hindernis wackelte, aber keine Stange fiel zu Boden – und als die Uhr stoppte, waren Vogel und sein Hengst nicht nur fehlerfrei geblieben, sondern auch rund drei Sekunden schneller als der Ire Lynch. „Er ist der verdiente Sieger“, lobte der Bundestrainer Otto Becker und nannte United Touch „sensationell, er hat unbegrenzte Möglichkeiten“.
Nur drei Reiter im Stechen
Richard Vogel hatte kürzlich auch den Weltcup in Lyon gewonnen. Im Finale um den German Master am späten Freitagabend in Stuttgart war er dagegen nicht dabei. Das gewann Steve Guerdat in einem wahren Herzschlagfinale. Der Schweizer im Sattel von Dynamix de Belheme lag am Ende nur eine Hundertstelsekunde vor der Italienerin Giulia Martinengo Marquet mit Scuderia 1918 Calle Deluxe.
Am Samstag war dafür der Weltcup in der Dressur ein wahrer Höhepunkt aus deutscher Sicht. In der auch da ausverkauften Schleyerhalle hatten die Zuschauer gespannt dem Auftritt von Isabell Werth auf Wendy hingefiebert, „sogar viele Springreiterinnen und -reiter sind in die Halle gekommen, um die beiden zu sehen“, sagte Turnierleiter Carsten Rotemund. Allesamt wurden sie nicht enttäuscht.
Die Dressurkönigin aus Rheinberg bestritt zwar erst ihre dritte Kür mit ihrer zehnjährigen Stute – die beiden bilden erst seit Beginn des Jahres ein Paar –, eine herausragende Leistung boten sie dennoch. „Es war aufregend, Wendy in der Halle zu reiten“, sagte Werth, betonte, die Stute sei „sehr fokussiert“ gewesen und freute sich nicht nur über die Wertung von 86,745 Prozent – sondern auch über die Entwicklung im Jahr 2024: „Wendys Verbesserung seit Anfang des Jahres ist absolut großartig.“
Gemeinsam waren die beiden schon bei den Olympischen Spielen in Paris erfolgreich gewesen – Gold im Team und Silber im Einzel. Nun schwärmte der Turnierleiter Kai Huttrop-Hage: „Es war in unserem kleinen Versailles in Stuttgart einzigartig.“ In Paris hatten die olympischen Reitwettbewerbe im Schlossgarten von Versailles stattgefunden.
Der Weltcup-Erfolg von Isabell Werth war bereits der elfte der 55-Jährigen in Stuttgart, in diesem Jahr gewann sie in der Schleyerhalle zwei Wettbewerbe, am Sonntag indes wurde sie Zweite hinter Katharina Hemmer (Borchen) auf Denoix PCH. Im Grand Prix Special, dem German Master der Dressur, ritt Werth allerdings nicht Wendy, sondern Gut Wettlkam’s D’avie FRH. Der zwölfjährige Wallach gehört Fußballstar Thomas Müller und dessen Frau Lisa. Auch für Hemmer war es der zweite Sieg in diesem Jahr in Stuttgart, weshalb sie ein glückliches Fazit der Tage in der Schleyerhalle zog: „Es war eine große Freude.“
So ähnlich sah das am frühen Abend dann auch Richard Vogel.
Erfreuliche Bilanz
Zuschauer
Kai Huttrop-Hage hatte am Sonntag eine recht mutige Idee. „Aus meiner Sicht“, sagte der eine von drei Turnierleitern beim German Masters in Stuttgart, „müsste diese ganze Woche in Baden-Württemberg zum Feiertag ausgerufen werden.“ Nun wusste er selbst, dass dies nicht passieren wird; allein, diese Aussage sollte die fast schon euphorisch stimmende Bilanz unterstreichen, die die Veranstalter nach fünf Tagen Reitturnier in der Schleyerhalle zogen.
Zukunft
Die nächsten drei Reitturniere in der Schleyerhalle bis ins Jahr 2027 sind bereits terminiert, schon bis in den November 2025 soll sich die Veranstaltung weiterentwickeln. „Stillstand bedeutet Rückschritt“, mahnte Kroll. Und Turnierleiter Carsten Rotemund will vor allem die Qualität in der Dressur-Konkurrenz noch einmal erhöhen: „Wir wollen noch mehr Top-Paare nach Stuttgart holen.“ Und dabei weiterhin mit der Atmosphäre und dem Zuschauerzuspruch punkten, nicht mit horrenden Preisgeldern.