Gerlinde Kretschmann ist seit zehn Jahren die Frau an der Seite des Ministerpräsidenten. An diesem Dienstag hat sie im Landtag von ihrer Krebserkrankung erzählt – und darüber, was ihr in Corona-Zeiten fehlt.
Stuttgart - Nein, der Frau sieht man es nicht an, dass sie die Strapazen einer Brustkrebserkrankung und die anschließenden Therapien hinter sich hat. Strahlend steht Gerlinde Kretschmann in grünem Kleid mit kurzem, elegantem Blumenblazer vor dem Plenarsaal im Foyer. Gleich wird ihr Mann die konstituierende Sitzung des 17. Landtags von Baden-Württemberg eröffnen. Morgens bei der Fahrt über die Alb habe es zwar gar nicht so ausgesehen: „Aber, gucken Sie, die Kastanien blühen, es ist Frühling.“
Das Wetter, derzeit mäßig temperiert, das spürt man bei ihrem kurzen Auftritt vor Mikrofonen und Kameras unmittelbar, ist spätestens seit der Krebs ihr Leben verändert hat, Nebensache. Da ist Corona ein anderes Kaliber, denn das Virus verhindert, dass „Feste so gefeiert werden können, wie sie eigentlich gefeiert werden müssten“. Und die erste Sitzung des neu gewählten Landtags, das ist für Gerlinde Kretschmann nicht nur ein Fest der Demokratie. Dass ihr Mann Winfried nun schon zum dritten Mal eine Landesregierung für fünf Jahre führen soll und als Alterspräsident zudem quasi die Rolle des Geburtshelfers für das neue Landesparlament übernimmt, ist auch ein privater Grund zum Feiern. Traurig nennt sie es, dass das jetzt wegen Corona nicht wirklich geht. „Ich durfte als einzige Vertreterin unserer Familie dabei sein. Das finde ich sehr schade.“
Die Operation hat sie gut überstanden
Wobei die Sache mit dem Alterspräsidenten für die 74-jährige frühere Grundschullehrerin zwiespältig ist: „Alterspräsident, das hört und fühlt sich schon sehr . . . alt an“, sagt sie nach einer kleinen Denkpause, in der ihr einfach kein treffenderes Wort einfallen will, und muss herzhaft lachen. „Alt und würdig“ fügt sie noch hinzu. Mit dem Alter ist es auch im Blick auf den Krebs so eine Sache. „Wissen Sie, ich bin eine ältere Frau – oder alte Frau –, und man hat die Diagnose rechtzeitig gestellt. Wenn junge Frauen Brustkrebs bekommen, ist das noch einmal etwas anderes.“ Sie selbst sei nach den letzten Monaten einfach „zufrieden, sehr zufrieden“
Die Operation habe sie gut überstanden und die sechswöchige Bestrahlung auch. „Jetzt darf ich dann noch zur Reha“, sagt sie, und danach will sie ihre ehrenamtlichen Tätigkeiten als die Frau an der Seite des Ministerpräsidenten wieder aufnehmen.
Geerdet und bescheiden, wie die Bürger sie in den vergangenen zehn Jahren als Landesmutter bei vielen Terminen erleben konnten, steht sie auch jetzt im Leben. Hier im Stuttgarter Landtag gibt sie zum ersten Mal seit ihre Krankheit im Februar öffentlich gemacht wurde, über diese Zeit Auskunft. Und man kann fast den Eindruck bekommen, der Krebs lasse sie noch ein wenig optimistischer in die Zukunft blicken als sonst. „ Schauen Sie, in normalen Zeiten hätte ich mich wirklich gegrämt, weil ich natürlich viele schöne Termine versäumt hätte. Aber jetzt? Ich habe nichts versäumt.“ Sogar dem Zusammentreffen der persönlichen Krebsdiagnose mit der globalen Pandemie gewinnt sie einen positiven Twist ab. Das muss man erst einmal schaffen.
Kampf für die Brustkrebs-Vorsorge
Gerlinde Kretschmann, so sieht es an diesem Morgen jedenfalls aus, gelingt das mit Leichtigkeit. „Sehen Sie, meine Mutter ist an Krebs gestorben, und ich lebe“, sagt sie gelassen in die Mikrofone. Dass sie jahrelang Schirmherrin des baden-württembergischen Mammografie-Screening-Programms zur Brustkrebsvorsorge gewesen ist, und der Krebs sie schließlich trotzdem erwischt hat, macht sie nicht bitter, sondern aktiv. Bei ihr wurde der Tumor nicht im Screening entdeckt, sondern erst mit 73 Jahren, als sie aus dem Programm längst „herausgewachsen“ war. Allen ihren behandelnden Ärzten hat sie deshalb ihre Überzeugung mitgeteilt, „dass das Screening nicht mit 69 Jahren auslaufen darf, sondern darüber hinaus weitergeführt werden muss“.
Für die nächste Zeit wünscht Gerlinde Kretschmann sich, dass Ihr Mann „wenigstens ein paar Tage daheim sein und runterkommen kann“, bevor das Regierungsgeschäft dann wieder richtig losgeht. Und möglichst bald will sie dann auch ihre ehrenamtlichen Aufgaben wieder wahrnehmen. Auf das „Singen mit Kindern“, freut sie sich besonders. Ihr fehle der Chorgesang, der wegen Corona derzeit nicht stattfinden kann.