Gerlinde Kretschmann war zu Gast in Rosenfeld. Über eine Frau, die sich nahbar zeigt und mit leichtfüßigem Humor überzeugt.
Für uns ist sie die First Lady“, eröffnete Bürgermeister Thomas Miller. Am Dienstagabend fand im Pflegewohnhaus die Veranstaltung „Rosenfeld trifft Gerlinde Kretschmann“ statt. Der große Raum im Foyer war bis auf den letzten Platz besetzt. Diese Erscheinung wollte niemand verpassen. Eine kleine Powerfrau mit roten Haaren, pinkem Jäckchen und vor allem einem Lachen, das auch den letzten mürrischen Opa von sich überzeugen konnte. Mit ihrem Humor, der leichtfüßig und authentisch daherkam, machte sie jegliche Formalitäten schnell vergessen.
„Plötzlich war ich jemand“
Gastgeber Miller hatte sich gewissenhaft mit einem langen Fragenkatalog vorbereitet. Mitunter wollte er wissen, was die einschneidenste Veränderung in ihrem Leben war, als Ehemann Winfried Kretschmann Ministerpräsident von Baden-Württemberg wurde. „Meine Rolle war plötzlich eine ganz andere“, sagt die First Lady des Landes. „Plötzlich war ich jemand.“ Niemand habe ihr sagen können, was da eigentlich auf sie zukommt. Als die ehemalige Lehrerin 2011 mit 65 Jahren pensioniert wurde, hatte sie schon eigene Pläne. „Ich wollte eigentlich reiten lernen – und dann kamen die Einladungen. Das war für mich auch neu, welche Bedeutung diese Einladung für die Menschen hat.“
Doch der Lebemensch fand sich schnell in seiner neuen Rolle ein. „Etwas Schöneres hätte mir nicht passieren können“, berichtet sie. „Es war auch anstrengend, aber warum auch nicht. Ist doch nicht schlimm, wenn mal was anstrengend ist.“ Geholfen dabei hat ihr sicherlich ihre unerschrockene Mentalität. Bei den vielen Delegationsreisen ihres Mannes etwa beschloss sie, dass da sie als Frau dabei sein sollte. „Manchmal muss man auch hinstehen und sagen, was einem guttut“, lautet ihr Rat.
Begegnung mit dem Papst
Und manchmal muss man wohl auch wissen, wann Schweigen die bessere Option ist. Auch dessen erweist sich Gerlinde Kretschmann als fähig. So erinnerte sie sich an die kuriose Situation zurück, den früheren deutschen Papst Benedikt in Lahr zu treffen. Eigens für ein privates Gespräch zwischen Kirchenoberhaupt und Ministerpräsident wurde im Flughafengebäude ein extra Raum eingerichtet. Die schwäbische First Lady war mit von der Partie. „Der kam dann in seinem weißen Papstgewand mit seinen roten Schühle“, berichtet sie. Und mit zwinkerndem Bedauern in der Stimme: „Aber da durfte ich dann nichts sagen.“
Sich etwas sagen zu lassen, das gehört offenbar auch nicht zu Kretschmanns Präferenzen. Als sie nämlich Papst Franziskus in Rom besuchte, hatte die Begegnung laut ihrer Erzählung einen offizielleren Charakter. Einen Schleier, um sich als Frau zu verhüllen, trug sie dennoch nicht im Vatikan. „Sie sind doch katholisch“, warf Bürgermeister Miller empört ein. „Aber noch katholischer muss ich nicht sein“, lachte die Powerfrau.
Nicht alles Eitel Sonnenschein
Auch wenn Gerlinde Kretschmann mit einem beschwingten Humor überzeugt, der seinesgleichen sucht, ist im Leben der Präsidentengattin natürlich nicht alles Eitel Sonnenschein. Als etwa der fleißige Fragensteller sich erkundigte, welche Auswirkungen das Amt auf die Familie hatte, erläuterte sie: „Mein Mann ist ja nicht als Ministerpräsident vom Himmel gefallen. Er war vor allem fort – und als Ministerpräsident noch forter. Die Kinder sind oft vor dem Fernseher gestanden und haben ihm gewunken.“ Doch auch hieraus zieht sie ihre Lehre: „Die Frau eines Politikers zu sein ist anders. Man muss sich sein eignes Leben aufbauen.“
Zu diesem Leben gehört für sie in erheblichem Maße das ehrenamtliche Engagement. So ist sie etwa Wanderführerin in der heimischen Ortsgruppe des Schwäbischen Albvereins. Die Entwicklung im Ehrenamt, für das immer häufiger eine finanzielle Entschädigung erwartet wird, beobachtet sie kritisch. „Wer soll das alles machen? Das Ehrenamt ist das Kit, das alles zusammenhält.“
Spricht offen über Krebs
Aktuell befindet sie sich übrigens auf Abschiedstour ihrer Schirmherrschaften, denn: „Mein Mann legt sein Amt nieder und ich dann auch.“ Ob ihr das schwerfalle, wollte Bürgermeister Miller wissen. „Ich habe es genossen, Dinge erlebt zu haben, die ich sonst nie erlebt hätte“, antwortet Kretschmann. „Aber ich bin 78. Es ist jetzt gut so. Jetzt geh ich mal in Rente.“
Als zum Abschluss auch die Gäste Gelegenheit bekamen, Fragen zu stellen, meldete sich eine einzige Frau. „Ich habe Sie immer geschätzt, auch wie nah Sie an den Menschen sind“, eröffnete die Fragenstellerin – und dann fragte sie unverfroren nach ihrer Krebserkrankung. Ein stilles und erschrockenes Rumoren ging durch die Reihen. Dem Bürgermeister entglitten die Gesichtszüge. Darf sie das? Doch Gerlinde Kretschmann blieb ganz entspannt und berichtete offen: „Ich war Schirmherrin der Mamographie und plötzlich war ich selber betroffen. Meine Mutter und Großmutter sind auch ans Krebs gestorben. Ich hatte wirklich das Glück, ohne Chemo davongekommen zu sein, nur mit OP und Bestrahlung.“ Seitdem werde sie oft von Betroffenen angesprochen. „Wie viele Frauen leiden mussten, hat mich mehr belastet als die eigentliche Erkrankung.“
Trotz des bedrückenden Themas zum Schluss bedankte sich die schwäbische First Lady aufrichtig: „Das waren jetzt auch für mich zwei schöne Stunden.“ Von der Stadtverwaltung gab es einen riesigen Kübel Rosen. Abgerundet wurde die Veranstaltung mit Musik und einem zwanglosen Umtrunk im Anschluss.