Verunsicherung wie Verdruss begleiten die Pläne zum geplanten neu strukturierten Ganztagsbetrieb an Schulen in Villingen-Schwenningen.
Der Ganztagsbetrieb an den doppelstädtischen Schulen soll umgekrempelt werden. Ganztagsschulen in ihrer bisherigen Form, das war gestern, stattdessen soll eine Modullösung her, und die wird für die Eltern nicht zum Nulltarif angeboten.
In der Gemeinderatssitzung am Mittwoch, 20. Mai, sollen die Weichen für eine Neuausrichtung im schulischen Alltag gestellt werden. Viele sogenannte 4a-Schulen werden ab dem Schuljahr 2027/28 keine verbindlichen Ganztagsschulen mehr sein, sondern flexible Lösungen anbieten, nach einem einfachen Kostenprinzip: Je länger das Kind in der Schule bleibt, desto teurer wird es. Hintergrund für die Zäsur im Ganztagsbetrieb: die Kostenersparnis, die sich auf gut 4,6 Millionen Euro jährlich belaufen soll. Nicht tangiert sind die Goldenbühlschule und die Bickebergschule in Villingen, da sie den Status einer Gemeinschaftsschule haben.
Noch Anfang Mai hieß es aus gut informierten Kreisen, dass die Gartenschule und die Friedensschule in Schwenningen ausgenommen werden könnten und weiterhin Ganztagsbetreuung wie bisher zum Nulltarif anbieten würden. Hintergrund: der große Anteil an Kindern aus Zuwandererfamilien, die einen besonders hohen Förderbedarf hätten.
Beide Schulen verlieren ihre 4a-Position
Doch mit Blick auf die Beschluss-Vorlage an den Gemeinderat erweist sich dies als frommer Wunsch: Auch diese beiden Schulen verlieren ihre 4a-Position. Während nicht wenige Eltern verunsichert sind und „nicht so recht wissen, was eigentlich auf sie zukommt“, ebbt die Kritik mit Blick auf die Kostenbeteiligung der Familien nicht ab. Prekär dürfte sich vor allem die Neuregelung für jene Eltern gestalten, deren Einkommen knapp über der Bemessungsgrundlage für Förderungen aus dem Teilhabegesetz liegen. „Ich kann mir kaum vorstellen, dass solche Kinder dann noch zu uns in die Nachmittagsbetreuung kommen“, beschreibt Elmar Dressel, Rektor der ebenfalls betroffenen Südstadtschule in Villingen, seine Bedenken.
Deshalb haben die betroffenen Schulleiter und Schulleiterinnen die doppelstädtische Stadtspitze und Gemeinderat dazu aufgefordert, für solche Fälle einen Fonds einzurichten. „Ansonsten laufen wir Gefahr, dass gerade Jungen und Mädchen, die eine gezielte Förderung benötigen, nicht mehr zu uns in die Ganztagsbetreuung kommen.“
In Gesprächen geht es immer wieder um die viel beschworene soziale (Bildungs-)Gerechtigkeit. Aber nicht nur. Was früher verbindlich und kostenfrei war, werde nun unverbindlich. Für Dressel wirkt sich das auch auf die Nachmittags-Gestaltung aus. „Wie soll eine Theater-AG noch weiterlaufen, wenn die Schüler kommen und gehen können, wann sie wollen?“
Es gibt auch versöhnliche Zwischentöne
Die Vorbehalte auf Pädagogen-Seite bleiben, warum kam es dann zum Schulterschluss zwischen Stadt und Rektoraten in der Ganztages-Sache? Zur Erinnerung: Noch vor wenigen Wochen gab es einen gemeinsamen Brief an Stadtverwaltung und Fraktionen, in denen alle kritischen Aspekte der Neuausrichtung im Ganztagsbetrieb aufgelistet wurden. Ein leitender Pädagoge bemüht in seiner Antwort das Bild zweier Zitronen, „die uns angeboten wurden: wir haben die weniger saure genommen“.
Übersetzt bedeutet dies: Entweder die betroffenen Schulen akzeptieren die Modullösung oder die Stadt zieht sich komplett aus der Betreuung zurück. Was fatal gewesen wäre, „denn sie hat bisher mehr hineingesteckt als sie musste“. Doch es gibt auch versöhnliche Zwischentöne: Die Stadt sei auch auf die Schulen zugekommen, an der Hausaufgabenbetreuung werde festgehalten. „Nur, das frage ich mich, kommen künftig auch wirklich alle Kinder in die Betreuung, die sie auch benötigen“, schaut Dressel erneut auf die kritische Kostenfrage.
Neuausrichtung als eine „Rolle rückwärts“
Für Tino Berthold, Vorsitzender des Gesamtelternbeirates Schulen, ist die Neuausrichtung des Ganztagsbetriebes eine Rolle rückwärts, vor allem deshalb, weil es auch Schulen träfe, die jahrelang für einen verbindlichen Ganztagsbetrieb gekämpft hätten. Auch er befürchtet, dass gerade „Schwellen-Familien“ ihre Kinder vom Ganztagsbetrieb abmelden, also Familien, deren Einkommen knapp über der Bemessungsgrenze für Unterstützung liege. Was er davon hält, dass gerade für solche Familien von der Stadt Spender gesucht werden sollen, um einen entsprechenden Fonds zu füllen? „Das ist ein Unding für ein Oberzentrum wie Villingen-Schwenningen.“