Als Kolonialbeamter in Burma und Freiwilliger im Spanischen Bürgerkrieg macht der Schriftsteller George Orwell Bekanntschaft mit zwei repressiven Systemen, die sein literarisches Schaffen prägen.
Die Wahrheit ist das erste Opfer des Krieges. Diese bittere Erkenntnis musste 1937 auch ein junger, von hehren Idealen erfüllter Journalist namens George Orwell machen. Der britische Freigeist, der für sechs Monate nach Spanien gegangen war, um über den Bürgerkrieg zu berichten, war der Erste, der sich mit dem Phänomen der Fake News auseinandersetzte.
In seinem 1938 erschienenen Buch „Mein Katalonien“ schrieb er rückblickend: „In Spanien habe ich erstmals die Begegnung mit Zeitungsartikeln gemacht, die nicht einmal eine lose Verbindung zu den Fakten haben.“ Er habe eifernde Intellektuelle erlebt, die emotional heftig auf Ereignisse reagiert hätten, die niemals stattgefunden hätten.
Kronzeuge des Spanischen Bürgerkriegs
Wer war dieser Mann, der mit seinem Instinkt für die Macht der Lüge schon früh erkannte, welche Wirkung erfundene Wahrheiten ausüben können, und der zu einem der wichtigsten Kronzeugen des Spanischen Bürgerkriegs wurde?
1903 als Eric Arthur Blair im nordindischen Motihari als Sohn eines englischen Kolonialbeamten geboren, wuchs Orwell in England auf. 1923 war er als Polizeibeamter in der Kolonialverwaltung in Burma tätig, konnte sich aber nur schwer damit abfinden, Handlanger eines unterdrückerischen Systems zu sein. Mit 24 Jahren quittierte er den Dienst und ging nach England zurück, wo er als freier Schriftsteller arbeitete.
Auf der Seite der Unterdrückten
Er schrieb Erzählungen, Essays und Reportagen, lebte mit Tagelöhnern und Obdachlosen in den Arbeitervierteln von London, vagabundierte als Hopfenpflücker und Gelegenheitsarbeiter durch Südengland und zog während der Weltwirtschaftskrise in die Bergbaureviere Mittelenglands, wo er über die Lebensbedingungen der Arbeiterklasse schrieb.
Seine Motivation beschrieb Orwell in dem 1937 erschienenen „Der Weg nach Wigan Pier“: „Ich fühlte, dass ich nicht nur dem Imperialismus entrinnen musste, sondern jeder Form der Herrschaft des Menschen über den Menschen. Ich wollte untertauchen, um geradewegs zu den Unterdrückten zu gelangen, um einer von ihnen zu sein und auf ihrer Seite zu stehen gegen die Tyrannen.“
Aus Blair wird Orwell
In diesen Jahren entwickelte sich seine Neigung, sich mit den Schwachen zu solidarisieren. Der innere Wandel manifestierte sich auch in seinem Äußeren. Statt feiner Stoffe trug er fortan Secondhand-Kleidung. Und so wurde aus dem Eton-Absolvent mit bürgerlichem Habitus namens Eric Arthur Blair der linke Schriftsteller George Orwell.
Ende 1936 reiste er nach Spanien, wo ein blutiger Bürgerkrieg tobte, der sich mit zunehmender Dauer ideologisierte. Am 18. Juli 1936 hatte eine Militärjunta unter Führung von Generalmajor Francisco Franco gegen die erst fünf Monate zuvor gewählte „Volksfrontregierung“ aus Sozialisten, Kommunisten und Anarchisten geputscht. Aus dem Aufstand wurde ein fast drei Jahre dauernder Bürgerkrieg, der sich bald zu einem Kräftemessen auswärtiger Mächte auswuchs: Hitler und Mussolini unterstützten Franco, Stalin die Republik, wobei sich die „Hilfe“ aus der Sowjetunion als Danaergeschenk erwies, da Stalin nicht nur Waffen, sondern auch Kader des berüchtigten Geheimdiensts NKWD schickte.
Karabiner statt Schreibmaschine
Orwell, von sozialistischen Idealen erfüllt, tauschte bald die Schreibmaschine mit dem Karabiner und trat der Miliz des trotzkistischen POUM („Partido Obrero de Unificación Marxista“, der Arbeiterpartei für marxistische Einheit) bei, in deren Reihen er an der aragonischen Front gegen die „Franquisten“ kämpfte.
Am 20. Mai 1937 wurde er durch einen Halsdurchschuss verwundet und in ein Lazarett nach Barcelona gebracht. Dort musste er entsetzt miterleben, wie stalintreue Kommunisten „Säuberungen“ wie in der Sowjetunion durchführten, um die Republik ihrer Kontrolle zu unterwerfen. Stalins Polit-Kommissare hatten nicht das geringste Interesse an der sozialen Revolution in Spanien. Es ging ihnen nicht um die Putschisten um Franco, sondern um die Eliminierung vermeintlicher Trotzkisten und damit aller Linken, die sich Stalins Kurs widersetzten.
Auf der Todesliste der Stalinisten
Orwell, der Zeuge und Betroffener dieser Hexenjagd war, beklagte „eine furchtbare Atmosphäre aus Verdacht und Hass, Lügen und Gerüchten“. Hautnah musste er mitansehen, wie Mitglieder der POUM als angebliche Spione Francos gefoltert und ermordet wurden. Auch er und seine Frau standen auf den Todeslisten der Stalinisten, nur dank der Hilfe des britischen Konsuls gelang es ihnen, rechtzeitig nach Frankreich zu entkommen. Für den Freigeist, der sich „vom Gefühl her als definitiv links“ bezeichnete und für den Sozialismus nicht marxistische Orthodoxie, sondern menschliche Gemeinschaft ohne Klassenbarrieren bedeutete, war die Zeit in Spanien ein Schlüsselerlebnis.
Hier machte er einschlägige Erfahrungen mit einer totalitären Partei, deren Unterdrückungsmethoden und systematische Lügen die Wahrheit zu verdrängen drohten. Und ihm wurde gewahr, dass die totalitäre politische Propaganda die absurdesten Lügen in die Welt setzen konnte und diese sich in eine Art Wahrheit verwandelten, wenn sie oft genug verbreitet wurden.
Schreckensbild wird Wirklichkeit
Orwell, der in Burma und in Spanien zwei unterdrückerische Systeme unterschiedlicher Couleur miterlebt hatte, verarbeitete seine Erfahrungen später in zwei zukunftweisenden Romanen: In „Animal Farm“ (1945), einer satirischen Fabel, erzählt er die Geschichte einer „verratenen Revolution“. In „1984“ (1949), einem dystopischen Roman, beschreibt er die Auswüchse gezielter Desinformation in einem totalitären Überwachungsstaat, der als „großer Bruder“ seine Bürger einer totalen Kontrolle unterzieht – seinerzeit ein Schreckensbild, das heute längst Wirklichkeit geworden ist.
Orwell war als Journalist um Objektivität und ein differenziertes Urteil bemüht. Diese intellektuelle Redlichkeit war mit ein Grund dafür, warum „Mein Katalonien“ weder in Francos Spanien noch in sozialistischen Ländern erscheinen durfte – und ihm auch im Stalin zugeneigten Teil des englischen Literaturbetriebs Probleme bescherte. Seiner Maxime, „Kämpfe für die richtige Seite, aber bleibe unbestechlich kritisch gegenüber deren Fehlern“, blieb er bis zuletzt treu.