Es ist die schönste Zeit des Jahres: Was Spargel mit Hedonismus zu tun hat.
Es ist Liebe. Es ist Leidenschaft. Es ist alles. Wenn es um Spargel geht, macht der Deutsche in der Regel keine Kompromisse. Und so ist es nur legitim, ein paar Wochen nach dem Kollegen an dieser Stelle wieder über das königliche Gemüse zu schreiben, das uns die nächsten Wochen verschönern und, wenn es gut läuft, unseren Speiseplan bestimmen wird.
Der weiße Spargel ist vielleicht die letzte Bastion echter Saisonalität. Kaum ein Volk ist so besessen von diesem Gemüse wie wir Deutschen. Da lassen wir auch keine Exportware zu. Bei allem anderen nehmen wir es ja nicht so genau: Avocados aus Mexiko, Erdbeeren aus Marokko oder Tomaten aus Spanien, alles ist immer und überall zu haben. Der Kunde bekommt, was er will. „The public gets what the public wants“, sang schon Paul Weller bei The Jam. Aber beim Spargel muss die Zeit stimmen – und wir wissen schon beim ersten Genuss, beim ersten Bissen im Jahr, wie schnell die Saison wieder vorbei sein wird.
Spargel ist eines der wenigen Gemüse, bei dem selbst eingefleischte Fleischesser das Schnitzel zur Beilage degradieren und das Gemüse in den Mittelpunkt stellen. Und Spargel ist der Grund, warum man auch im Alltag gerne länger in der Küche steht. Das dauert eben, bis die Stangen geschält sind. Denn nur Anfänger kaufen geschälte Ware.
Spargel ist ein Grund, Freunde einzuladen. Spargel ist der Anlass, vielleicht mal wieder mehr als eine Flasche Weißwein zu öffnen. Spargel ist die Entschuldigung für das kleine bisschen Unvernunft in einer Welt voller Regeln und selbst auferlegter Verbote.
Spargel ist der Grund für kulinarischen Hedonismus. Das Gemüse verträgt sich mit allem, was fett ist. Als Ausrede hat man ja viel Gemüse auf dem Teller, dazu eine Sauce Hollandaise oder Butter, Pfannkuchen oder Kratzete, gekochten oder rohen Schinken, vielleicht ein kleines Schnitzelchen? Manche mögen auch etwas Lachs dazu. Und haben wir schon über Kartoffeln gesprochen?
So weit, so klassisch. Ich finde, zur Spargelzeit darf man auch mal über den Sauce-Hollandaise-Rand hinausschauen. Wunderbar sind die Spitzen im Risotto oder mit einer Weißweinsauce, die sich sanft um frische Tagliatelle schmiegt. Spargel funktioniert als Salat, als Quiche, und wer sich traut, gart die Stangen in einer Miso-Bechamel-Sauce. Wie wäre es mit Spargel zu jedem Gang? Vorneweg als Suppe, zum Dessert – sehr gewagt – zu einem Sorbet verarbeitet. Spargel ist Liebe. Die verzeiht ja bekanntlich vieles. Denn auch im Nachhinein bleibt Spargel olfaktorisch, äh, einzigartig.