Kaviar und Kotelett, Schweinebauch und Palatschinken. So geschmackvoll war 2024.
In einer von allerlei Krisen erschütterten Welt ist es bisweilen schwer, haltlos zu genießen. Andererseits braucht man etwas Schönes nicht gerade dann, wenn die Welt besonders herausfordernd ist? Aller Schwere steht die Sehnsucht nach Genuss und nach Geselligkeit gegenüber. Dass alles kein preiswertes Zuckerschlecken ist, dafür ist auf diesen Zeilen kein Platz.
Auch nicht für die wahnsinnig deutsche Eigenschaft, dass da der neidvolle Blick über den Gartenzaun immer mitschwingt - was die Nachbarn für Urlaube machen, was für ein Auto fahren oder eben für Kulinarik ausgeben. Kann einem eigentlich egal sein. Wir sollten dabei viel weiter schauen zu unseren europäischen Nachbarn, zu den Franzosen oder Österreichern, die den Weltuntergang mit einem Gespritzten oder einem Glas Champagner begehen.
Ende des Jahres ist es stets an der Zeit, Bilanz zu ziehen. Das endet meist in Bestenlisten, was wir gerne geschaut, gelesen, gehört haben. Bestenlisten von Restaurants gibt es viele verschiedene, die natürlich alle Humbug sind. Essen ist subjektiv, oft von der Tagesform, nicht nur der des Kochs und des Service, abhängig, sondern eben auch von den Gästen und mit wem man gemeinsam am Tisch sitzt. Und: Essen ist hochgradig emotional.
Wenn man nun also teilt, was einen 2024 besonders gut geschmeckt hat, ist das zugleich eine Öffnung des Innenlebens. Ich teile gerne, was mir wo besonders gut geschmeckt hat, wer tolle Palatschinken (Tschecherl), ein fantastisches, zeitgeistiges Drei-Sterne-Menü (Schloss Schauenstein), den besten Rostbraten (Wielandshöhe), die tollsten Würstel (Wirsberg), das beste Schweinekotelett (Spielweg) oder den erhabensten Schweinebauch (Jan) gemacht hat.
Aber berührt hat mich ein scheinbar unscheinbares Gericht ganz besonders: Im Essigbrätlein in Nürnberg, bekannt seit Jahrzehnten für einen progressiven Umgang mit Gemüse, wurde mir eine Forelle serviert. Ein schlichter Fisch in Rharbarberessig. Doch darauf waren kleine Kartoffelstückchen drapiert und gerade im Schmelz begriffene wunderbare Wachholderbutter. Dieser schlichte Geschmack von Kartoffeln mit Butter ist für mich Kindheitserinnerung pur. Und da ist sie wieder, diese ganz persönliche und emotionale Sache mit dem Essen, das einen zurückbeamen kann in die Kindheit, als die Welt noch in Ordnung schien.