Freiwillige Helfer haben nahe Göttelfingen 5000 Jungbäume gepflanzt, um dadurch ein Agroforstsystem aufzubauen. Foto: Matheis

Im Rahmen einer Großaktion hat der Hof Sonnenwald gemeinsam mit freiwilligen Helfern aus der gesamten Bundesrepublik etwa 5000 Jungbäume und Sträucher in Göttelfingen gepflanzt.

Seewald-Göttelfingen - Ursprünglich war die etwa sechs Fußballfelder messende Fläche ausschließlich Acker. Im Zuge der Pflanzaktion wird sie zu einem regenerativem Agroforstsystem umfunktioniert, wie der Hof Sonnenwald mitteilt. Doch was ist damit eigentlich gemeint?

 

"Agroforstsysteme kombinieren Bäume mit Ackerbau und Viehhaltung und ermöglichen so eine Doppel- oder gar Dreifachnutzung von Agrarland", erklärte der Landwirt Paul Hofmann, der bei der Aktion mit dabei ist. "Dabei werden Bäume so gepflanzt, dass ackerbauliche Nutzung und effizienter Maschineneinsatz weiterhin möglich ist."

Vielseitiger Lebensraum für Vögel und Insekten

Der Agrarökologe Olef Koch leitet gerade eine Gruppe an, die Bäume in eine der vielen Reihen pflanzt. Er arbeitet an der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg an der Frage, welche Bäume angesichts des Klimawandels künftig hierzulande gut wachsen werden.

Koch erklärt den Teilnehmern der Pflanzaktion die Hintergründe: "Durch die vielfältigen, positivem Wechselwirkungen sind die Erträge in Agroforstsystemen um 30 bis 60 Prozent höher, als wenn Bäume, Sträucher und Getreide getrennt voneinander angebaut werden." Weiterhin biete die Mehrfachnutzung vielseitigen Lebensraum, insbesondere für Vögel und Insekten. Durch die sich erhöhende Biodiversität werde die natürliche Widerstandskraft von Agroforstsystemen gestärkt, was den Bedarf an teuren Pflanzenschutzmitteln senke, so Koch.

Aus CO2 wird Kohlenstoff im Boden

Im Zuge des Baumwachstums entziehen Agroforstsysteme der Atmosphäre CO. Über Photosynthese binden die Bäume und Sträucher den Kohlenstoff in sich und im Boden. Dadurch entsteht Humusaufbau, der wiederum die Wasserspeicherfähigkeit jährlich um mehrere 100 000 Liter je Hektar erhöhen kann.

Wie viel Kohlenstoff tatsächlich gebunden wird, erforscht die Uni Hohenheim sowie das Humusprojekt vom Naturpark Nordschwarzwald. Dafür wurden während der Pflanzung 100 Bodenproben auf der Fläche genommen. Doch schon jetzt gelten Agroforstsysteme unter Experten als vielversprechende Strategie für Artenschutz sowie Klimaanpassung und Klimaschutz. Daher sollen diese ab nächstem Jahr auch mit einer zusätzlichen Flächenprämie staatlich gefördert werden.

Seltene Obstsorten bewahren

Doch das ist nicht alles. Im Göttelfinger Agroforstsystem wird besonderer Wert auf Sortenvielfalt gelegt. Hierdurch sollen insbesondere seltene, alte und regionale Obstsorten bewahrt werden. Deshalb wurden etwa 45 Apfel- und 20 Birnensorten verpflanzt. Zusätzlich haben diverse Wertgehölze und Beerensträucher im System Platz gefunden. Dicht gepflanzte Pioniergehölze wie Pappel, Weide, Birke und Erle sollen durch häufigen Rückschnitt das System düngen.

Bis zum vollen Ertrag vergehen noch einige Jahre

Mittelfristig werden die geernteten Früchte neben Tafelobst zu Marmeladen, Säften, Ciderwein und Edelbränden weiterverarbeitet. Die Produkte sollen im Rahmen einer Solidarischen Landwirtschaft vermarktet werden.

Bis das Göttelfinger Agroforstsystem in vollem Ertrag steht, werden wohl noch einige Jahre vergehen. Doch schon dieses Jahr können sich die Anwohner auf eine blühendes Feld freuen, das Produktivität mit Naturschutz verbindet