Kerstin Schäfer ist zurück im Leben - aber der Weg dorthin war nicht einfach. Foto: Cornelia Spitz

Nach Leukämie und Stammzellenspende schien Kerstin Schäfer gerettet. Doch der wahre Kampf dauerte an. Wie sie sich nach dem Wunder des Lebens schrittweise zurückkämpft.

Die Verabredung auf diese Tasse Kaffee ist fast drei Jahre alt. So lange ist es her, dass Kerstin Schäfer in der Redaktion des Schwarzwälder Boten saß, während sie um ihr Leben kämpfte.

 

Kerstin Schäfer, geborene Lischker, war 2022 an Leukämie erkrankt, im selben Jahr im Dezember nach mehreren Zyklen Chemotherapie als geheilt entlassen worden – nur wenig später der große Schock: Die Leukämie war zurück. Plötzlich blieb nur noch eine Option: die Stammzellenspende. Ein Aufruf zur großen Typisierungsaktion wurde gestartet.

Über 100 potenzielle Stammzellenspender kamen alleine ins Vereinsheim in Obereschach, um sich registrieren zu lassen. Die Hoffnung groß – die Chancen aber klein: „Die Wahrscheinlichkeit seinen genetischen Zwilling zu finden, liegt zwischen 1 zu 1000 und 1 zu mehreren Millionen“, informierte das Team der Freiburger Stammzellendatei damals.

Doch Kerstin Schäfer hatte Glück: Es gab ihn, diesen genetischen Zwilling, und er war schließlich nicht nur in der Stammzellenspenderdatei registriert, sondern auch noch willens, zu helfen. Immerhin 50 Prozent Überlebenschance. Und doch: Kerstin Schäfer blickt an diesem Frühlingstag im März 2026 auf einen weiteren Kampf – den Kampf zurück ins Leben.

Das Schwierige kommt erst danach

„Wenn all das einmal überstanden ist, gehen wir einen Kaffee trinken und erzählen diese Geschichte“, eine Geschichte, die Mut macht. 2023 ins Auge gefasst, schien der Termin nach der erfolgreichen Typisierungsaktion im Folgejahr und einer Stammzellentransplantation in Freiburg in greifbarer Nähe zu sein.

Die an Leukämie erkrankte Kerstin Schäfer (links) und Julia Braun, administrative Leiterin der Freiburger Stammzellendatei, am Rande der Typisierungsaktion im Obereschacher Vereinsheim. (Archivfoto) Foto: Rainer Bombardi

Doch der Weg an die Kuchentheke war einer mit vielen Abbiegungen, Hürden, Geduldsproben.

Am 20. Oktober 2023 in Freiburg in die Uniklinik eingeliefert, am 30. Oktober transplantiert – „das war nicht schlimm“, schildert Kerstin Schäfer rückblickend. Die Lösung ist im Beutel, „der tropft dann in Dich rein und in einer halben Stunde ist der Käs’ gegessen“, sagt sie lächelnd.

Das Schwierige kam erst danach. Völlig entkräftet, weil das Immunsystem komplett heruntergefahren worden war, wochenlang alleine im Klinikzimmer, „kein Hunger, kein Appetit“, kaum noch Muskulatur. „Ich bin mit 66 Kilogramm gekommen, nahm auf 56 Kilogramm ab.“ Eine Art hochkalorische Astronautennahrung sollte es richten, 900 Kalorien in Beutelform. „Banane und Erdbeere ging am besten“. Jede noch so kurze Runde durch die Klinik mit Rollator oder am Arm der Physiotherapeutin eine Herkulesaufgabe. Keine Kondition mehr, „völlig kaputt“. „Das ist schon frustrierend.“

Alle drei Monate ein Etappensieg

Am 15. Mai 2024, nach einer wochenlangen Reha mit unzähligen Anwendungen und allen möglichen Therapien in Freiburg, kehrte Kerstin Schäfer wieder nach Hause zurück. Im alten Leben angekommen aber war sie noch nicht. Bei den täglichen Spaziergängen in Obereschach, die sie sich verordnete, kämpfte sie um jeden Meter. Jede Steigung feierte sie innerlich und jede Strecke, die „wieder geht“.

Noch immer spielt der Körper nicht richtig mit, der Darm macht noch Probleme. Zuletzt war sie zudem oft krank, kämpfte mit einem Infekt nach dem anderen, oft mit hohem Fieber und völliger Mattigkeit. Und doch: alle drei Monate bei der regelmäßigen Kontrolle ein weiterer Etappensieg – die Werte sind noch immer in Ordnung.

Wattestäbchen eines Typisierungskits – wer zum Retter werden möchte, kann sich sogar bequem von zu Hause aus registrieren lassen. Foto: Spitz

Geradeheraus ist sie noch immer. Um den heißen Brei herumzureden liegt ihr nicht. Und mit sich selbst geht sie hart ins Gericht. „Ich bin brutal langsam geworden, egal was ich tue.“ Sie hadert mit den Wortfindungsstörungen und Erinnerungslücken, die hier und da klaffen, mit dem plötzlich eingesetzten Alterungsprozess und den feinen Fältchen, die sie früher so gar nicht hatte. Ihr Mann treibt sie an – motiviert sie, wieder aufs Rad zu steigen oder sich hinters Lenkrad zu setzen. Neulich hat sie sich zu einem Fitnesskurs angemeldet, ihre Radtouren werden immer ein kleines bisschen länger und im nächsten Herbst, da will Kerstin Schäfer wieder im Fitnessstudio trainieren. „Ich kann nicht aufm Sofa rumliegen“, gesteht die heute 63-Jährige und lächelt schelmisch, als sie ein Stückchen Eierlikörkuchen in den Mund schiebt und genüsslich hinunterschluckt. „Ich kann jetzt essen was ich will – Gewichtsprobleme habe ich keine mehr.“

Brief an eine Unbekannte

Was sich noch verändert hat? Nein, einen zweiten Geburtstag feiere sie nicht – „welcher sollte das auch sein, das müssten mehrere sein“.

Einer davon geht aufs Konto einer Unbekannten: ihrer Stammzellenspenderin. Ihre Identität ist ein streng gehütetes Geheimnis, aber immerhin einen Brief durfte sie ihr schreiben – ebenfalls anonym versteht sich. „Ich habe ihr meine Geschichte erzählt, mich tausendmal bedankt, weil sie als Spenderin meine Rettung war.“

Klar, habe sie vor einem erneuten Rückfall „irgendwie Angst“, gesteht sie nickend, „aber tatsächlich verblasst das“. Dann hält sie nachdenklich inne, und fällt ihr doch noch etwas ein, das jetzt gravierend anders ist als früher: „Ich habe Angst um meine Kinder, meinen Mann, dass einer von ihnen mal krank wird.“ Sorgen, die früher so weit weg waren.

Lebensretter werden

Typisierung zu Hause
Wer sich selbst typisieren lassen möchte, kann auf der Internetseite der Uniklinik Freiburg unter www.uniklinik-freiburg.de/stammzelldatei ein Typisierungskit per Post anfordern. Per Post erhält man dann alles Erforderliche: Info-Broschüren, eine ausführliche Anleitung für den Wangenabstrich, die Einverständniserklärung, Wattestäbchen, eine Klappkarte, einen Plastikbeutel sowie die Rücksende-Unterlagen.

Mit Geld helfen
Wer nicht mit einer Typisierung helfen kann, aber etwas tun will, kann auch Geld spenden, denn: Auch Geldspenden helfen Leben zu retten, da die Kosten der Typisierung in Höhe von 50 Euro von der Freiburger Stammzelldatei getragen werden müssen und aus Spendengeldern finanziert werden.