Der demografische Wandel und die Überalterung der Gesellschaft ist auch in Sulz spürbar. Ein Konzept zur Stärkung des Bürgerengagements direkt vor Ort soll dem entgegenwirken und zu mehr Lebensqualität führen.
Passend zum Internationalen Tag der Pflege, der an den Geburtstag von Florence Nightingale erinnert, wird im Verwaltungsausschuss ein besonderer Tagesordnungspunkt diskutiert: Das Konzept von Sulz als einer „Sorgenden Gemeinschaft“.
„41 Prozent der Bevölkerung leben alleine in Einzelhaushalten“, verweist Hans-Ulrich Händel, Beauftragter für Bürgerengagement und Bürgerbeteiligung, auf eine 2023 erschienene Studie des Statistischen Bundesamtes.
Aktive Nachbarschaftshilfe
Das habe direkte Auswirkungen auf das Leben der Bewohner, denn mit zunehmendem Alter könnten schon kleine Vorfälle dazu führen, dass die Alleinlebenden ihren Haushalt nicht mehr selbst bewältigen können und oftmals in ein Pflegeheim müssten.
„Eine Unterstützung, beispielsweise durch eine aktive Nachbarschaftshilfe in Verbindung mit professioneller Pflege kann hier den Ausschlag geben“, erklärt er.
Ehrenamt ist überall Thema
Und zieht dazu weitere Daten heran. So engagierten sich im Durchschnitt fast die Hälfte der 14- bis 30-Jährigen auf freiwilliger Basis – nämlich 45 Prozent.
Etwas geringer – 41 Prozent – ist es bei den 31- bis 45-Jährigen. Die größte Ehrenamtsbeteiligung ist mit 50 Prozent bei den 46- bis 65-Jährigen zu beobachten. „Bei den Menschen, die älter als 65 Jahre sind, engagieren sich 20 Prozent“, beschreibt Händel die nächste Alterskohorte.
Für Jung und Alt
Seine Vision: generationenübergreifende Projekte, die Netzwerke vor Ort etablieren und so den sozialen Zusammenhalt stärken.
Das könnten offene Treffpunkte in den Stadtteilen oder auch eine digitale Plattform für die Unterstützung im Alltag, etwa die „Hilver-App“, sein.
„Der Aufbau einer ehrenamtlichen Nachbarschaftshilfe ist ein weiterer wichtiger Baustein“, bringt er einen Vorschlag der Sozialstation ein. Dies könnte auch Unterstützung für alleinlebende Menschen beinhalten. „Auch junge Menschen sind von Einsamkeit betroffen“, weitet Händel den Blick auch für Heranwachsende.
85 000 Euro Förderung möglich
Neben der Förderung einer lebendigen Demokratie und somit der Erfahrung von Selbstwirksamkeit sind auch Angebote zum digitalen Kompetenzerwerb in Bezug auf Smartphone und Co. angedacht.
Gefördert kann dies über das Programm „Quartiersimpulse“ der Allianz für Beteiligung werden. Ein erfolgreicher Antrag bedeutet 85 000 Euro über einen Zeitraum von zwei Jahren.
Keine Ruhe für Händel
„Wie werden pflegebedürftige Menschen künftig versorgt“, spricht Händel eine demografische Herausforderung an. Was es brauche, sei seiner Einschätzung nach ein „Wohlfahrtsmix“ aus professionellen Strukturen und Bürgerengagement.
Die Frist für den Förderantrag ist der 8. August, zuvor braucht es jedoch noch einen Beschluss des Gemeinderates. Nach seinem Ruhestand wolle er als externer Berater weiterhin für die Stadt tätig sein und sich als Koordinator in das Projekt einbringen. „Ich bin innerlich schon im Bewerbungsverfahren“, schmunzelt Händel.
Jugend kann helfen
Für Barbara Klaussner (CDU) ist das Projekt nur folgerichtig. „Bürgerbeteiligung wird bei uns seit Jahren großgeschrieben“, sagt sie. Da sei solch ein Konzept einer aktiven Nachbarschaftshilfe voll zu unterstützen.
Und Johanna Schrön (SPD/GAL) regt mit Digital-Kurse für Ältere gleich konkrete Maßnahmen an, so dass Jugendliche den Senioren bei der Nutzung von Whatsapp oder der Aktualisierung der Handy-Software helfen könnten.
„Packen wir es an“
Händel bringt die nächsten Schritte ein. So könnten sich vier Ortsteile mit ihren Projekten für den Förderantrag bewerben. „Das werden wir mit den Ortsvorstehern besprechen“, versichert Bürgermeister Jens Keucher.
Und blickt positiv nach vorne: „Die Sorgende Gemeinschaft ist ein Zukunftsthema – packen wir es an.“
Pflege und Sorge
Florence Nightingale
gilt als Begründerin der modernen Krankenpflege und Reformerin des Sanitätswesens. Während des Krimkriegs (1853–1856) sorgte sie für die Pflege verwundeter britischer Soldaten.
Hilver-App
Die „Hilfevermittlung“ ist eine digitale Plattform, mit der Hilfen im Alltag, etwa kleinere Reparaturen in Haus und Garten, Einkaufsdienste bei Krankheit oder Begleitung mit Fahrt zu Arztterminen.