Für die einen ist das Gendern notwendig, ander sehen es nicht als entscheidend an. Foto: Gollnow

Beim Gendern ist sich Deutschland uneins. Wir haben Menschen aus den Bereichen Schule, Kunst und öffentlicher Verwaltung gefragt, wie sie damit umgehen.

Donaueschingen - Befürworter des genderns wollen erreichen, dass in der Sprache alle Geschlechtsidentitäten berücksichtigt werden, Kritiker beschweren sich über eine unnötige Verkomplizierung der Sprache durch Binnen-I, Sonderzeichen wie Sternchen und Pausen beim Sprechen.

Für Katja Fox, Rektorin an der Realschule Donaueschingen, spielt das Gendern täglich eine Rolle. Besonders in ihrem beruflichen Alltag sei es "wichtig, dieses Thema aufzugreifen". Sie selbst spreche inzwischen von Schülerinnen und Schülern, sowie Kolleginnen und Kollegen, nutzt also Paarformulierungen. Allerdings würde es sie nicht stören, zur "Gruppe der Lehrer" gezählt zu werden. Die öffentliche Diskussion um das Thema gehe in manchen Bereichen "zu weit und ist übertrieben", findet die Rektorin. Auch Sprachpausen, wie sie häufig bei Nachrichtensprechern zu hören sind, stören sie, da sie mühsam anzuhören seien.

Im Schulbetrieb sind die Meinungen der Kollegen laut Fox unterschiedlich, dementsprechend auch die Handhabung der Thematik. Eine Kollegin äußert sich laut der Rektorin so, dass sich die Wahrnehmung von Frauen in der Gesellschaft ändern müsse, das Gendern spiele dabei keine besondere Rolle. In Aufgabenstellungen für Schüler würde versucht, "Rücksicht zu nehmen", so Fox. In den Schulbüchern sei das Gendern aber noch nicht anzutreffen.

Schwieriges Thema

Für Friedrich Hucke, Kunstschaffender in Donaueschingen, ist das Gendern ein Thema, mit dem er sich schwertut. Er schreibt auch selbst, nimmt die Sprache ernst. "Dass die Sprache sich verändert, ist doch völlig klar", betont Hucke. Er denkt unter anderem an Anglizismen, die heute als völlig normal gelten. Er selbst gendert nicht, sucht lieber nach geschlechtsneutralen Begriffen. Mit den Umschreibungen will er auch den Konflikt vermeiden. Ein Problem hätte er allerdings mit Kritik an seiner Art der Sprache, also dem Verzicht auf das Gendern.

In der Diskussion um das Gendern sei "eine gewisse Hysterie entstanden", sagt Hucke, die würde ein Unwohlsein in der Gesellschaft auslösen. Eine Möglichkeit für die unterschiedlichen Auffassungen könne ein Generationenkonflikt sein. "Wir haben Sprache anders gelernt", sagt der 69-Jährige. Auch wenn er selbst nicht gendern müsse, sei es nicht an ihm, Kritik zu üben. "Die Welt ist bunt", es sei Toleranz gefragt. In seinem Schaffen greift er die Thematik auf, so entstand das Werk "Gender 2.0", das sich mit internen Beziehungen und gesellschaftlichen Verhältnissen auseinandersetzt.

Gesellschaftlich empfindet er die Diskussion um das Gendern als größer als sie eigentlich sein sollte. Andere Probleme sollten seiner Meinung nach eher aufgearbeitet werden, wie etwa Diskriminierung, die in vielen Bereichen stärker stattfinde. "Nebenschauplätze bringen uns nicht sehr viel weiter", sagt Hucke. Ob die gendersensible Sprache sich im Alltag etablieren kann, müsse noch abgewartet werden. Der Kunstschaffende erwartet allerdings, dass sie bald wieder verschwindet.

Lesbarkeit wichtig

Die Stadt Donaueschingen erklärt auf Nachfrage, dass die Sprache als "Spiegel des Zusammenlebens" das Ziel der Gleichbehandlung habe. In erster Linie sollte Verwaltungssprache einer Sprecherin zufolge allerdings für Bürger gut verständlich und leicht lesbar sein. Aus diesem Grund würden "umständliche Sätze und unübersichtliche Wortgebilde" als kontraproduktiv angesehen.

Um dennoch alle Menschen anzusprechen, würden an geeigneten Stellen Paarformulierungen genutzt, also beispielsweise Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Für Stellenausschreibungen sollen mit dem Verweis (m/w/d) alle angesprochen werden, die Stellenbezeichnungen werden entsprechend formuliert, heißt es aus dem Rathaus. Wie das in der Praxis aussieht, ist auf der Stadt-Webseite zu sehen. Hier werden die Stellenbeschreibungen entweder geschlechtsneutral formuliert, wie "Fachkraft." Falls das nicht möglich ist, findet sich ein Sternchen, wie bei "Landschaftsgärtner*in (m/w/d)" der Fall.

Info: Der Begriff

Der Begriff "gender" ist englisch und bezeichnet das soziale Geschlecht. Es geht dabei um die korrekte Positionierung von Personen in Kultur und Gesellschaft. Der Sprache wird großen Einfluss auf unsern Alltag zugeschrieben. Eine falsche Anwendung der Sprache, so die daraus resultierende Kritik, könne dazu beitragen, dass Menschen nicht gleich behandelt werden. Deshalb bemühen sich Befürworter sprachlicher Korrektheit um gendergerechte Sprache. In der Kritik steht insbesondere die gängige Pluralform von Begriffen, das genererische Maskulinum. Es tritt hervor, wenn die Politik etwa die Menschen als Bürger anspricht und dabei auch Frauen und Bürgerinnen einbindet. Zwar meint die deutsche Grammatik hier beide Geschlechter, gleichwohl gelten weibliche und nicht binäre Personen Obwohl laut deutscher Grammatik ein solches "Generikum" beide Geschlechter meint, sagen die Kritiker, damit würden vor allem männliche Bürger assoziiert.

Weibliche und nicht-binäre (weder männliche oder weibliche) Personen dagegen würden ausgeschlossen. Eine Lösung sei ein Sternchen wie bei Bürger*innen. Dieses verbindende Satzzeichen wiederum findet Kritiker. Das Gender­sternchen verhindere ein Grundprinzip von Sprache und Texten. Texte würden mit Wörtern und Zeichen aufgeladen. Künstlich verlängerte Sätze würden lang und unlesbar. Der Sinnzusammenhang gehe verloren. Eine Qual für Augen und Kopf.