Die EU-Kommissarin für Gleichstellung hat eine Broschüre für den internen Gebrauch erstellt: Bestimmte Wendungen will sie künftig nicht mehr in Texten aus der Feder von Kommissionsbeamten lesen.
Brüssel - „Was ist verkehrt an Weihnachten?“ Diese Frage taucht am Dienstag auf der Plattform der EU auf, die zur Debatte über die Konferenz zur Zukunft der EU geschaltet wurde. Der Autor unterstellt der Kommission, dass sie EU-Beamten die Verwendung des Wortes Weihnachten verbieten wolle. Statt etwa in einer Pressemitteilung zu schreiben, die „Weihnachtszeit kann anstrengend sein“, seien, so heißt es, die Kommissionsbeamten gehalten zu formulieren: „Die Feiertage können anstrengend sein.“ Vermutlich kommen Wortmeldungen wie diese aus dem Umfeld von Ungarns Ministerpräsident Viktor Orban, der zwar die Subventionen aus Brüssel gerne in Empfang nimmt, aber einen Feldzug gegen EU-Regeln führt.
Leitlinien für sensible Sprache
Die Kritik entzündet sich an den „Internen Leitlinien für inklusive Sprache“, die die Kommissarin für Gleichheit, Helena Dalli, herausgegeben hat. Damit will sie den 32 000 Mitarbeitern der Behörde sprachliche Standards setzen, damit in allen Verlautbarungen der Kommission das Menschenbild der EU reflektiert wird. Der Anspruch ist hoch: Egal, ob in Pressetexten, Broschüren, Gastbeiträgen von Kommissaren in Tageszeitungen oder offiziellen Posts in den sozialen Medien – die Gebote und Verbote, die in der 32-seitigen Broschüre aufgelistet sind, müssen befolgt werden. Die Werte der EU von Gleichheit und Antidiskriminierung werden in der Broschüre, die nicht öffentlich zugänglich ist und unserer Zeitung vorliegt, unter sechs Punkten durchexerziert – anhand von Beispielen, was in Zukunft nicht mehr geschrieben werden soll. Die Kapitel lauten etwa: Geschlecht, sexuelle Minderheiten, ethnischer Hintergrund, Kultur, Lebensstil und Glauben, Behinderungen und Alter. Im Intranet der Kommission hat der Sprach-Knigge aus Brüssel zu lebhaften Debatten geführt.
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Nicht mehr „Meine Damen und Herren“
Manche Vorgaben sind verständlich und ergeben auf den ersten Blick Sinn. So soll etwa nicht mehr geschrieben werden: „Minister und ihre Gattinnen.“ Das sei ein Stereotyp zur Rolle von Frauen und Männern in der Gesellschaft. Stattdessen soll künftig geschrieben werden: „Minister mit ihren Partnern“. Bei EU-internen Veranstaltungen ist der Moderator in Zukunft gehalten, die Gäste nicht mehr mit den Worten „liebe Damen und Herren“ zu begrüßen. Angesagt sei vielmehr „Liebe Kollegen“. Wendungen mit Bezügen auf das Geschlecht sollten nur wenn notwendig benutzt werden: statt „bemanntes Raumschiff“ soll es künftig heißen „Raumschiff mit Besatzung“. Etliche Begriffe, in denen im Englischen der Wortstamm „-man“ vorkommt, sollen auf den Index kommen und durch geschlechtsneutrale Formulierungen ersetzt werden. Statt „Businessman“ heißt es künftig „Businessperson“, statt „fireman“ ist „firefighter“ angesagt, statt „ombudsman“ soll man künftig „ombudsperson“ schreiben.
In Ungarn nimmt man offenbar Anstoß an Vorgaben, in denen es darum geht, dass in Texten der EU-Kommission künftig nicht mehr Stereotypen zu Kultur, Lebensweise und Glauben vorgegeben werden sollen.
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„Verhindere die Annahme, dass jeder ein Christ ist“, heißt es in den Erläuterungen. Nicht alle EU-Bürger feierten Weihnachten, nicht alle feierten das Fest am selben Datum. „Sei sensibel dafür, dass die Menschen unterschiedliche religiöse Traditionen und Kalender haben“, heißt es. Man könne auch schreiben: Weihnachten, Hanuka und Ramadan können anstrengend werden.
In offiziellen EU-Texten zu Beispielen für Lebenssituationen sollen künftig nicht mehr nur noch christliche Vornamen verwendet werden. „Nimm nicht nur Vornamen, die christlichen Ursprungs sind“, lautet die Aufforderung. Statt „Josef und Maria sind ein gemischtes nationales Paar“ soll es künftig eher heißen: „Malika und Julio sind ein internationales Paar“.
Vorsicht bei „Kolonialisierung des Mars“
Auch der bisher üblichen Konzentration auf die großen Mitgliedsstaaten wird der Kampf angesagt. So sollen EU-Kommissionsbeamte nicht mehr nur noch die Hauptstädte der großen EU-Staaten nennen, wenn sie eine Auflistung vornehmen. Formulierungen wie „Paris, London oder Rom – EU-Recht gilt überall in der EU“ sollen ersetzt werden durch Sätze wie: „Das EU-Recht gilt, egal ob du in Berlin, Vilnius oder Budapest bist.“
Stopp heißt es bald auch für Formulierungen, die womöglich einen Bezug zur Kolonialvergangenheit haben. Wenn künftig von Leben auf dem Roten Planeten geschrieben wird, soll nicht mehr von „menschlicher Besiedelung“ geschrieben werden. „Kolonialisierung des Mars“ ist völlig verkehrt. Angesagt ist vielmehr: „Menschen zum Mars schicken.“