Nagold hat gewählt. Neun neue Stadträte ziehen in den Gemeinderat. Unser Foto zeigt Rathaus-Mitarbeiter bei der Auszählung. Foto: Thomas Fritsch

Ist die Gemeinderatswahl wirklich eine Persönlichkeitswahl? Zählen hier die Köpfe mehr als Parteien oder Listen? Wer wie unser Autor Nagolds Wahl analysiert, findet auf diese Frage keine einfachen Antworten.

Rund um eine Kommunalwahl kann man einige Erkenntnisse gewinnen. Da gibt es viele Wahrheiten und noch mehr Gewinner. Das ist, wie so oft in der Politik, dann eben Interpretationssache.

 

Zum Beispiel die schon so oft gehörte Feststellung, dass eine Gemeinderatswahl eine Persönlichkeitswahl sei, dass da die Köpfe zählen würden, und nicht die Parteien.

Stimmt! Und irgendwie auch nicht. Ein Blick auf das Nagolder Wahlergebnis lässt beide Aussagen zu. Nur schwarz oder weiß gibt es hier nicht.

Natürlich haben sich wieder viele Köpfe quer durch alle Fraktionen durchgesetzt. Da gibt es Stimmenkönige, echte Persönlichkeiten – aber auch unbekanntere Kandidaten, die es mangels Bekanntheitsgrad nicht ins Gremium geschafft haben.

Warum? Keine Ahnung!

Doch selbst Kennern der lokalpolitischen Szene wie uns Lokalredakteuren fällt es mitunter schwer, vor der Wahl die Chancen einzelner Kandidaten abzuschätzen. Seit vielen Jahren ehrenamtlich hoch engagierte und sympathische Kandidaten landen da im Hinterfeld. Warum? Keine Ahnung! So sind Wahlen eben. Den Wähler kann man nur versuchen zu verstehen. Mehr aber auch nicht.

Das liegt natürlich auch daran, dass es „den“ Wähler nicht wirklich gibt. 10 147 Nagolder Wähler und Wählerinnen gab es bei der Nagolder Gemeinderatswahl. Und die ticken natürlich unterschiedlich, setzten bei der Stimmabgabe ganz verschiedene Akzente – genauso wie sie sich vielleicht auch ganz unterschiedliche Konzepte für die Zukunft ihrer Stadt wünschen.

Liste der Unbekannten

Ich bin überzeugt, dass ein Teil der Wähler gar nicht mehr groß nach Köpfen schaut, sich nicht seine Kandidaten herauspickt, sondern ganze Listen wählt. Wer sich das Ergebnis der AfD im Nagolder Gemeinderat genau anschaut, der muss zwangsläufig zu dieser Analyse kommen. Die AfD trat mit einer Liste der Unbekannten an. Bis auf AfD-Chef Günther Schöttle sind die restlichen sechs Kandidaten mehr oder weniger unbeschriebene Blätter. Im Gegensatz zu allen anderen Listen fällt auf: Diese sechs Kandidaten liegen bei ihren Ergebnissen eng zusammen– alle haben sie zwischen 3764 und 4507 Stimmen auf sich vereint. Die Vermutung liegt also nahe, dass hier oft die Partei und seltener der Kopf in den Nagolder Rat gewählt wurde.

Das sorgt für eine unbequeme Wahrheit. 14,4 Prozent hat die AfD im Gemeinderat auf sich vereint, vier Sitze sind damit erobert. Angesichts der dennoch kaum veränderten Machtverhältnisse mit starken Ergebnissen von FWV und CDU mag der eine oder andere denken – das seien doch „nur“ 14 Prozent. Doch klar ist auch: Die AfD hat dieses Ergebnis mit „nur“ sieben Kandidaten eingefahren – und nicht mit 26 wie FWV, CDU und SPD. Mit mehr Kandidaten hätte die AfD wohl auch deutlich stärker abgeschnitten.

Echte Persönlichkeiten

Und doch wurden natürlich von den meisten Wählern wieder Köpfe gewählt: Menschen wie Eberhard Haizmann, Oliver Mayer, Daniel Steinrode, Monika Wehrstein oder auch Siegrid Plaschke haben sich ihre guten Ergebnisse mit jahrelangem Engagement für die Nagolder Stadtgesellschaft erarbeitet und verdient. Sie und weitere Stadträte sind echte Nagolder Persönlichkeiten, die diese Stadt positiv prägen – zum Teil seit Jahrzehnten!

Nun gesellen sich weitere Köpfe dazu. Neun neue Stadträte – das ist bei einer Ratszahl von 26 schon einiges. Und in meinen Augen birgt das mehr Chancen als Risiken. Klar, das kommunalpolitische Knowhow der „Neulinge“ muss erst noch weiter wachsen. Doch ein neuer, kritischer Blick von außen, das hat selten geschadet. Und so manche festgefahrene Struktur kann mit frischen Ideen gelockert werden. Wenn man sich darauf einlässt. Auch im Rathaus.

Engagement für die Heimatstadt

Nagolds Gemeinderat brauchte eine Frischzellenkur, das sagte so mancher übrigens schon nach der letzten Kommunalwahl. Und die bekommen wir nun. Es wird spannend sein, zu beobachten, wie sich die neuen Köpfe in die Kommunalpolitik einbringen, wie schaffig die Räte wirklich sind, und wie ernst sie es mit einem Engagement für ihre Heimatstadt meinen.

„Suchet der Stadt Bestes“ – in diesem zugegeben viel zu oft bemühten Bibel-Zitat liegt so etwas wie eine absolute Wahrheit bei Wahlen. Denn das wollen alle 26 Ratsmitglieder: das Beste für ihre Stadt und Nagold weiter voranbringen.