Aussprache mit Seltenheitswert: Kandidaten der Kommunalwahl besuchen am Montag das Königin-Charlotte-Gymnasium in Stuttgart-Möhringen Foto: Leif Piechowski

Rund eine Million junge Menschen werden am 25. Mai das erste Mal an die Urne gebeten. Vermutlich wird nur ein Bruchteil davon tatsächlich einen Wahlzettel abgeben: Viele Jugendliche fühlen sich von ihren Gemeinderäten nicht ernst genommen.

Rund eine Million junge Menschen werden am 25. Mai das erste Mal an die Urne gebeten. Vermutlich wird nur ein Bruchteil davon tatsächlich einen Wahlzettel abgeben: Viele Jugendliche fühlen sich von ihren Gemeinderäten nicht ernst genommen.

Stuttgart - Im Chemieraum wuchert der Schimmel bereits ­meterhoch an der Wand, das Dach ist undicht, von manchen Wänden bröckelt der Putz, und auf dem Jungs-Klo ­klebt der Boden so sehr, „dass man an der Wand weiter hoch laufen kann“. Die Schüler des Königin-Charlotte-Gymnasiums sind sauer. „Warum bekommen andere Schulen einen Beamer, während es bei uns rein­regnet?“, will eine Schülerin von den ­Gemeinderatskandidaten auf dem Podium wissen. Sechs Kommunalpolitiker sind am Montagvormittag in die Aula ihres ­Gymnasiums in Stuttgart-­Möhringen ­gekommen. Sie geben sich alle Mühe, auf die Belange der jungen Wähler einzugehen.

„Die Stadt befindet sich da oft in einer Zwickmühle, ob sie das Klo jetzt sanieren soll, ­obwohl in drei ­Jahren ohnehin eine ­Generalsanierung ­ansteht“, sagt Alexander Kotz, Spitzenkandidat der CDU bei der Gemeinderatswahl. Er und die anderen Kandidaten ­räumen aber ein, dass sich an vielen Schulen ein erheblicher Sanierungsstau ­gebildet hat.

Die Schüler können sich glücklich ­schätzen, ihren Ärger am Montag überhaupt an die richtigen Adressaten ­schicken zu können. Direkte Kontakte ­zwischen Kommunalpolitik und Jugendlichen sind in Baden-Württemberg eher die Ausnahme als die Regel. Und das, obwohl der Landtag das Mindestalter bei den Gemeinderatswahlen im vergangenen Jahr von 18 auf 16 gesenkt hat. Damit dürfen am 25. Mai gleich sieben Jahrgänge das erste Mal an die Urne, da der Gemeinderat alle fünf Jahre gewählt wird. Insgesamt gehören zur Gruppe der Erstwähler eine Million Jugendliche zwischen 16 und 23 Jahren; 200 000 kamen durch die Absenkung des Wahlalters hinzu.

Dabei sind die Jungwähler keineswegs so politikverdrossen, wie man meinen könnte. „Junge Menschen engagieren sich zunehmend ehrenamtlich oder interessieren sich für Minderheiten in der Gesellschaft“, sagt Karl-Ulrich Templ. Er muss es wissen: Templ steht seit 20 Jahren als stellvertretender Direktor an der Spitze der Landeszentrale für politische Bildung (LpB). Es sei wichtig, die Jugendlichen einzubeziehen und ihre Anliegen ernst zu nehmen, sagt er. Und bekräftigt: „Pro-forma­Bekenntnisse entlarven die ­Jugendlichen schnell als solche.“ ­Dabei hänge es von den Gemeinden und ­deren Bürgermeistern ab, wie gut die Jugend in die Politik integriert sei.

Als leuchtendes Beispiel fällt ihm ein Fall aus Biberach ein. Dort hat der Gemeinderat beschlossen, für 2,4 Millionen Euro ein neues Jugendhaus zu bauen. Den Bau plante die Stadt aber nicht über die Köpfe der Jugend hinweg wie sonst üblich. Stattdessen bezogen die Planer die Jugendlichen mit ein: Über eine Facebook-Gruppe konnten sie die Architektur maßgeblich mitgestalten. Nächstes Jahr soll in Biberach die ­Eröffnungsparty steigen.

„Bei uns in der Stadt fehlt einfach die ­Versorgung mit Informationen“, erzählt die 19-jährige Mareen. „Da helfen die ganzen Wahlplakate dann auch nicht.“ Sie ist mit ihren Klassenkameraden am vergangenen Freitag in den großen Sitzungssaal des Stuttgarter Rathauses gekommen. Der Internationale Bund (IB) und die LpB ­organisierten dort den „Aktionstag ­Europa“: 100 Schüler der Klassenstufe 11 waren geladen, sich in Workshops mit der EU-Politik auseinanderzusetzen. Klingt erst mal trocken. War es aber gar nicht: In den Arbeitskreisen diskutierte der ­Nachwuchs eifrig über die Flüchtlings­situation vor Lampedusa, Solidarität mit den Griechen oder Tierversuche.

„Je stärker man die jungen Leute in die Politik einbezieht, desto größer ist ihre ­Beteiligung an den Wahlen“, sagt Karl­Ulrich Templ. Schließlich gilt es am 25. Mai nicht nur, neue Gemeinderäte zu bestimmen. Auch auf den Wahlzetteln für das EU- und Regionalparlament müssen Kreuzchen gemacht werden. Hierzu sind allerdings nur volljährige Wähler zugelassen.

Wie wichtig es ist, den jungen Menschen am richtigen Ort in der richtigen Tonlage zu begegnen, zeigt ein Fall aus Korb bei ­Waiblingen. Der dortige Gemeinderat wollte mit Erstwählern ins Gespräch kommen und organisierte ein sogenanntes Speed-Dating in der Begegnungsstätte eines Seniorenheims. Dahinter verbirgt sich eine Aktion, die die LpB gemeinsam mit ihren Partnern für die Kampagne „Wählen ab 16“ ersonnen hat: In kurzen Vier-Augen-Gesprächen ­können Interessierte den Kandidaten auf den Zahn fühlen und sich informieren, was in ihrem Stadtparlament gerade so abgeht.

Die 15 Gemeinderäte waren pflicht­bewusst um 19 Uhr zum Date erschienen. Nur die Jugend glänzte durch Abwesenheit. Kein einziger fand den Weg, die Zeit oder die Lust. Ein anderer Ort hätte auf die ­Wahl-Frischlinge womöglich eine größere ­Anziehungskraft gehabt als die ­Begegnungsstätte eines Seniorenheims: Zu anderen Speed-Datings seien bis zu 200 ­Jugendliche gekommen, sagte Fabio Votta von der LpB der Presse vor Ort. Er hat schon einige davon begleitet und vor allem in ­kleineren Ortschaften des Landes große ­Resonanz ­gespürt.

Die Landeszentrale für politische Bildung und ihre 41 Bündnispartner arbeiten mit Hochdruck daran, die Wahlbeteiligung bei den Jugendlichen nach oben zu treiben. ­Ende 2013 bewilligte der Landtag 300 000 Euro für die Erstwählerkampagne „Wählen ab 16“. Damit hat die LpB unter anderem 120 Mentoren ausgebildet, die nun als ­Wahllotsen an Schulen im ganzen Land ­ausschwärmen. Sie erklären den ­­­­Erst­wählern beispielsweise den Unterschied zwischen Kumulieren und Panaschieren – dem Anhäufen und Verteilen der Stimmen.

„In 300 Kommunen veranstalten wir ­darüber hinaus Aktionstage, Podiums­diskussionen, Planspiele oder Workshops“, sagt Karl-Ulrich Templ. Und damit nicht ­genug: Die Kampagne umfasst Flyer, Hefte und Unterrichtsmaterialien – 420 000 davon sollen bis zum Wahltag am 25. Mai im Land verteilt sein. Dazu kommen noch mal 250 000 Postkarten, Aufkleber und ­Hängeschilder in Bussen und Bahnen.

Das vielleicht wichtigste Werkzeug stellt allerdings eine Serie von Videoclips dar, wie Templ nicht ohne Stolz berichtet. In ihnen animieren Promis wie Schauspieler Walter Sittler, die ­Zeichentrickfiguren Äffle und Pferdle oder der Komiker Dodokay die Jugendlichen, am 25. Mai die Wahlkabinen aufzusuchen. Die Spots flimmern – zielgruppengerecht – in den sozialen Medien Facebook und You Tube über die Bildschirme. Die ­bisherige Resonanz kann sich sehen lassen: An die 10 000 Jugendliche haben die kurzen Filme bereits im Internet angeklickt.

Für die Schüler des Königin-Charlotte-Gymnasiums in Stuttgart-Möhringen gibt es am Ende des Politikerbesuchs doch noch einen ­Lichtblick. Die Kandidaten auf dem Podium versprechen einstimmig, dass die Stadt Stuttgart dabei ist, die Schulen zu ­sanieren. Bis 2019 stünden dafür jährlich zwischen 70 und 80 Millionen Euro bereit. Wann und in welchem Umfang ihre Schule etwas von dem warmen Geldregen ­abbekommt, konnten die Schüler den ­Kandidaten allerdings nicht entlocken.