Im Schramberger Rathaus tagt der Gemeinderat regelmäßig. Foto: Langenbacher

Seit gut mehr als einem Jahr sind die neuen Stadträte in Schramberg im Amt. Fünf Ratsmitglieder blicken auf das erste Jahr zurück.

Seit gut mehr als einem Jahr sind die neu gewählten Stadträte im Schramberger Gemeinderat im Amt. Zeit genug, erste Erfahrungen zu sammeln, Erwartungen mit der Realität abzugleichen und eigene Schwerpunkte zu setzen. Auf Anfrage unserer Redaktion ziehen fünf neue Ratsmitglieder eine persönliche Zwischenbilanz – mit teils kritischen, teils zuversichtlichen Tönen.

 

Michael Melvin Für Michael Melvin (CDU) war das erste Jahr im Gemeinderat insgesamt „ganz gut“, zugleich aber auch ernüchternd. Er spricht offen über die begrenzte Einflussmöglichkeit des Einzelnen: Demokratie sei ein „Mosaik aus Kompromissen“, deren Ergebnisse für die Bürger oft nur mittelmäßig ausfielen.

Michael Melvin Foto: CDU

Überrascht habe ihn weniger das Amt selbst als vielmehr der politische Alltag, den man erst mit der Zeit verstehe. Kritisch sieht Michael Melvin Führung und Kommunikation im Gremium. Größte Herausforderung sei die Vielzahl an Krisen und Baustellen ohne klare Priorisierung. Sein Fazit: Schramberg brauche klare Ziele und dafür eine schlagkräftige Verwaltung mit schlanken Strukturen und höherem Digitalisierungsgrad. Eine externe Analyse der Verwaltungsorganisation könne Abläufe, Zuständigkeiten und Effizienz verbessern.

In den kommenden Jahren will er sich für lebenswerte Strukturen einsetzen – von Schulen über Infrastruktur bis zu Vereinen, Handel und Industrie.

Hannes Steim Ein spannendes, aber schwieriges Jahr bilanziert Hannes Steim, ebenfalls von der CDU. Die angespannte wirtschaftliche Lage habe die Arbeit im Gemeinderat stark geprägt. Viele Entscheidungen seien Abwägungsprozesse, Investitionen müssten oft verschoben werden.

Hannes Steim Foto: CDU

Überrascht habe ihn vor allem die Langsamkeit politischer Prozesse und die Vielzahl an Gutachten. „Das bin ich aus der freien Wirtschaft nicht gewohnt“, sagt Steim. Bislang habe er nur in sehr eingeschränktem Rahmen mitgestalten können. Mit seiner bisherigen Arbeit ist er unzufrieden, was er allerdings vor allem den äußeren Rahmenbedingungen zuschreibt. Zu künftigen Schwerpunkten will er sich noch nicht äußern.

Guido Neudeck Für Guido Neudeck (SPD) war der Einstieg ein „Sprung ins kalte Wasser“. Dennoch hebt er die große Unterstützung durch Fraktion, Partei und andere Ratsmitglieder hervor. Positiv bewertet er die respektvolle und konstruktive Zusammenarbeit, auch bei kontroversen Diskussionen.

Guido Neudeck Foto: SPD

Die größte Herausforderung sieht er in der schnellen Einarbeitung in komplexe Themen und in der angespannten Haushaltslage. Trotzdem habe er erlebt, dass auch Neulinge Gehör finden. Seine künftigen Schwerpunkte liegen klar im Bildungsbereich, insbesondere beim Schulcampus und der Sanierung des Gymnasiums, sowie bei der Digitalisierung der Verwaltung. Insgesamt fühlt sich Neudeck gut angekommen und nimmt das Amt mit großer Ernsthaftigkeit wahr.

Susanne Andreae Neudecks Fraktionskollegin Susanne Andreae beschreibt ihre Aufnahme im Gemeinderat als sehr freundlich, die Atmosphäre meist fair. Als Ärztin ist sie pragmatische Entscheidungen gewohnt, umso größer sei ihre Überraschung über die Komplexität und Langwierigkeit kommunaler Abläufe.

Susanne Andreae Foto: SPD

Die Zusammenarbeit in ihrer Fraktion empfindet sie als sehr unterstützend, auch der Austausch mit Verwaltung und Rat sei konstruktiv. Als konkretes Beispiel für Mitgestaltung nennt sie das Tempolimit in der Stadt. Zu den Herausforderungen zählen für sie lange Sitzungen nach Arbeitstagen und die Trennung von offiziellen und informellen Diskussionen. Künftig möchte sie sich dafür einsetzen, bei Bauprojekten stärker auf Qualität und Zuverlässigkeit zu achten statt allein auf den günstigsten Preis.

Birgit Kronenbitter Für die AfD sitzt Birgit Kronenbitter im Gemeinderat. Sie blickt auf eine herausfordernde, aber erfüllende Zeit zurück. Besonders schätzt sie den direkten Kontakt zu Bürgern und die Möglichkeit, deren Anliegen in den Gemeinderat einzubringen. Überraschungen habe es für sie kaum gegeben, da sie sich vor der Kandidatur intensiv vorbereitet habe.

Birgit Kronenbitter Foto: AfD

Die Zusammenarbeit im Rat beschreibt sie als bereichernd, insbesondere die Hilfsbereitschaft erfahrener Ratsmitglieder. Als fraktionslose Stadträtin sieht sie jedoch Einschränkungen in der Gremienarbeit. Größte Herausforderung sei für sie gewesen, Vorurteile gegen ihre Person abzubauen. Künftig möchte sie einen Schwerpunkt auf transparente Entscheidungen und stärkere Bürgerbeteiligung legen – auch wenn diese oft schwer umzusetzen sei.

Man darf gespannt sein, wie die Arbeit der neuen Räte die Stadt in den nächsten Jahren verändern wird.