Überschuldung kann viele Gründe haben. Einer ist eine unwirtschaftliche Haushaltsführung. (Symbolfoto) Foto: Gina Sanders - stock.adobe.com

Viele junge Menschen sind überschuldet – auch im Kreis Rottweil. Das Landratsamt erklärt, wie es überhaupt zur Ver- oder Überschuldung kommt und wie in solchen Fällen geholfen wird.

Deutschlandweit waren 2024 laut Schuldneratlas rund 5,6 Millionen Privatpersonen über 18 Jahren überschuldet. Wenngleich die Gesamtzahl der Fälle zurückgeht, so gibt es in zwei Bereichen einen Anstieg: bei den Unter-30-Jährigen und den Menschen über 70. Wie stellt sich die Lage im Kreis Rottweil dar?

 

Überschuldung bedeutet grundsätzlich, dass man weder durch vorhandenes Vermögen noch erwartete Einnahmen die Verbindlichkeiten abdecken kann, also über einen längeren Zeitraum zahlungsunfähig ist.

Höhere Verschuldung in den Städten

Ein Blick in den Schuldneratlas – dieser wird jährlich von der Wirtschaftsauskunftei Boniversum veröffentlicht – zeigt: Baden-Württemberg gehört zu den Bundesländern mit der geringsten Überschuldung. Und im Kreis Rottweil liegt die Schuldnerquote überwiegend unter sechs Prozent (Durchschnitt Deutschland: 8,1 Prozent).

Ausnahmen bilden die Stadt Rottweil mit 7,4 Prozent, Sulz mit 7,2, die Stadt Oberndorf mit 8,7, Schramberg mit 9,7 und die Gemeinde Lauterbach mit 8,1 Prozent.

Die genaue Anzahl der verschuldeten Menschen im Kreis Rottweil ist dem Landratsamt nicht bekannt, wohl aber die Anzahl derer, die die Schuldnerberatung des Sozialamtes in Anspruch nimmt, erfahren wir auf unsere Anfrage.

2024: 99 Ratsuchende

Demnach gab es im Jahr 2022 insgesamt 117 Ratsuchende im Kreis Rottweil, 2023 wurden 142 Ratsuchende erstmals beraten und in die langfristige Beratung mitaufgenommen. Im Jahr 2024 waren es 99 Personen, die erstmals um Unterstützung gebeten haben.

Hinzu kamen telefonische Einmalberatungen, das Ausstellen von Bescheinigungen für das Pfändungsschutzkonto und Beratungen zur Existenzsicherung, zählt Pressesprecherin Andrea Schmider auf. „Darüber hinaus haben meine Kolleginnen auch Klienten unterstützt, die sich im laufenden Insolvenzverfahren befinden.“

Gründe für Überschuldung

Aber wie kommt es überhaupt zur Überschuldung? Die Gründe seien vielfältig, meint Schmider dazu. „Arbeitslosigkeit, Krankheit beziehungsweise Sucht, Scheidung oder Trennung, unwirtschaftliche Haushaltsführung, längerfristiges Niedrigeinkommen, gestiegene Miet- und Energiepreise, Inflation oder auch eine gescheiterte Selbstständigkeit“, nennt sie die häufigsten Gründe.

Die größte Gruppe derer, die in der Schuldnerberatung im Kreis Rottweil Hilfe suchen, sei zwischen 25 und 45 Jahren alt, so Schmider.

Das deckt sich mit den Zahlen des Schuldneratlas. Der weist, bundesweit betrachtet, für 2024 die höchste Überschuldungsquote bei den 30- bis 39-Jährigen (13,3 Prozent) aus, gefolgt von den 40- bis 49-Jährigen (12,2 Prozent), den 60- bis 69-Jährigen (6,5 Prozent) und den Unter-30-Jährigen (6,8 Prozent).

Der Schuldneratlas weist als Hauptgründe für Überschuldung Erkrankung, Sucht oder Unfall aus (18,4 Prozent) und Trennung, Scheidung oder Tod (18,1 Prozent). 14,9 Prozent der Fälle sind auf eine unwirtschaftliche Haushaltsführung zurückzuführen.

„Buy now, pay later“

Wie das Statistische Bundesamt Ende 2024 bekanntgab, sind Einkäufe im Internet dabei ein Faktor, auch wenn die Höhe der Schulden – im Schnitt 650 Euro – vergleichsweise gering ist. Frauen sind nach dieser Statistik häufiger betroffen – und ihre Schulden bei Versand- und Onlinehändlern im Schnitt fast 400 Euro höher.

Immer beliebter wird beim Online-Shopping die Funktion „Buy now, pay later“, bei der der Betrag erst später abgebucht wird. Genau das könne aber zur Konsum- und Schuldenfalle werden, warnt unter anderem die Verbraucherzentrale. Denn so könne man leicht mehr Geld ausgeben, als eigentlich zur Verfügung stehe.

Nachfrage nimmt zu

Im Kreis Rottweil steigt die Nachfrage nach Beratungsgesprächen, erfahren wir vom Landratsamt. „Hinzu kommt, dass die Sozialberatung zunehmend zeitaufwändiger wird – sie ist Teil der Schuldnerberatung und setzt bei der aktuellen Lebenssituation der Betroffenen an. Denn oft kann erst nach einer Krisenintervention und nach einer persönlichen Stabilisierung die Schuldenproblematik langfristig gelöst werden. Es geht also um mehr als die wirtschaftliche Sanierung“, erklärt Andrea Schmider.

Die Sozialberatung thematisiere mögliche Ursachen der individuellen Ver- und Überschuldungssituation und spreche die Konsumwünsche und das Konsumverhalten der Ratsuchenden an.

Im Beratungsprozess werde eruiert, ob vorrangig Schulden bewältigt werden sollen oder ob es andere Herausforderungen gibt, die geklärt und bearbeitet werden sollten – gegebenenfalls in einem anderen Hilfeangebot. Das könnten beispielsweise die Suchtberatung oder psychiatrische Fachdienste sein.

Mehrere Monate Wartezeit

Die Schuldnerberatung steht grundsätzlich jedem Bürger des Landkreises offen. „Die Betroffenen nehmen entweder aus eigener Initiative Kontakt zu uns auf oder auf Empfehlung von anderen, beispielsweise des Jobcenters, aber auch von Betreuern oder sozialen Einrichtungen“, heißt es vom Landratsamt.

Weil die Nachfrage nach der Schuldnerberatung höher sei als die Kapazitäten des Landkreises, gebe es eine Warteliste. „Derzeit beträgt die Wartezeit etwa vier bis fünf Monate“, erklärt Andrea Schmider.

Das Erstgespräch

Vor der eigentlichen Beratung stehe meist ein telefonisches Vorgespräch. Je nach geschilderter Situation nehme man die Person dann auf die Warteliste – oder es werde zeitnah ein Termin für ein ausführliches Erstgespräch vereinbart, „etwa dann, wenn eine Stromsperre oder gar Obdachlosigkeit drohen“.

Bei einem Erstgespräch verschaffe man sich mit dem Ratsuchenden einen Überblick über die finanziellen Verhältnisse und die Schuldensituation. „Gemeinsam erörtern wir die Möglichkeiten, wie die Schulden reguliert werden können: Ratenzahlungen, Vergleichsvorschläge oder Verbraucherinsolvenz sind mögliche Ansatzpunkte“, erklärt Schmider.

Das wird geleistet

Die Leistungen der Schuldnerberatung gingen über die reine Beratung weit hinaus, denn sie nehme Kontakt zu den Gläubigern auf, führe Verhandlungen und leite bei Bedarf die rechtlichen Voraussetzungen für den Antrag auf Verbraucherinsolvenz in die Wege.

„Ziel ist immer eine langfristige Stabilisierung der finanziellen Verhältnisse und der Weg in ein schuldenfreies Leben.“ Auch wer auf der Warteliste lande, werde nicht komplett allein gelassen, heißt es. „Während der Wartezeit haben die Betroffenen die Möglichkeit, sich bei Fragen und Anliegen bei uns zu melden.“

Neben der langfristigen Begleitung der Klienten inklusive Regulierung gehörten telefonische Einmalberatungen, allgemeine Beratungen zur Existenzsicherung und die Grundberatung von Selbstständigen und Immobilienbesitzern zum Angebot der Schuldnerberatung.

„Was dort nicht geleistet werden kann, ist die Regulierung von Insolvenzverfahren Selbstständiger oder Unternehmen und von Immobilienbesitzern.“