Geldanlage in Krisenzeiten Achterbahn Börse – wohin führt die Flucht ins Tagesgeld?

Daniel Gräfe
Seit dem Krieg im Iran und im Nahen Osten sind viele Anleger verunsichert. Foto: KI/Midjourney/Sebastian Ruckaberle

Der Krieg in Nahost schickt die Aktienkurse auf Achterbahnfahrt – meist geht es bergab. Warum sich jetzt für Anleger Tagesgeld lohnen könnte – und welche Fallstricke es gibt.

In Aktien und Fonds aus- oder einsteigen? Oder besser auf Nummer sicher gehen und fern der Börse das Geld anlegen? Das fragen sich viele Anleger seit dem Krieg im Iran und im Nahen Osten. Die Aktienkurse sind auf Talfahrt, auch wenn es ab und zu wieder nach oben geht, wenn mögliche Friedenspläne bekannt werden. Sicher ist nur, dass momentan nichts sicher ist.

 

Auch deshalb flüchten sich Anleger in sicherere Geldanlagen. Oder nach Möglichkeiten, Überschüssiges zumindest einigermaßen lukrativ zwischenzuparken. Auch deshalb sind Tagesgeldkonten bei Banken gefragt: Hier steht das Geld jederzeit zur Verfügung, zudem sind die Zinsen in den vergangenen Wochen spürbar gestiegen. Doch wo gibt es die besten Angebote? Uns welche wichtigen Fallstricke gibt es?

Was sind derzeit die besten Angebote?

Der Wettbewerb der Banken um Neukunden hat sich verschärft – die Tagesgeld-Zinsen steigen: Etliche Banken locken Neukunden mit Zinsversprechungen von drei Prozent oder mehr.

Die Consorsbank verspricht Neukunden 3,4 Prozent Zinsen aufs Tagesgeld. Die Ikano Bank, die zum Ikea-Eigner Ingka Group zählt, bietet Neukunden bis 15. Juni 3,01 Prozent. Die ING Bank verspricht ebenso wie die spanische Suresse Direkt Bank drei Prozent für vier Monate. Den gleichen Zinssatz gewährt auch die Hamburger Direct Bank. Comdirect zahlt 2,75 Prozent für sechs Monate.

Wo kann man selbst noch nach Angeboten suchen?

Weil die traditionellen Banken vor Ort meist nur sehr bescheidene Zinsen anbieten, führt die Suche nach höheren Renditen zu den Vergleichs- und Vermittlungsplattformen im Internet. Die Vergleichsportale, zu denen etwa auch Check24, Tagesgeldvergleich.net oder Weltsparen zählen, bieten eine gute Orientierung, allerdings keinen Anspruch auf Zuverlässigkeit oder Vollständigkeit.

Niels Nauhauser. Foto: Wolfram Scheible / VZBW

„Diese Portale sind werbefinanziert – hier sollte man sich bewusst sein, dass der Geschäftszweck die Vermittlung ist. Man weiß nicht, ob die Provision Einfluss auf die Darstellung hat“, sagt Niels Nauhauser, Finanzexperte der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. Nur die Stiftung Warentest biete einen unabhängigen Zinsvergleich an, der auch online zu finden ist. Dieser ist allerdings kostenpflichtig.

Auf was sollte man bei den Vergleichen achten?

Auf etlichen Webseiten kann man für den Vergleich jene Kriterien übernehmen, die die Stiftung Warentest empfiehlt. Dazu zählen eine gesetzliche Einlagensicherung von mindestens 100.000 Euro pro Kunde und eine hohe Bonität des Herkunftslandes der Bank (AA bis AAA). Außerdem sollten für das Tagesgeldkonto keine Kosten entstehen und Zinsen zumindest jährlich gutgeschrieben werden.

Worauf kommt es bei der Einlagensicherung noch an?

Zwar gilt die Einlagensicherung in allen Ländern der EU und des Europäischen Wirtschaftsraums EWR – dennoch gebe es kein gemeinsames europäisches Einlagensicherungssystem, wie man beim Online-Finanzratgeber Finanztip betont. „Im Ernstfall ist nicht vorhersehbar, ob sie wirklich in allen beteiligten Ländern funktioniert.“ Finanztip empfiehlt deshalb die Anlage nur in Deutschland, Österreich, den Niederlanden, Dänemark, Schweden, Norwegen und Finnland. Dies seien die Länder mit einer sehr hohen Kreditwürdigkeit.

Wie lange gibt es hohe Zinsen?

Wer auf der Jagd nach dem extra Prozent Zins ist, sollte genau hinsehen: Viele Banken senken nach den attraktiven Aktionszinsen die Zinsen teils deutlich. So fällt der Zinssatz für Neukunden in Höhe von 3,4 Prozent bei der Consorsbank nach drei Monaten gerade mal auf 0,8 Prozent. Langfristig attraktiv ist dort das Tagesgeld also nicht. Bei anderen Banken ist das Gefälle kleiner.

„Das Kalkül der Banken ist, dass die Kunden das Ende des Aktionszeitraums übersehen oder aus Bequemlichkeit ihr Konto halten“, sagt Finanzexperte Niels Nauhauser von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. Wer langfristig agieren will, schaut, dass sich die Sätze für den Aktionszins und für die Bestandskunden ähneln.

Bekomme ich auch als Bestandskunde bessere Konditionen?

Manchen Bestandskunden dürften die attraktiven Aktionen für Neukunden verärgern. Hier wird Treue zur Bank mit schlechteren Konditionen bestraft. Doch sind Banken bereit, auch Bestandskunden bessere Konditionen zu unterbreiten? Wir haben den Test bei drei Großbanken gemacht – 1822 direkt, VW Financial Services und Suresse. Die Antworten waren eindeutig: Keine Bank ließ hier mit sich reden.

Wie eröffne ich ein Konto?

Da vor allem Neukundenrabatte attraktiv sind, führt der Weg zu höheren Zinsen meist zu einer neuen Bank. Es gilt, den Kontoantrag auszufüllen, auszudrucken und zu unterschreiben. Dann geht es in die Postfiliale, um sich mittels Postident zu legitimieren. Online sind diese Schritte einfacher und schneller zu erledigen. So lässt sich die Legitimation auch über einen Videoanruf erledigen, bei dem man den Personalausweis in die Kamera halten muss.

Taugt das Tagesgeld zur Geldvermehrung?

Im besten Fall lässt sich damit die Geldentwertung ausgleichen. Zwar lag die Inflationsrate in Deutschland im Februar im Vorjahresvergleich nur bei 1,9 Prozent – doch der Krieg in Nahost hat die Preise für Heizen, Strom und Tanken steigen lassen – auch Preiserhöhungen bei Lebensmitteln sind zu erwarten.

Wirtschaftsinstitute rechnen für dieses Jahr mit einer Gesamtinflation von mehr als zwei Prozent – die EZB erwartet derzeit eine Teuerung von 2,6 Prozent auf Jahressicht. Zieht man von einem dreiprozentigen Zinsgewinn Kapitalertragsteuer und Solidaritätszuschlag in Höhe von 26,4 Prozent ab, bleiben 2,2 Prozent übrig. Auch mit einem Sparer-Pauschbetrag in Höhe von 1000 Euro für Einzelpersonen lässt sich auf diese Weise das Geld kaum mehren.

Wie entwickeln sich die Zinsen für Tagesgeld in den kommenden Monaten?

Die Zinsen könnten weiter steigern. Zwar hat die EZB den wichtigen Leitzins im März nicht angehoben, doch infolge der steigenden Inflation ist davon auszugehen, dass das nur eine Frage der Zeit ist.

Die DZ Bank rechnet damit, dass die EZB die Leitzinsen in den kommenden sechs Monaten zwei Mal um 0,25 Prozent erhöht. Die erste Leitzinserhöhung könnte schon auf der Sitzung am 30. April oder 11. Juni erfolgen, sagt Christian Lenk, Senior Marktstratege der Bank. „Wenn die EZB kurzfristig die Zinsen erhöht, hat das in der Regel auch Auswirkungen auf Tagesgeld und Festgeld. Zumindest ein leichter Anstieg ist hier zu erwarten.“