Auf das Tafelladenteam kommt deutlich mehr Arbeit zu, nicht nur beim Ukrainetag. Foto: Huber

Im Einkaufskorb liegen Äpfel und Bananen: "Für meine Kinder." Die jüngere Frau aus VS ist neu im Tafelladen: Und damit ist sie eine von bald 100 Neu-Kunden, die die hohe Inflation an ihre finanzielle Schmerzgrenze bringt. Nicht mal den Einkauf im Discounter kann sie sich noch leisten.

Villingen-Schwenningen - Stimmengewirr, wartende Frauen und vereinzelt ältere Menschen, die gedankenverloren darauf warten, dass sie den Tafelladen in Schwenningen betreten können. Im Hof parkt ein Auto mit ukrainischem Kennzeichen.

 

Helgina Zimmermann, seit 16 Jahren Vorsitzende des Fördervereins "Mach mit" in Villingen-Schwenningen, schiebt sich vorbei an zwei Frauen, die an der Kasse stehen. Eine dritte schaut auf, ein flüchtiges Lächeln, ein Nicken mit dem Kopf. Der große Ansturm ist vorbei, berichtet Zimmermann. Nur wenige harren an diesem Nachmittag vor dem Laden aus, insgesamt 268 Ausweise hat sie bereits an ukrainische Flüchtlinge vergeben, die in den beiden Tafelläden an der Gerwigstraße in Villingen und Ob dem Brückle in Schwenningen registriert wurden und Berechtigungsausweise besitzen. Die Menschen, hauptsächlich jüngere Frauen, ihre Kinder und deren Großeltern, "sind höflich, freundlich, aber auch verzweifelt", beschreibt die Vorsitzende das, was sie am "Ukrainetag" erlebt. "Die Männer kämpfen. Und wir können nur dafür beten, dass sie ihre Angehörigen wiedersehen."

25 Prozent mehr Neukunden

Vor dem Angriff Russlands und dem Krieg in der Ukraine erlebten die Tafelläden in VS und Donaueschingen eine eher ruhige Zeit. Aufgrund der Corona-Krise seien die Zahlen stark zurück gegangen. "Wir durften ja auch nur zwei bis drei Leute in den Laden hineinlassen", schaut Zimmermann zurück. Doch mit dem Ende der Einschränkungen schnellten die Zahlen deutlich nach oben. Derzeit sind knapp 400 Tafelkunden registriert, doch das Team um Helgina Zimmermann geht davon aus, dass die Zahlen um 25 Prozent steigen "und wir um die 100 Leute mehr in unserer Kartei haben".

Angst vor der Nebenkostenabrechnung

Einmal arm, immer arm? Was ist dran an dieser Aussage. "Leider kann ich das nur bestätigen", so Zimmermann. "Manche kommen über Generationen hinweg nicht aus dieser Spirale heraus." Diese Aussage trifft durchaus auch auf die Kunden in VS und Donaueschingen zu: Zu den Menschen, die darüber hinaus nicht mehr finanziell auf die Beine kommen, zählen vor allem Rentner und Langzeitarbeitslose. Doch mittlerweile steht im "Sozialkaufhaus" auch die mehrfache Mutter, "weil ich kein Geld mehr habe, um für meine Kinder Äpfel und Bananen zu kaufen". Oder der Geringbeschäftigte, der bisher noch "gekämpft hat, um beim Discounter einzukaufen", jetzt aber an seine Schmerzgrenze gekommen ist: Die Betroffenen einer Inflation von über sieben Prozent und damit auch exorbitant gestiegenen Lebensmittelpreisen.

Eine Kundin, "und es sind für uns alle Kunden für auf Augenhöhe", greift zu einem Joghurt. Würde sie bei einem Lebensmittelmarkt etwa 35 Cent bezahlen, darf sie den Becher für rund zehn Cent eintüten.Erschütternd ist für das Tafel-Team, wenn Alleinlebende von ihrem kargen Alltag berichten: "Ich habe nur noch Kerzen an, um Strom zu sparen", oder "ich sitze mit Jacke und Mütze an manchen kühlen Abenden im kalten Wohnzimmer, weil "ich Angst vor der nächsten Nebenkostenabrechnung habe".

Ehrenamtliche vor Engpässen

Doch nicht nur solche Lebenslinien beschäftigen die Mitarbeiter. Sie sehen in Bezug auf die Lebensmittel, die sie künftig anbieten können, einen gewaltigen Engpass auf sich zukommen. Die Tafel darf mehrere Discounter anfahren, um dort täglich in den Vormittagsstunden unsortierte Ware abzuholen. Doch mittlerweile füllen diese Lebensmittel nur noch ein Kühlregal, statt zwei Regalen. "Die Leute kaufen weniger, die Märkte ordern daher weniger", erläutert Zimmermann das Problem. "Und das, obwohl bei uns die Kundenzahlen deutlich steigen."

Die langjährige Vorsitzende steht jetzt vor der Aufgabe, neue Läden hinzu zu gewinnen und zusätzliche private Spender anzusprechen. "Das wird sonst noch ein Riesenproblem." Zum Glück gibt es auch immer wieder Spenden von großen Clubs.

Doch wie können Bürger dieser Stadt den Förderverein "Mach mit" unterstützen? Sicherlich durch Spenden, aber auch durch ehrenamtliche Mitarbeit. Im Lager und beim Sortieren werden Hände, die anpacken, genauso gesucht wie in den Tafelläden oder an der Kasse. Wer Interesse hat, kann sich unter Telefon 07720/99 40 90, E-Mail geschaeftsstelle@mach-mit-vs.de melden.

Die beiden Tafelläden in VS

Tafelladen Schwenningen, Ob dem Brückle 27, Geöffnet Dienstag und Freitag, 14 bis 16.30 Uhr, für ukrainische Geflüchtete: Donnerstag, 14 bis 16.30 Uhr.

Tafelladen Villingen, Gerwigstraße 6, Montag, Mittwoch und Freitag, 14.30 bis 16.30 Uhr.