Der Platzverweis für VfB-Offensivmann Nick Woltemade im Spiel gegen Werder Bremen erhitzt weiter die Gemüter. Jetzt spricht Schiedsrichter-Chef Knut Kircher über die Szene – und die Konsequenzen.
Knut Kircher hat seinen Stammplatz, wenn er Heimspiele des VfB Stuttgart besucht. Er sitzt im Zentrum der oberen Haupttribüne im Pressebereich und hat auf Höhe der Mittellinie den Überblick auf das Geschehen – und damit auf das, was für ihn als Geschäftsführer der DFB Schiedsrichter GmbH von Belang ist: Die Leistung des Unparteiischen mit seinem Gespann unten auf dem Rasen. Auch am Sonntag, bei der Partie gegen Werder Bremen (1:2), nahm Kircher seinen Platz auf der Haupttribüne ein und ging dann wie immer nach dem Spiel in die Schiedsrichterkabine, um in dem Fall eine erste Analyse mit Daniel Schlager und seinen Assistenten vorzunehmen.
Nun bot die hochumstrittene Gelb-Rote Karte gegen den VfB-Offensivmann Nick Woltemade in der 65. Minute bekanntlich reichlich Gesprächsstoff – so auch in der Umkleide der Unparteiischen in der Stuttgarter Arena. Kircher berichtet jetzt gegenüber unserer Redaktion mit etwas Abstand davon, dass Schlager nach Ansicht der TV-Bilder „sehr niedergeschlagen“ gewesen sei, denn: „Die Bilder zeigen nicht das, was der Referee bei der Szene bei Nick Woltemade auf dem Platz wahrgenommen hat.“ Schlager habe beim Foul an Bremens Mitchell Weiser, so der Schiedsrichter-Chef weiter, auf dem Spielfeld eine offene Sohle Woltemades, die dann auch noch an Weisers Bein heruntergerutscht ist, erkannt – und damit einen „rücksichtslosen Einsatz“.
Genau dem war aber nicht so, denn der VfB-Profi berührte Weiser nur leicht mit seiner Fußspitze, mit der er eigentlich den Ball hatte spielen wollen, aber zu spät kam. Also bestätigt Kircher die nach der Partie vorherrschende Meinung aller Beteiligter: „Das war keine Gelbe Karte.“ Der ehemalige Top-Schiedsrichter aus Rottenburg betont die Tragweite der Entscheidung Schlagers, die dann auch dessen Niedergeschlagenheit erkläre: „Mit einem Platzverweis nimmst du ja einen sehr großen Einfluss, es ist eine spielentscheidende Szene, das machst du nicht mal eben aus der Hüfte raus.“
Klar ist jetzt, dass Schlager am kommenden Bundesliga-Wochenende nicht im Einsatz sein wird – das aber sei, sagt Kircher, schon vor der Partie des VfB gegen Bremen so geplant gewesen. Der Schiedsrichter-Chef ließ es allerdings offen, ob Schlager dann am übernächsten Wochenende wieder pfeifen wird. Der 56-Jährige betont dabei allgemein das Leistungsprinzip, das sich für die Referees am Ende in der Anzahl der gepfiffenen Spiele widerspiegele – sagt aber auch, dass die Unparteiischen in der öffentlichen Wahrnehmung oft die einzigen Beteiligten im Bundesliga-Betrieb seien, für die öffentlich eine Pause oder gar eine Denkpause eingefordert würde: „Wenn ein Torhüter einen groben Fehler macht oder ein Stürmer den Ball freistehend am Tor vorbeisemmelt, wird nicht immer gleich nach einer Pause gerufen.“ Man sei aber, so Kircher weiter, bei den Bundesliga-Referees im Leistungsbereich. Und: man reflektiere die Dinge gemeinsam, auch mit Blick auf Schlager, weiter. Ergo: „Wir lassen das ein bisschen im Offenen.“ Auch Ex-Schiedsrichter Manuel Gräfe hatte sich nach der Partie kritisch über Schlager geäußert. Der VfB legte Einspruch gegen die Sperre Woltemades ein.
Die berühmte Karazor-Szene
Klar hingegen ist, dass der VfB in dieser Saison nicht zum ersten Mal das Opfer einer zu Unrecht gegebenen Gelb-Roten Karte geworden ist. Fast schon legendär ist die Szene, nach der Atakan Karazor in der Partie beim VfL Wolfsburg Ende September (2:2) vom Feld musste: Der Kapitän foulte nicht – wie vom Schiedsrichter wahrgenommen – seinen Gegenspieler Maximilian Arnold, sondern Arnold ihn. Knut Kircher positionierte sich hinterher gegenüber unserer Redaktion klar: „Es wäre absolut wünschenswert und sinnvoll, einen so klaren Fehler über den Videobeweis korrigieren zu dürfen.“ Das aber gibt das Regelwerk nicht vor – weil der Videoschiedsrichter bei Gelben Karten protokollmäßig nicht eingreifen darf. So wie auch am vergangenen Sonntag in der Partie gegen Bremen bei der Aktion Woltemades gegen Weiser.
Kircher hat aber mit dem Blick in die Zukunft die Hoffnung, dass sich das ändert. Schon vor ein paar Monaten legte der Deutsche Fußball-Bund (DFB) die Karazor-Szene aus Wolfsburg als Mitglied des Weltverbandes Fifa dem Gremium vor, das die Regeln des Fußballs verantwortet und gegebenenfalls auch verändern kann.
So beschäftigte sich das International Football Association Board (Ifab) schon in seiner Sitzung Anfang Dezember mit dem Fall Karazor – jetzt ist, so berichtet es Kircher gegenüber unserer Redaktion, weitere Bewegung in das Ziel gekommen, dass der Videoschiedsrichter künftig bei einer zu Unrecht gegeben Gelb-Roten Karte eingreifen darf.
So gab es auf Einladung der Fifa in der vergangenen Woche in Zürich ein Treffen der Schiedsrichterchefs aus den verschiedenen Ländern mit dem Weltverband und seinen Regelhütern. Das Thema mit den Gelb-Roten Karten kam offen zur Sprache – auch, so berichtet es Kircher, weil jetzt einige seiner Kollegen aus den anderen Nationen die gleichen Dinge wie er nach dem Fall Karazor einforderten: „Es versteht keiner, dass man die Technik bei solchen Dingen wie einer zu Unrecht gegebenen Gelb-Roten Karte nicht nutzen darf“, sagt Kircher mit Blick aufs Allgemeine und ist im Konkreten zuversichtlich, dass die Ifab-Regelhüter die Dinge „zeitnah“ ändern und der Videoschiedsrichter bei zu Unrecht gegebenen Ampelkarten bald intervenieren darf: „Was immer zeitnah auch heißt – man spricht jetzt darüber, man ist weiter dabei, es ist aber nicht so, dass schon etwas umgesetzt ist.“