Pius Weser aus Binsdorf fährt seit vielen Jahren beim großen Umzug anlässlich des Cannstatter Volksfests mit / "Dabeisein ist alles"
Von Wolf-Ulrich Schnurr
Geislingen-Binsdorf. Gestern hat das Cannstatter Volksfest begonnen, morgen steht der große Festumzug auf dem Programm. Einer der rund 3500 Mitwirkenden ist Pius Weser aus Binsdorf.
Der Volksfestumzug 2013 ist für Pius Weser ein kleines Jubiläum: 1993 hat er zum allerersten Mal die Pferde angespannt, um den Cannstatter Umzug um einen Wagen aus dem Zollernalbkreis zu bereichern – er chauffierte die Singenden Schäfer durch Stuttgart.
Danach war er noch als Kutscher der Flößer des Oberen Nagoldtals mit dabei, und selbst beim Münchner Oktoberfest fuhr er drei Mal. Seit 2001 ist er jedes Jahr als "Binsdorfer Hausmetzger" mit einem eigenen Festwagen Bestandteil der Bad Cannstatter Veranstaltung.
Deshalb war Weser die vergangenen Tage emsig damit beschäftigt, den vierspännig gezogenen Wagen fürs Wochenende herzurichten. Die Dekoration ist weitgehend fertig.
Am Mittwoch war der Hufschmied da, um die Pferde zu beschlagen. Donnerstag und Freitag hat der 66-Jährige das komplette Geschirr und das traditionelle Handwerkszeug eines Kutschers auf Hochglanz poliert – vom Kummet, mit dem die Pferde das Gefährt ziehen, über "Schmotzbüchs’" mit Fett und Mähnenkamm bis zu den Glocken, deren Klang bei einem Pferdewagen irgendwie dazu gehört. Heute wird er die Zugtiere waschen, vor allem Schweif und Mähnen.
Neben Weser und einer Handvoll Helfer aus Binsdorf gehört am Sonntag noch Kutscher Mark Maier aus Riedlingen dazu. Der sitzt nicht nur auf dem Bock, sondern bringt auch zwei der vier süddeutschen Kaltblüter mit, die den Wagen durch die historischen Gassen zum Wasen ziehen. Klar, dass alle vier Tiere ähnlich aussehen: Es sind "Füchse" mit rotbraunem Fell und weißer Mähne, Schweif und Fesseln. Die Optik muss stimmen, schließlich kommt der Umzug auch im Fernsehen.
Mit einem Lkw und Pferdetransportern geht es morgen nach Stuttgart. Vom Aufstellungspunkt sind es ab 11 Uhr etwa anderthalb Stunden bis zum Wasen. Während dieser Fahrt steht der gelernte Metzger Weser hinten auf dem Wagen und macht im holzgeheizten Brühkessel frische Bratwürste.
Vom Zielpunkt geht es dann ohne große Verzögerung wieder zurück nach Binsdorf. Es ist ein ordentlicher Aufwand, bis man abends entspannen kann. "Aus Spaß an der Freude" mache er sich diese Mühe, sagt Weser, denn "dabeisein ist alles". Geld verdient er damit nicht.
Das Kutschenfahren ist für ihn eine Leidenschaft: Insgesamt neun pferdegezogene Wagen und fünf Schlitten stehen in seiner Scheune – teils sehr alt, aber alle fahrbereit.
Drei Kaltblüter grasen auf seiner Weide, kräftige Arbeitstiere, die nicht nur Kutschen ziehen, sondern auch beim Häufeln auf dem Kartoffelacker zum Einsatz kommen.
"Ich war in meinem Leben noch keine Stunde ohne Pferd", sagt Weser, der aus einer alteingesessenen Binsdorfer Familie stammt. Schon sein Urgroßvater hatte Pferde. Sein Vater, Josef "Jockele-Sepper" fuhr den pferdebespannten Leichenwagen und setzte die Tiere auf den Feldern sowie bei der Forstarbeit ein.
"Früher hat man alles mit Pferden gemacht", sagt Pius Weser. Erst 1960 kaufte seine Familie den ersten Traktor. Er erinnert sich gut daran, wie er als Bub aus der Schule kam, den Ranzen in die Ecke warf und in den Wald ging, um seinem Vater zu helfen. So hat er gelernt, beim Holzschleifen oder bei der Heuernte die Pferde zu lenken.
Trotzdem waren die Tiere für ihn bloß ein Hobby. Früher bot er Kutschfahrten an, was er aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr tut. Den Festumzügen – am 3. Oktober steht noch der Schussenrieder Fuhrmannstag an – sowie den Blutritten in Weingarten und Bad Wurzach ist er hingegen treu geblieben. Und seine Vorfreude auf das Volksfest ist deutlich zu spüren.