Droht durch die Impfung eine Zwei-Klassen-Gesellschaft? Foto: imago images/Jan Huebner/Blatterspiel

Für die einen droht die Spaltung der Gesellschaft, für die anderen hat die Impfung das Potenzial, Menschen endlich wieder zusammen zu bringen. Was darf’s denn sein?

Stuttgart - Die Infektionszahlen steigen, und sie tun das rasant, besonders unter den Ungeimpften. Es war deshalb nur eine Frage der Zeit, bis Maßnahmen diskutiert werden, die ausschließlich Ungeimpfte betreffen. Denn sie, glaubt man Experten, sehen sich derzeit dem größten Risiko ausgesetzt.

 

Seit Monaten schon wird debattiert und gegiftet: „Impfpflicht durch die Hintertür“, „Einschränkung von Bürgerrechten“ oder „Spaltung der Gesellschaft“. Dabei ist in dieser Frage die Gesellschaft längst gespalten. Jeder kleine Schritt, jede Maßnahme in dieser Pandemie hat unzählige Risse in unserer alten Normalität aufgetan. Es muss jetzt darum gehen, andere zu schützen und dabei Gräben zu verkleinern.

Politisch fahrlässig

Ob Masken, Abstand, Lockdown light, Inzidenzwerte, Krankenhausbelegungen – in den vergangenen 18 Monaten war keine Maßnahme zu klein, um nicht als gesellschaftsspaltend verunglimpft zu werden.

Natürlich war es politisch fahrlässig, im Frühjahr mögliche „Privilegien für Geimpfte“ zu diskutieren, während Impfwillige Schlange standen, aber kaum Impfdosen vorhanden waren. Mittlerweile sind die Dosen da, doch es fehlt an „Impflingen“.

Hass und Morddrohungen

Namhafte deutsche Künstler machen sich derzeit in einer Internet-Kampagne für die Impfung stark, Hashtag: „impfenschützt“. Es geht um die Rückkehr in eine Form der alten Normalität. Mit dabei sind Die Ärzte (hihi), Jan Delay, Einstürzende Neubauten und Roland Kaiser. Alleine die künstlerische Breite belegt einen Konsens.

Die Impfempfehlungen der Künstler sind moderat, freundlich und erklärend formuliert – beinahe mit Samthandschuhen, um bloß nicht in den Verdacht zu geraten, andere bevormunden zu wollen. Die Reaktionen von Impfgegnern, -verweigerern, -skeptikern oder wie immer sie sich selbst kategorisieren möchten: blanker Hass, Drohungen, Boykottaufrufe, Todeswünsche und Co..

Nicht alle sind Verschwörungsheinis

Und es wurde viel gelacht über 250 Menschen in Thüringen, für die Anfang August eine regionale Gratiswurst Anreiz genug war, sich doch impfen zu lassen. Applaudieren sollte man ihnen, nicht über sie lachen.

Denn sie haben gezeigt, dass es sich bei „Impfunwilligen“ eben nicht ausnahmslos um verstrahlte Esoteriker oder Verschwörungsheinis handelt, die sich faktenarm als Märtyrer der Pandemie stilisieren oder Geimpfte als „Mitläufer“ oder „rückgratlos“ beschimpfen.

Barrierefreie Impfangebote erleichtern auch weiterhin den Zugang für andere, bislang Unentschlossene, Bequeme oder Ängstliche. Denn auch das sind Gründe, sich nicht impfen zu lassen.

Das Risiko minimieren

Zur Wahrheit gehört auch: Die Impfung macht nicht zu Wonder Woman, auch nicht zu Superman oder irgendeiner anderen unverwundbaren Lichtgestalt. Die Impfung schützt nicht zu 100 Prozent, doch sie mindert erheblich die Risiken einer Ansteckung, die Risiken eines schweren Krankheitsverlaufes, sie mindert mitunter die Symptome, und sie sorgt dafür, dass Geimpfte in der Regel weniger Virenlast „verbreiten“ und „aufnehmen“. Geimpfte minimieren sogar Risiken für Ungeimpfte, Kinder und Kranke. Wie ein Helm, der auch andere schützt.

Sich selbst etwas Gutes zu tun und ohne weitere Anstrengung auch anderen zu helfen ist ein gutes Geschäft – fast pragmatisch. Viel bequemer geht’s kaum. Denn wenn etwas die Gesellschaft spaltet, dann sind das Angst, Krankheit und der Tod.

Menschen zusammenführen

Die Impfung hat das Potenzial, Menschen endlich wieder zusammenzubringen und das unter weit kleineren Risiken als bisher. Also, wenn man das möchte. Wenn nicht, ist es aber pure Egozentrik, sich gleichzeitig über Regelungen wie 3 G oder 2 G zu beschweren. Tests allerdings, die sollten weiterhin für alle Menschen kostenfrei und niederschwellig zugängig sein. Niemand ist unverwundbar.