Die Namen der VfB-Spieler gibt es nun auch in Gebärdensprache. Die Entwicklerin Iris Rommel erklärt, welche Merkmale bei der Namensgebung entscheidend waren.
Stuttgart - Es fällt mitunter schwer, in andere, fremde Welten vorzudringen, sie zu verstehen. In die Welt der Gehörlosen etwa. Ihre Form der Kommunikation folgt gänzlich anderen Mustern, als es die meisten gewohnt sind. Womöglich übersteigt sie auch das Vorstellungsvermögen vieler, die sich in gesprochenem Wort und Ton austauschen.
Iris Rommel ist Teil der Gehörlosen-Community des VfB Stuttgart. Als solche hat die 36-Jährige mitgeholfen, ihren Herzensclub wieder ein bisschen behindertengerechter zu machen. Mitgliederversammlungen und Pressekonferenzen werden schon länger von Gebärdensprach-Dolmetschern übersetzt. Seit kurzem gibt es einen zusätzlichen Service: Bei Heimspielen wie am Samstag (15.30 Uhr) gegen die TSG Hoffenheim werden die Namen der VfB-Spieler nicht mehr nur von Stadionsprecher Holger Laser vorgetragen. Die Transkription in Gebärdensprache erfolgt zusätzlich über die Leinwand – vorgetragen von den Spielern selbst.
Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Wie nachhaltig ist der VfB Stuttgart?
„Damit ist der VfB ein Vorreiter im deutschen Fußball“, so Rommel. Sie hat die Aktion gemeinsam mit den Profis vorbereitet und gibt interessante Einblicke in ihre Arbeit. Die Namensvergabe erklärt sie wie folgt: „Für Namen gibt es keine einheitliche Gestik. Sie sind individuell und orientierten sich an den optischen Merkmalen einer Person. Etwa an den Haaren oder auffälligem Schmuck. So entsteht für jeden eine personalisierte Namensgebärde.“
Bart, Haare, Narbe: Wie die VfB-Spieler dargestellt werden
Für die Darstellung der VfB-Mannschaft hat sich die Tauben-Fangemeinschaft viel Zeit gelassen, die Spieler genau beobachtet und nach unverwechselbaren Attributen gesucht. Bei Trainer Pellegrino Matarazzo stach ihnen die prägnante Form des Bartes ins Auge – die entsprechende Gebärde zielt auf die Kinnpartie des Chefcoaches. Bei Torhüter Florian Müller sind es die seitlich abstehenden Haare, laut Rommel „wie nach dem Kämmen“. Den Namen von Verteidiger Marc Kempf assoziieren die Gehörlosen mit Kampf und gebärden ihn entsprechend. Bei Orel Mangala gilt eine Narbe an der Kopfseite als hervorstechendes Merkmal, bei Zwei-Meter-Mann Sasa Kalajdzic die Größe. „Uns ist es wichtig, niemanden zu diffamieren“, erklärt die 36-Jährige. Das scheint gelungen – zumindest hat sich kein Spieler beschwert.
Aus unserem Angebot: Mein VfB + kostenfrei testen
Mit der Gebärden-Aufstellung gilt der VfB in der Liga als Vorreiter. Auch an anderen Stellen werden Barrierefreiheit und Inklusion, Begriffe, mit denen vor nicht allzu langer Zeit noch nicht jeder etwas anfangen konnte, mit Leben gefüllt. So gibt es in der Untertürkheimer Kurve 40 Plätze, die allein Sehbehinderten und Gehörlosen samt Begleitpersonen vorbehalten sind. Blinde und Sehschwache bekommen eine 90-minütige Live-Kommentierung eines Reporters des SWR auf die Ohren. Unterstützung erhalten sie von Ehrenamtlichen des Teams Barrierefrei vom VfB – genauso wie die Rollstuhlfahrer, für die in normalen Zeiten 170 Plätze zur Verfügung stehen. Aktuell sind es 90.
Behindertenverband lobt den VfB
„Wir versuchen, auch auf diesem Feld unserer Verantwortung gerecht zu werden“, sagt Vorstandschef Thomas Hitzlsperger. Wohlwissend, dass noch immer Luft nach oben ist. RB Leipzig etwa übermittelt alle Ansagen während seiner Heimspiele auf einem Splitscreen der Anzeigentafel in Gebärdensprache. So weit ist man beim VfB noch nicht, da jedes zusätzliche Angebot personelle Kapazitäten erfordert. Ligaweit habe man beim Engagement für Behinderte ein „solides Grundlevel“ erreicht, heißt es.
Der Landesverband für Menschen mit Körper- und Mehrfachbehinderung kann die Einschätzung bestätigen. „Früher musste man den VfB immer ein wenig zu seinem Glück zwingen. Mittlerweile ist der Verein aber sehr bemüht, gerade im Bereich der Rolli-Fahrer“, sagt Geschäftsführerin Jutta Pagel-Steidl. Sie lobt vor allem die vielen „rührigen ehrenamtlichen Fanbetreuer“.
Warum die Rolli-Fahrer weiter im Regen sitzen
Nicht zufriedenstellend ist allerdings die Unterbringung der Rollstuhlfahrer im vorderen Bereich der Gegentribüne. Bei Regen werden viele von ihnen nass – ein altes Thema. Umbauten würden einen Millionenbetrag nach sich ziehen, weshalb der VfB zögert. Im Zuge der Umbauarbeiten mit Blick auf die EM 2024 dürfte sich am Status Quo nichts ändern, da die Gegentribüne von den Maßnahmen unberührt bleibt. In einer Umfrage unter den Rollstuhlfahrern sollen nun alternative Möglichkeiten eruiert werden.