Nicht auf dem Schlossberg, an der Nagold oder am Alten Turm stand die Wiege Nagolds. Ein Blick unter die Remigiuskirche offenbart die frühesten Geheimnisse der Stadt.
Dass Nagold ein schöner Platz zum Leben ist, das wussten schon die Römer vor gut 2000 Jahren. Als sie sich niederließen, wählten sie nicht einen Platz an den Flüssen oder auf dem über den Tälern thronenden Schlossberg.
Sie wählten die sanften Höhen im Südwesten der Stadt, wo sie besten Zugang zu Quellen und Bächen hatten. Daher bekam das Gebiet, wo einst die Römer siedelten, später den Namen „Bächlen“.
Dort errichteten sie im 3. Jahrhundert nach Christus einen ansehnlichen Gutshof. Dessen Gebäude verteilten sich über das ganze Areal des heutigen Friedhofs. Dann war ein halbes Jahrtausend lang erst einmal Ruhe im „Bächlen“. Etwa im Jahr 720 entstand auf den Ruinen oder Fundamenten des Gutshofs eine erste Kirche – erst viel später wurde daraus die Remigiuskirche, wie die Nagolder sie heute kennen.
In dieser Zeit kommt Nagold auch in Kontakt mit einem der wichtigsten Herrschergeschlechter Europas: den Franken mit ihrem berühmtesten Vertreter Karl dem Großen. Der erste deutsche Kaiser heiratete 771 die Schwester des Nagolder Grafen Gerold des Jüngeren. Und was hat jetzt dieser Gerold mit der Remigiuskirche zu tun? Ganz einfach: sein Vater Gerold der Ältere – also der Schwiegervater Karls des Großen – wurde nach Auffassung von Archäologen und Historikern in der ersten Kirche in Nagold beerdigt.
„Man weiß nicht immer alles“
Und von einigem davon gibt es heute noch Zeugnisse. Und mit denjenigen, die über diese Zeugnisse mit am besten Bescheid wissen, treffe ich mich an einem trüben Nachmittag: Detlev Börries ist Pfarrer der Remigiuskirchengemeinde und Judith Bruckner Vorsitzende des Nagolder Heimatgeschichtsvereins. Bruckner hat in den 1990er-Jahren einen Kirchenführer zur Remigiuskirche geschrieben.
Schon vor der Tür steht ein Jahrtausende altes Zeugnis: ein römischer Stein aus dem Gutshof. In der Kirche selbst finden sich ebenfalls – ganz offen – Zeugnisse der Römer. Der große Bogen der Kirche steht auf zwei römischen Säulen, vielleicht war das eigentlich eine Säule, die dann auseinandergeschnitten wurde, wie Judith Bruckner mutmaßt. Wissen tut sie das aber nicht mit Gewissheit: „Man weiß nicht immer alles“, sagt sie und zuckt mit den Achseln. Ein Satz, der an diesem Tag noch häufiger fällt.
Keine zwei Meter vom Altar warten dann die noch größeren Geheimnisse der Remigiuskirche. Detlev Börries entfernt ein Gitter im Boden. Mit einer Leiter geht es in die Tiefe, in die so genannte Krypta. Der Raum ist etwa 1,40 Meter hoch, eine später eingezogene Betondecke stabilisiert den gut sechs auf sechs Meter großen Raum unter dem Altar. Einer der Wände – diejenige Richtung Kirchenschiff – soll römischen Ursprungs sein.
Am Altarfundament finden sich Knochenreste
In der Mitte findet sich ein Altarfragment in Trockenbauweise, nicht weit davon entfernt liegen – vermutlich menschliche – Knochen. An der nahe gelegenen Wand stehen vier kleine ausgehöhlte Steinquader: Kindergräber, die man 1963 bei Ausgrabungen unter der Kirche gefunden hat. Daneben entdecken wir einem Grabstein mit einem Kelch – offensichtlich vom Grab eines Priesters. Und wie alt ist dieser Grabstein? „Man weiß nicht immer alles“, sagt Judith Bruckner.
Und daneben erhebt sich ein länglicher fester Hügel. Und unter dem schmucklosen Hügel fand man bei den Ausgrabungen in den 1960er-Jahren die sterblichen Überreste eines Menschen. Ein ähnliches Grab findet sich in einem zweiten, weitaus kleineren Raum unter der Kirchenapsis.
DNA-Abgleich wird erst einmal auf Eis gelegt
Wer waren diese Toten? Zumindest bei einem davon könnte es sich um den Schwiegervater Karls des Großen, Gerold den Älteren, handeln. Aber zu 100 Prozent sicher ist das nicht. Ein angedachter DNA-Abgleich mit den Knochen seines Sohnes Gerold dem Jüngeren wurde aus praktischen und finanziellen Gründen auf Eis gelegt.
Und so bleibt auch dieses Rätsel von Remigius erst einmal ungelöst.