Der Bundesnachrichtendienst ging bereits 2020 davon aus, dass das Coronavirus mit hoher Wahrscheinlichkeit durch einen Laborunfall in China freigesetzt wurde. Der Virologe Martin Stürmer hält Viren aus dem Tierreich jedoch für weit gefährlicher als Krankheitserreger, an denen in Labors geforscht wird.
Die Diskussion über die mögliche Herkunft des Coronavirus aus einem Labor könnte zu strengeren Sicherheitsstandards in der Forschung führen, meint der Frankfurter Virenexperte Martin Stürmer.
Herr Stürmer, wird sich der Ursprung von Sars-CoV-2 jemals eindeutig klären lassen?
Das ist unwahrscheinlich. Um einen natürlichen Ursprung zweifelsfrei zu belegen, müsste man jene Tierart finden, von der das Virus auf den Menschen übergesprungen ist. Es gibt zwar eine hohe Ähnlichkeit von Sars-CoV-2 mit einer Virusprobe aus Fledermäusen, aber die Übereinstimmung ist eben nicht vollständig. Und um einen Ursprung in einem Labor nachzuweisen, müsste man dort die Ursprungsvariante von Sars-CoV-2 finden. Doch solange China keine weiteren Informationen herausgibt, bleibt die Herkunft des Virus ungeklärt.
Der Bundesnachrichtendienst sah 2020 zumindest eine hohe Wahrscheinlichkeit dafür, dass es bei einem Laborunfall in China freigesetzt wurde.
Ich kenne die genauen Daten nicht, die der BND für sein Analyse herangezogen hat. Dass Sars-CoV-2 ausgerechnet in der Nähe eines Instituts, in dem intensiv an Coronaviren geforscht wurde, zum ersten Mal aufgetreten ist, kann einem schon zu denken geben, ist aber kein Beweis für die Richtigkeit der Labortheorie.
Angenommen, das Virus stammt aus dem Labor – hätte das Wissen darüber in der Pandemie irgendeinen praktischen Nutzen gehabt?
An den Infektionsschutzmaßnahmen hätte das vermutlich wenig geändert. Dafür spielte es erst mal keine große Rolle, wo das Virus herkam – es war in der Welt und seine Verbreitung musste so gut wie möglich gebremst werden. Mit Blick auf die Entwicklung von Impfstoffen und Medikamenten hätte es durchaus von Vorteil sein können, wenn Sars-CoV-2 tatsächlich aus einem Labor stammen würde. Über ein Virus, an dem vielleicht schon jahrelang geforscht wurde, weiß man mehr als über einen völlig neuen Erreger und kann womöglich schneller ein Gegenmittel entwickeln. Aber das ist wie gesagt rein hypothetisch. Wir wissen nicht, wo das Virus herkommt.
Weltweit wird an Viren geforscht. Teilweise werden sie dabei mit neuen Eigenschaften ausgestattet und dadurch unter Umständen noch gefährlicher. Wie sicher können wir sein, dass solche Superviren nicht freigesetzt werden?
Für die Arbeit mit derartigen Erregern gelten bereits bisher strenge Sicherheitsstandards. Ich denke aber, dass allein die Diskussion über die Möglichkeit eines Laborunfalls als Auslöser der Coronapandemie dazu führen wird, dass die Regeln für den Umgang mit gefährlichen Viren in einigen Bereichen nachgeschärft werden. Natürlich muss die Einhaltung der Sicherheitsstandards auch ausreichend kontrolliert werden. Wie man hört, ist in dem Labor in Wuhan teilweise recht schlampig gearbeitet worden.
Von wo droht der Menschheit die größere Gefahr – von neuen Krankheitserregern, die aus einem Labor entweichen oder von solchen aus dem Tierreich?
Das Risiko neuer Erreger aus dem Tierreich ist definitiv höher. Es gibt sehr viele Beispiele für solche Zoonosen – beispielsweise HIV oder Ebola. Der Übergang zwischen Arten ist für viele Viren nichts Ungewöhnliches. Und der Mensch ist nun mal ein sehr attraktiver Wirt. Zudem rückt unsere Zivilisation immer näher an die Lebensräume von Wildtieren heran, was die Gefahr neuer Zoonosen zusätzlich erhöht.
Können Sie nachvollziehen, dass zwei Bundesregierungen die Analyse des BND zur Labortheorie unter Verschluss gehalten haben?
Ich kann verstehen, dass die Politik etwas Druck aus der Debatte nehmen wollte. Wenn man da noch die Diskussion über einen Laborunfall aufgemacht hätte, hätte das womöglich für noch mehr Unruhe gesorgt und die Akzeptanz der Coronamaßnahmen untergraben können. Zudem war sich ja auch der Geheimdienst nicht zu hundert Prozent sicher, dass Sars-CoV-2 aus einem Labor stammt.
Durch Impfungen und natürliche Immunität erkranken nur noch wenige schwer an Corona. Sollte man sich trotzdem weiterhin dagegen impfen lassen?
Für alle über 60 und Angehörige von Risikogruppen sind regelmäßige Auffrischungsimpfungen weiterhin sinnvoll. Das gilt zum Beispiel für Personen mit einer Lungenerkrankung. Auch für Beschäftigte im Medizinsektor und in anderen Berufen, die viel Kontakt zu Menschen haben, ist es ratsam, sich impfen zu lassen. Wir wissen mittlerweile, dass Impfungen auch das Risiko von Long Covid senken können. Auf der anderen Seite gibt es das Post-Vac-Syndrom, doch solche schweren Impfkomplikationen sind äußerst selten. Wer die Impfung bisher gut vertragen hat, kann davon ausgehen, dass das auch bei einer Auffrischung der Fall sein wird.
Experte für Viren
Position
Martin Stürmer leitet ein medizinisches Labor in Frankfurt und ist an der dortigen Uni Dozent für Virologie. Er ist Mitglied der Gesellschaft für Virologie und der Deutschen Aids-Gesellschaft.
Werdegang
Stürmer studierte Biochemie in Berlin. Danach arbeitete er als Wissenschaftlicher Angestellter im Institut für Medizinische Virologie und im HIV-Center des Universitätsklinikums Frankfurt.