Gehaltsverhandlungen Karriere trotz Krise: Wie Frauen erfolgreich über Gehalt verhandeln
Karrierechancen für Frauen: Kyra Dohrin zeigt, wie Gehaltsverhandlungen auch in Krisenzeiten gelingen. Welche fünf Tipps die Coaching-Expertin dafür parat hat.
Viele Unternehmen fahren Sparprogramme und bauen Jobs ab. Lohnt es sich da überhaupt mehr Gehalt zu fordern und mit dem Vorgesetzten über den nächsten Karriereschritt zu sprechen oder ist das in völlig fehl am Platz?
Keineswegs, findet Kyra Dohrin. Die Maschinenbauingenieurin, die 26 Jahre bei einem großen Zulieferer gearbeitet hat, zuletzt als Abteilungsleiterin, berät heute als Karrierecoach Frauen, wie sie sich am besten positionieren, um weiterzukommen – auch in Krisenzeiten. Denn häufig entstünden auch da neue Marktfelder und Stellen und damit auch Chancen auf mehr Geld. „Die Gehaltsverhandlung beginnt nicht erst, wenn ich mit meinem Chef am Tisch sitze und über das Gehalt spreche“, sagt die Ludwigsburgerin. Man müsse viel früher darüber nachdenken und die Weichen richtig stellen, um gut vorbereitet ins Gespräch zu gehen. Oftmals trauten sich Frauen nicht, Männer dagegen schon, so ihre Erfahrung.
Dohrin hat fünf Tipps, strategische Hebel, wie sie es nennt, um sich in Gehaltsverhandlungen besser zu positionieren und die eigene Karriere zu befeuern.
Tipp 1: Den eigenen Marktwert kennen
Man müsse den eigenen Marktwert kennen. „Was mache ich, und wie viel Gehalt müsste ich demzufolge bekommen?“, sagt sie. Um seinen Marktwert zu ermitteln, seien Onlineportale wie beispielsweise Stepstone oder Kununu hilfreich, vor allem auch der Gehaltsrechner des Statistischen Bundesamts, der individuelle Gehaltsberechnungen anhand von Faktoren wie Branche, Beruf, Bundesland, Unternehmensgröße oder Betriebszugehörigkeit ermöglicht. Da bekomme man sogar zwei Durchschnittsgehälter angezeigt, einmal für Männer, einmal für Frauen. Das sei für Frauen eine super Chance zu argumentieren, was ihnen geschlechtsunabhängig eigentlich zustehen würde, sagt Dohrin.
Tipp 2: Die eigene Glaubenssätze hinterfragen
Entscheidend sei auch, die eigenen Glaubenssätze zu hinterfragen und unbewusste Blockaden aufzulösen, damit diese nicht zum Karrierekiller werden. Viele Frauen bremsten sich selbst aus, nach dem Motto: „Ich bin noch nicht gut genug, ich muss erst noch mehr leisten, damit ich mehr Gehalt verlangen kann“, nennt Dohrin, die auch Buchautorin ist, Beispiele. Es gehe um die innere Haltung, die man im Verhandlungsgespräch transportiere und dass man sein Gegenüber davon überzeuge, dass man es verdient habe, mehr zu verdienen. Eine Führungskraft, die nicht weiß, dass jemand mit seinem Gehalt unzufrieden ist, wird in der Regel nicht von selbst das Gehalt anheben.
Tipp 3: Strategische Netzwerke knüpfen
Strategische Netzwerke seien wichtig für Gehalt und Karriere, sagt Dohrin. Sie ist überzeugt, dass Frauen gute Netzwerkerinnen sind, aber vor allem im privaten Umfeld. Männer dagegen nutzten ihre Netzwerke vor allem für die berufliche Karriere, um sich gegenseitig zu unterstützen. Das empfiehlt sie auch Frauen. Aus ihrer Coachingerfahrung weiß sie, dass sich Frauen auch hier oft selbst ausbremsen, weil sie sich nicht in den Vordergrund drängen oder gar eine Beziehung ausnutzen wollten. „Das ist kein Ausnutzen, sondern sich gegenseitig unterstützen“, sagt Dohrin.
Die richtigen Netzwerkpartner zu finden, sei ein entscheidender Erfolgsfaktor. Um bei Entscheidern zu punkten, stelle sich auch die Frage: „Wie kann ich diese Führungskräfte unterstützen, dass die mich nachher auch beruflich unterstützen“, sagt sie. Da bildeten sich Ketten.
Tipp 4: Die eigene Leistung sichtbar machen
Doch wie schafft man es, dass Führungskräfte jemanden überhaupt auf dem Schirm haben? Es gehe darum, die eigene Leistung sichtbar zu machen und wie diese auf den Unternehmenserfolg einzahle, sagt sie. Man könne unterschiedliche Bühnen nutzen, um eigene Erfolge zu präsentieren. Das könne eine Präsentation sein, die man bei einem Management Meeting platzieren könne oder ein informelles Meeting in der Kaffeeküche.
Dohrin spricht davon einen „sogenannten Elevator-Pitch im Kopf zu haben“. Will heißen: „Wenn ich Chef XY treffe, was sage ich ihm dann – geschickt verpackt?“ Das könne man sich für den Fall der Fälle schon vorher überlegen. Wenn etwa Prozessoptimierung unternehmerisch relevant sei, um Kosten zu sparen und man da was gemacht habe, könnte so ein Satz beispielsweise lauten: „Übrigens hab ich mit meinem Team die Durchlaufzeit von Prozess XY analysiert und wir konnten die Durchlaufzeit um über 18 Prozent senken“. Man könne aber auch gezielt Personen ansprechen, ob man mal gemeinsam zum Mittagessen gehe.
Tipp 5: Flexibel sein und Chancen ergreifen
Aus Sicht der Expertin sind die größten Gehaltssprünge möglich, wenn man mehr Verantwortung übernimmt beziehungsweise einen Job mit mehr Verantwortung, bei dem man automatisch über die Stellenbeschreibung mehr Geld bekomme. Wenn man sich auf eine andere Stelle bewerbe, sei man auch gleich in einer ganz anderen Verhandlungsposition. Das bedeutet nicht zwangsläufig das Unternehmen zu wechseln. Es gehe aber auch um das Thema, wie man den Markt im Auge behalte und welche Chancen man ergreife.
Wer nicht den Job wechseln will und vom Chef das Signal bekommt, dass mehr Gehalt nicht drin ist, für den hat Dohrin noch einen anderen Tipp parat, denn ein Nein zur Gehaltserhöhung sei oft ein „Nicht-jetzt oder Nicht-in-dieser Form“, sagt sie. Oft gebe es die Möglichkeit für einmalige Bonuszahlungen aus anderen finanziellen Töpfen, für eine Weiterentwicklung oder für Bildungsangebote. Da sei der Spielraum möglicherweise größer, noch was vom Chef zu bekommen. Wichtig sei, dass man das eigene Ziel vor Augen habe, also was man erreichen wolle.