Viel Arbeit für wenig Geld? Eine aktuelle Vergütungsstudie aus Baden-Württemberg räumt mit diesem Vorurteil auf, wie die Handwerkskammer Freiburg mitteilt.
Das Vorurteil, das Handwerk bezahle schlecht, hält sich hartnäckig. Eine Studie aus Baden-Württemberg belegt: Wer sich für eine Karriere im Handwerk entscheidet, trifft auch finanziell eine gute Wahl.
Das Handwerk in Baden-Württemberg punktet nicht nur mit Sinnstiftung und Zukunftssicherheit – sondern auch mit attraktiven Verdienstmöglichkeiten. Das zeigt die Vergütungserhebung des Ludwig-Fröhler-Instituts (LFI) im Auftrag der acht baden-württembergischen Handwerkskammern. „Von Anfang an bezahlt das Handwerk gegenüber anderen Branchen konkurrenzfähige Vergütungen“, stellt Christof Burger, Präsident der Handwerkskammer Freiburg, fest.
Öffentlicher Dienst und Pflege zahlen noch besser
In der Ausbildungsvergütung liege das Handwerk im bundesweiten Vergleich vorn. Die höchsten durchschnittlichen Vergütungen im ersten Lehrjahr im Handwerk erhalten Elektrotechniker und Kraftfahrzeugtechniker, Maurer und Betonbauer, Zimmerer sowie Metallbauer. Sie verdienen rund 1000 Euro brutto pro Monat – nur Pflege und öffentlicher Dienst zahlen da mehr. Fertig ausgebildete Gesellen verdienen demnach im Schnitt über 3100 Euro brutto – in Berufen wie dem Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik-Handwerk oder der Feinwerkmechanik sogar bis zu 3700 Euro, heißt es weiter.
Meister auf Augenhöhe mit Akademikern
Wer nach der Gesellenausbildung noch die Meisterschule absolviert, kann monatlich bis zu 1500 Euro mehr verdienen. „Das ist ein klares Signal an alle Gesellinnen und Gesellen da draußen: Eine Fortbildung zum Meister oder zur Meisterin zahlt sich definitiv aus“, sagt Burger.
Insgesamt stehen Meisterinnen und Meister, die Führungsebene im Handwerk, mit einem durchschnittlichen Bruttogehalt von rund 4500 Euro und Spitzenverdiensten von bis zu 8000 Euro im Monat Bachelorabsolventen in Top-Branchen in nichts nach.
Fachkräfte sind gesucht und Qualifikation zahlt sich aus
Gerade in Zeiten des wachsenden Fachkräftemangels werden gut ausgebildete Handwerkerinnen und Handwerker händeringend gesucht – und entsprechend bezahlt.
„Aktuell warten Handwerksbetriebe im Schnitt acht Monate auf passende Auszubildende. Gesellen- und Meisterstellen sind im Schnitt sogar zehn Monate unbesetzt“, berichtet Burger. Um Fachkräfte anzulocken, würden daher die Betriebe öfter auf eine hohe Vergütung setzen.
Entscheidend sei für die Unternehmen bei den Gehältern vor allem die Qualifikation, Erfahrung und der Einsatz der Mitarbeiter, erklärt Burger: „Im Handwerk gilt: Wer mehr kann, verdient mehr. Die Betriebe zahlen überdurchschnittlich, wenn Fachwissen, Führungsverantwortung oder besondere Leistungsbereitschaft im Vergleich zu den Kolleginnen und Kollegen vorliegen.“ Dabei spiele es keine Rolle, ob ein Unternehmen auf dem Land oder in der Stadt sei.
Potenziale nutzen und besser kommunizieren
„Die Studie zeigt, dass es hier keine Unterschiede gibt: Im Handwerk wird über die Regionen hinweg gleich gut bezahlt“, fasst der Kammerpräsident zusammen.
Die Studie zeigt auch: Es gibt noch Verbesserungspotenziale. Den Inhabern sei laut der Umfrageergebnisse zwar klar, dass die Vergütung – nach Betriebsklima und persönlichem Kontakt – der drittwichtigste Faktor für die Mitarbeiterbindung im Handwerk sei. Trotzdem kommunizierten sie die Entwicklungsmöglichkeiten beim Gehalt, die sie ihren Fachkräften bieten, häufig nicht nach außen, kritisiert Christof Burger: „Dieses Potenzial der Mitarbeitergewinnung bleibt leider oft ungenutzt. Dabei ist eins klar: Gute Bezahlung zieht Fachkräfte an, und da brauchen wir uns im Handwerk nicht zu verstecken.“
Nicht-monetäre Anreize sind auch wichtig
Die meisten Handwerksbetriebe bieten laut der Umfrage außerdem zusätzliche monetäre Anreize, wie kostenlose Arbeitskleidung. „Hier haben Betriebe noch mehr Möglichkeiten: Von Zusatzversicherungen oder dem 13. Monatsgehalt bis hin zur Beteiligung bei Kinderbetreuungskosten oder der Übernahme der Weiterbildungskosten“, erklärt Burger und verweist auf das Beratungsangebot der Handwerkskammern, die Betriebe bei der Einführung monetärer Anreize gerne unterstütze.
Die wichtigsten Kriterien für eine Arbeitsstelle seien für Beschäftigte aber vor allem nicht-monetär, wie ausreichend Freizeit, flexible Arbeitszeiten und komprimierte Wochenarbeitszeitmodelle. Burger ist überzeugt: „Wenn ein Betrieb das bieten kann, ist es wichtig, diese Vorteile auch bei den Stellenausschreibungen mit anzugeben. Das können dann die entscheidenden Pluspunkte im Kampf um Fachkräfte sein.“
Hintergrundinformationen zur Studie
Über 2280 Handwerksbetriebe in Baden-Württemberg, die eine repräsentative Stichprobe des baden-württembergischen Handwerks abbilden, haben an der Online-Befragung Anfang 2025 im Rahmen dieser Studie teilgenommen. Insgesamt konnten so mehr als 8280 Vergütungsdatensätze erhoben werden, die eine solide Datenbasis für die Analyse der Vergütungsstrukturen im Handwerk liefert.