Bochums Trainer Thomas Reis feiert den Sieg über die Bayern – und warnt gleichzeitig vor dem Auswärtsspiel beim VfB. Foto: imago/Sven Simon/Anke Waelischmiller

Trotz des 4:2 über den FC Bayern will Aufsteiger Bochum vor dem Gastspiel beim VfB auf dem Teppich bleiben. „Stuttgart hat von den Spielern her eine richtig gute Mannschaft“, sagt VfL-Trainer Thomas Reis.

Bochum/Stuttgart - Auf dem Trainingsgelände des VfL Bochum herrschte echtes Schmuddelwetter, also ließ Thomas Reis seine Mannen auf matschigem Geläuf bei Nieselregen und Wind trainieren. Doch die Stimmung war dennoch klasse beim Aufsteiger. Warum auch nicht, nach dem grandiosen 4:2 vom letzten Bundesliga-Wochenende über den Rekordmeister aus München.

 

Auch der Zweitliga-Meistertrainer der Vorsaison hat derlei Festtage mit bundesweiter Resonanz noch nicht allzu häufig erlebt. „Natürlich ist der Sieg über die Bayern in den Köpfen drin, er war ja toll für unsere Zuschauer, für die Mannschaft und den gesamten Verein“, sagt Thomas Reis, der nach Jahren als Juniorentrainer in Bochum und Wolfsburg seit September 2019 als Nachfolger von Robin Dutt Cheftrainer beim VfL ist: „Aber inzwischen sind wir auf den Boden der Tatsachen zurückgekommen, denn uns steht beim VfB ein schweres Spiel ins Haus.“

Für Bochums Trainer wäre der Klassenverbleib ein Wunder

Dabei hat sich die Ausgangslage der Bochumer vor ihrem Auftritt am Samstag in der Mercedes-Benz-Arena nicht grundlegend verändert. „Wir mussten uns erst an die Liga gewöhnen, mussten auch Rückschläge wie das 0:7 in München verarbeiten. Wir haben einige Dinge angepasst und besitzen jetzt realistische Chancen, das Wunder Klassenverbleib zu schaffen“, sagt Thomas Reis, der mir seinem Team bisher 28 Punkte gesammelt hat – und der weiß: Sollte sein Team nach dem Husarenstreich gegen die Bayern auch den VfB besiegen, dann wäre ein Riesenschritt in Richtung des Saisonziels getan.

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In seiner Jugend hat Thomas Reis, der es als Abwehrspieler unter anderem auf 176 Bundesliga-Spiele für den VfL gebracht hat, in der B-Jugend eine Saison für den VfB gespielt. Damals holte er mit dem Team die deutsche Vizemeisterschaft – und der Respekt vor der Tradition der Cannstatter ist beim 48-Jährigen bis heute geblieben.

„Ich will dem VfB jetzt keinen Honig um den Bart schmieren: Von der individuellen Qualität seiner Spieler her hat der VfB eine richtig gute, spielstarke Mannschaft“, sagt Thomas Reis über den Vorletzten der Liga, der im Falle einer erneuten Niederlage den Anschluss an die Nichtabstiegsränge verlieren könnte: „Bisher haben sie es noch nicht so gut auf den Rasen bekommen. Und wir möchten, dass das bis Samstag so bleibt.“

Elfjährige Durststrecke in der zweiten Liga

Dennoch traut man in Bochum dem VfB mehr zu, als es das aktuelle Tabellenbild hergibt. Über die Schattenseiten des Big Business Bundesliga muss man beim Traditionsclub von 1848 ohnehin niemandem etwas erzählen. Elf Jahre waren die einst Unabsteigbaren aus dem Revier vor dem Aufstieg im vergangenen Sommer weg vom Erstligafenster. Da kann man mit den Stuttgartern in ihrer aktuellen Situation schon ein wenig mitfühlen. „Der VfB ist definitiv in der Lage, die Kehrtwende zu schaffen und da unten rauszukommen. Fußball wird auch im Kopf entschieden. Wenn die Ergebnisse nicht passen, dann hemmt das“, sagt Thomas Reis: „Aber die Mannschaft hat großes Potenzial. Das sehe ich ja allein an Spielern wie Omar Marmoush, den ich aus meiner Wolfsburger Zeit kenne.“

Auf der anderen Seite sind bei den Bochumern einige Spieler dabei, sich in der Liga einen Namen zu machen. Allen voran der Linksverteidiger Gerrit Holtmann, der Schütze des Tor des Jahres 2021, dem gegen die Bayern ein Kunstschuss in den Winkel gelang. „Er besitzt eine klasse Dynamik. Natürlich sind Spieler wie Gerrit vielleicht mal für andere Clubs interessant. Das liegt in der Natur der Sache“, sagt Thomas Reis, der weiß, dass viele Gegner seinem Team individuell überlegen sind. Daher hat der Coach in seinem Kader die Mentalität der Bergleute verankert, wie er sagt. Das Motto: Wir müssen zusammenhalten.

„Wir haben wenig Erstligaerfahrung und einen Etat, der nicht erstligatauglich ist“, erklärt Thomas Reis: „Doch wir haben uns jetzt eine Ausgangsposition erschaffen, um dieses Wunder zu verwirklichen. Die Chancen dazu sind definitiv da.“ Allerdings solle trotz der jüngsten Erfolge niemand die Bodenhaftung verlieren. „Die Ansprüche sind natürlich da, und sie wachsen nach Siegen wie dem gegen die Bayern“, weiß Thomas Reis: „Aber da müssen wir alle auf dem Teppich bleiben.“