Der Wirtschaftsflügel der CDU will den Rechtsanspruch auf Teilzeit einschränken. Dieser Vorschlag erfährt viel Gegenwind – auch aus Lahr und Region.
„Lifestyle-Teilzeit“ – blickt man auf die aktuell laufende politische Debatte, ist dieser Begriff schon jetzt Anwärter auf das „Unwort des Jahres“. Hinter der Bezeichnung steckt ein Vorschlag einer Wirtschaftsinteressenvertretung innerhalb der CDU. Der Gedanke: Wer aus Gründen der Lebensgestaltung in Teilzeit arbeitet – also nicht etwa, um Beruf und Kindererziehung unter einen Hut zu bekommen – sollte keinen Rechtsanspruch darauf haben, sondern lieber Vollzeit arbeiten. Damit könne man dem Fachkräftemangel entgegenwirken.
Von der SPD und selbst CDU-intern gab es nach diesem Vorschlag deutlichen Gegenwind. Eine LZ-Umfrage zeigt: Teilzeit ist längst etabliert und Teil der wirtschaftlichen Strategie der Betriebe.
Europapark beschäftigt mehr als 1000 Mitarbeiter in Teilzeit
So etwa beim Europa-Park. 5500 Mitarbeiter halten den Freizeitpark am Laufen, die Teilzeit-Quote beträgt 20 Prozent, heißt es aus Rust. Sage und schreibe 70 verschiedene Arbeitszeitmodelle – von flexiblen Teilzeit- und Aushilfsverträgen über saisonale Beschäftigungen bis hin zu Vollzeitstellen – biete der Park an. „Diese Vielfalt ist ein wichtiger Bestandteil unserer Personalstrategie und ermöglicht es, auf unterschiedliche Lebenssituationen unserer Mitarbeitenden einzugehen und gleichzeitig einen reibungslosen Parkbetrieb zu gewährleisten“, findet die Pressestelle deutliche Worte zur Bedeutung von Teilzeit.
Fast die Hälfte der Mitarbeiter der Stadt arbeitet reduziert
Ganz ähnlich äußert sich die Stadt Lahr. Die Verwaltung beschäftigt insgesamt 1150 Mitarbeiter. „Fast die Hälfte“, heißt es aus dem Rathaus, nutze ein Teilzeitmodell. Solche Beschäftigungen seien „für die Stadt Lahr ein erprobtes Instrument zur erfolgreichen Vereinbarkeit von Beruf und Familie.“ Zudem wolle und müsse man in Zeiten des Fachkräftemangels „auch weiterhin die Möglichkeit nutzen, durch flexible Arbeitszeitmodelle qualifizierte neue Mitarbeitende zu gewinnen“.
IHK Südlicher Oberrhein warnt vor falschen Schlüssen
Die IHK Südlicher Oberrhein warnt diesbezüglich vor falschen Schlüssen: „Eine pauschale Einschränkung des gesetzlichen Teilzeitanspruchs würde an vielen Lebensrealitäten vorbeigehen und könnte Unternehmen bei der Gewinnung und Bindung von Arbeitskräften eher schwächen“, sagt Alwin Wagner, stellvertretender Hauptgeschäftsführer. Statt Verbote zu diskutieren, brauche es für Betriebe und Arbeitnehmer verlässliche Rahmenbedingungen, die einen tatsächlichen Wechsel von Teilzeit in Vollzeit ermöglichen: etwa durch bessere Kinderbetreuung, Entlastung in der Pflege und einen Abbau bürokratischer Hürden. „Nur so lässt sich das schon vorhandene Arbeitskräftepotenzial nachhaltig mobilisieren.“
Julabo betont, dass Teilzeit auch für den Arbeitgeber passen muss
Ein praktisches Beispiel ist die Firma Julabo. Beim Hersteller von Temperiertechnik mit Sitz in Seelbach und einem Werk am Lahrer Flugplatz ist „der Anteil an Teilzeit-Beschäftigten in den vergangenen Jahren deutlich angestiegen“. Etwa ein Viertel arbeite in Teilzeit. Diese Entwicklung sei ein Ausdruck gesellschaftlicher Veränderungen, aber auch „Ergebnis unserer bewussten Entscheidung, neue Arbeitszeitmodelle dort zu ermöglichen, wo sie sinnvoll und gut integrierbar sind.“ Für Julabo ist Teilzeit „ein Instrument, um Fachkräfte zu gewinnen, zu halten und langfristig Know-how im Unternehmen zu sichern“. Das Modell sei ein wichtiger Erfolgsfaktor, um Motivation, Identifikation und langfristige Bindung zu fördern, heißt es aus Seelbach.
Jedoch: Julabo betont, dass „der Wunsch nach Teilzeit oder mehr Flexibilität immer für beide Seiten passen“ muss: für Mitarbeiter und Unternehmen. Individuelle Absprachen und Entscheidungen unter Berücksichtigung der persönlichen Situation und der spezifischen Stelle seien notwendig.
Begriff beinhaltet nicht nur 50-Prozent-Stellen
Theresia Denzer-Urschel, Vorsitzende der Geschäftsleitung der Agentur für Arbeit Offenburg, zeigt sich im Gespräch mit unserer Redaktion „überrascht“ über die Diskussion. „Es gibt einfach einen Markt dafür“, sagt sie. Ihrer Ansicht nach gehe im Diskurs unter, dass „Teilzeit“ nicht pauschal 50-Prozent-Stellen bedeutet, sondern, dass darunter auch viele Menschen gefasst werden, die mit 80 bis 95 Prozent „vollzeitnah“ arbeiten. Die Modelle seien verschieden: Manch einer habe mehr Urlaub, andere gehen einfach etwas früher, wiederum andere haben einen freien Tag in der Woche.
Die Betriebe seien auf solche Modelle angewiesen. Für viele Unternehmen sei es wirtschaftlicher, eine Stelle in Teilzeit auszuschreiben, wenn sie eben nicht den Umfang einer Vollzeitstelle hat. „Vielleicht ist es auch geschickter, eine Stelle mit zwei Personen in Teilzeit zu besetzen. Dann ist im Krankheitsfall immer noch jemand da“, nennt Denzer-Urschel einen weiteren Vorteil.
„Teilzeit ist Alltag“, fasst sie zusammen und zeigt sich überzeugt: Ohne Teilzeitmodelle sei das gesamte Arbeitsvolumen in Deutschland geringer.
Zahlen in der Ortenau
Laut der Agentur für Arbeit Offenburg arbeiten im Ortenaukreis derzeit 54 212 Menschen reduziert. Das sind 28 Prozent aller Beschäftigten. 2019 waren es noch 25 Prozent. Von den Teilzeitbeschäftigten sind mehr als 44 000 Frauen und mehr als 9000 Männer. Bei der Arbeitsagentur seien aktuell 1500 freie Teilzeitstellen gemeldet, so Theresia Denzer-Urschel.