Viele Briten gehen gegen Fremdenhass auf die Straße. Foto: imago//Yat Him Wong

In viele Städten der Insel gehen Menschen auf die Straße, um gegen die von rechten Gruppierungen geschürten Krawalle zu protestieren. Die Lage bleibt angespannt, Polizei und Justiz bereiten sich auf neue Ausschreitungen vor.

Statt der erwarteten Massenkrawalle rechtsgerichteter Gruppierungen sind in Großbritannien am Mittwochabend Tausende friedfertiger Demonstranten auf die Straße gegangen, die sich schützend vor Asylzentren, Informationsstellen und Anwaltsbüros postierten – also an jenen Orten, die Polizeiberichten zufolge Ziel neuer Attacken sein sollten.

 

Erstmals seit dem Beginn der Krawalle erlebten die teils verwüsteten Städte eine Atmosphäre versöhnlicher und zugleich wachsamer Gemeinsamkeit. Von Newcastle und Liverpool bis hinunter nach Brighton und Bristol strömten Menschen auf die Straßen, die sich als Anti-Rassisten, als „das andere England“ verstehen und die den öffentlichen Raum nicht den „rechten Schlägertypen“ überlassen wollten, von denen Premierminister Keir Starmer vor Tagen schon sprach. Sie trugen Plakate wie „Flüchtlinge willkommen“ und „Omas gegen Nazis“. Auch in London fanden sich Tausende von Demonstranten ein.

Die drohende Gefahr neuer Krawalle bleibt spürbar

Die Kundgebungen verliefen in einer durchweg entspannten Atmosphäre. Die Polizei hielt sich zurück. Sie sah keinen Grund zum Eingreifen. Mancherorts endete der Abend mit Gesängen und Samba-Tänzen. In Liverpool hörte man ältere Zeitgenossen John Lennons Song „Give Peace A Chance“ spielen. Doch es waren auch grellere Töne zu hören. „Fascist scum, out of Brum“, skandierten Demonstranten auf den Straßen der zweitgrößten Stadt Englands: „Raus aus Birmingham mit euch faschistischem Gesindel.“ Die jüngsten Attacken, vor allem der Versuch rechtsradikaler Gruppen, ein Holiday-Inn-Hotel in Rotherham in Brand zu stecken, in dem Asylbewerber-Familien untergebracht waren, blieben gegenwärtig.

„Die Gefahr ist nicht vorbei“, warnten Teilnehmer der Anti-Rassismus-Proteste. Mit gewalttätigen Auseinandersetzungen hatten Polizeistreitkräfte und Regierung gerechnet. Spezialeinheiten wurden aufgeboten, weil man im Internet auf Ankündigungen massiver neuer Gewaltakte gestoßen war.

Geschäfte, Cafés und Restaurants hatten vielerorts frühzeitig geschlossen, Fenster und Türen wurden mit Brettern vernagelt. Gerichte stellten bereits mittags laufende Prozesse ein, Theater sagten Veranstaltungen ab. König Charles bat darum, kontinuierlich über das Geschehen unterrichtet zu werden.

Die Nervosität war begreiflich. Seit dem Mord an drei kleinen Mädchen in der nordwestenglischen Stadt Southport kommt das Land nicht zur Ruhe. Dabei erwies sich der Täter von Southport, ein 17-Jähriger, weder als „illegaler Migrant“ noch als Moslem, als den ihn Extremisten in den sozialen Medien bezeichneten. Ihnen diente der Mord zum Aufrühren von Ressentiments, zur Entfesselung von Gewalt. Binnen kurzem breiteten sich die Überfälle auf Flüchtlingsheime und Moscheen aus, wurden Läden geplündert, fand sich die Polizei schwersten Angriffen ausgesetzt. Eilends berief der erst seit fünf Wochen im Amt befindliche Labour-Regierungschef Keir Starmer die Polizeiführung, Geheimdienstexperten und Militärs ein. Starmer versprach, alle verunsicherten Gemeinden zu schützen. Sogar nach Nordirland schwappten die Krawalle über. Nordirlandminister Hilary Benn zeigte sich „schockiert und zornig“ und erklärte: „Die Bevölkerung hier hat Besseres verdient.“ Die Nervosität war in Nordirland vor allem deshalb groß, weil die dortige Polizei Anzeichen dafür sah, dass Ausschreitungen von Mitgliedern paramilitärischer Gruppen orchestriert worden waren.

Unterdessen drängten Innenministerin Yvette Cooper und Premier Starmer die Polizei zur „vollen Ausnutzung ihrer Befugnisse“ und die Gerichte zu schnellem Handeln. Tatsächlich wurden binnen acht Tagen bereits über 400 Personen verhaftet und mehr als 120 im Schnellverfahren verurteilt. Drei Teilnehmer an den Krawallen in Southport wurden zu mehrjährigen Gefängnisstrafen verurteilt – einer davon, ein 58-jähriger Angestellter, zu drei Jahren Haft. Viele Festgenommene, auch Jugendliche, bleiben bis zu einem Urteil hinter Gitter.

Mehr als 500 Extra-Zellen hat die Regierung in Rekordzeit bereitgestellt, obwohl die englischen Gefängnisse überfüllt sind. Mit entsprechender Härte hofft man potenzielle Täter von erneuten Ausschreitungen abzuschrecken. Staatsanwälte kündigten die Anwendung von Anti-Terror-Gesetzen an.

In den sozialen Medien wird der Hass geschürt

Zugleich sind erstmals auch in den sozialen Medien operierende Personen, die zu Hass-Aktionen aufrufen, identifiziert und verhaftet worden. Im Kontakt mit den großen Plattformen versucht die Regierung jetzt schärfere Kontrollsysteme durchzusetzen. Der Social-Media-Kanal Telegram verkündete, man werde künftig alle Aufrufe zu Gewalt von den Seiten tilgen. Dagegen wehrt sich Elon Musks Plattform X (früher Twitter) entschieden gegen alle „Einschränkung der freien Meinungsäußerung“. Musk warf den Briten vor, sie drifteten wegen einer allzu schlappen Migrationspolitik in einen „unvermeidlichen Bürgerkrieg“. Mittlerweile fragt man sich in England und Nordirland, wie es weitergehen wird. Man hofft vielerorts auf die dämpfende Wirkung harter Strafen für die an den Krawallen Beteiligten – und auf mögliche Regenschauer. Der Wetterbericht kündigt allerdings eine „kleine Hitzewelle“ in ganz England an. Und am Samstag beginnt die Fußballsaison der Premier League. Die Polizei sieht keinen Grund für Optimismus. Die Anti-Krawall-Truppen bleiben einsatzbereit.