Gläubige beim Gebet während eines Luftangriffsalarms im alten Bunker in der Nähe der Synagoge. Foto: Shavei Tzion-Archiv

Der Krieg im Nahen Osten ist auch in Shavei Zion zu spüren. Archivarin Judith Temime berichtet aus der Gemeinde mit Wurzeln in Rexingen und engen Kontakten nach Horb.

Nachrichten über Krieg und Raketenangriffe bestimmen derzeit die internationalen Schlagzeilen. Der Iran-Krieg erschüttert eine ganze Weltregion. Der Iran und die Hisbollah im Libanon antworten auch mit Angriffen auf Israel.

 

Doch wie erleben Menschen in Israel nahe der Grenze zum Libanon diese Situation im Alltag? Im Nationalsozialismus wanderten Rexinger Juden nach Israel aus und gründeten Shavei Zion. Noch heute sind die Wurzeln klar zu spüren und die Kontakte nach Horb sind eng.

So geht es Amos Fröhlich und seiner Frau

Amos Fröhlich stammt aus einer Rexinger Familie und ist mittlerweile 95 Jahre alt. Zusammen mit seiner Ehefrau Gila erlebt er die Auswirkungen des Krieges. „Das Ehepaar hat keinen richtigen Schutzraum. Ihr ‘Zufluchtsort‘ ist ein kleiner Raum, dessen einziges Fenster mit Sandsäcken verbarrikadiert ist. Aber sie lassen sich von der Gefahr eines Luftangriffs kaum beunruhigen. Der aktuelle Krieg ist nicht ihr erster“, berichtet Judith Temime, Archivarin in Shavei Zion im Norden Israels.

Gila und Amos Fröhlich und ihre Hausangestellte Rachel zu Hause, nach dem Frühstück. Das Ehepaar hat keinen richtigen Schutzraum. Ihr „Zufluchtsort” ist ein kleiner Raum, dessen einziges Fenster mit Sandsäcken verbarrikadiert ist. Aber sie lassen sich von der Gefahr eines Luftangriffs kaum beunruhigen. Der aktuelle Krieg ist nicht ihr erster. Foto: Shavei Tzion-Archiv

Wir haben Temime gebeten, für unsere Redaktion eine persönliche Momentaufnahme aus ihrem Ort zu schreiben. Ihren Text veröffentlichen wir im Folgenden als Gastbeitrag, den sie uns am Mittwoch, 4. März, übermittelte.

Judith Temime: „Eine Momentaufnahme aus Shavei Tzion“ Die Archivarin berichtet: „Derzeit ist unser Leben hier natürlich alles andere als routinemäßig: Die Schulen und Kindergärten sind geschlossen; die Krankenstation, die Post und der Gemeinderat arbeiten nur sporadisch, wenn überhaupt; der Strand ist gesperrt; die kleinen Geschäfte, mit Ausnahme des Lebensmittelladens, sind geschlossen und verschlossen; die Bereitschaftstruppe ist wieder auf Patrouille, uniformiert und bewaffnet; und das elektronische Eingangstor ist Tag und Nacht geschlossen.

Das elektronische Eingangstor bleibt Tag und Nacht geschlossen. Bewohner können das Tor öffnen, indem sie eine Nummer auf ihrem Mobiltelefon anrufen. Andere Personen können eine Nummer anrufen, woraufhin ein Mitglied der Bereitschaftstruppe der Gemeinde zum Tor kommt. Foto: Shavei Tzion-Archiv

Aber insgesamt haben wir so viel Erfahrung mit dem Leben unter Bedrohung, dass wir sehr gut darin sind, die Gemeinschaft aufrechtzuerhalten, das Wohlergehen des Einzelnen und der Familien zu unterstützen und alternative Räume und Aktivitäten zu improvisieren, selbst wenn das Zivilschutzkommando öffentliche Versammlungen einschränkt und Raketenbeschuss und Drohnenangriffe uns immer wieder in die Schutzräume treiben. Das ist die Widerstandsfähigkeit, die so tief im israelischen Charakter verwurzelt ist.

Alltag zwischen Sirenen und Schutzräumen Der Schutzraum in meiner Nachbarschaft steht nicht nur den Bewohnern unserer kleinen Straße offen, sondern natürlich auch Passanten, die von einer Sirene überrascht werden. Neulich waren wir 28 Erwachsene und Kinder und drei Hunde, von denen einer so groß wie ein Pony war.

Ein paar der Jugendlichen lasen Harry Potter, drei oder vier andere spielten Karten, und nur die beiden Kleinkinder interessierten sich für den Disney-Film, der auf dem Großbildfernseher lief. Der Schutzraum hat einen Fliesenboden, der teilweise mit einem großen Teppich bedeckt ist, ein Sofa, Stühle und Plastik-Sessel, eine Toilette mit Wasserspülung, fließendes Wasser und WLAN. Für einen Schutzraum ist er sehr komfortabel.

„Der Zutritt zum Strand ist verboten!“, lautet die Aufschrift auf Hebräisch, Englisch und Arabisch. Um Menschenansammlungen und die damit verbundenen Sicherheitsrisiken zu vermeiden, wurde die Zufahrt zum Strand für Fahrzeuge untersagt. Foto: Shavei Tzion-Archiv.

Einige von uns schlafen in ihren Kleidern, andere rennen mitten in der Nacht in ihren Pyjamas die Straße hinunter zum Schutzraum. Gestern haben uns die Sirenen tagsüber viermal in den Schutzraum getrieben, und in der Nacht noch zweimal.

Ich hatte gerade am späten Nachmittag meine Arbeit im Archiv beendet, als ich zweimal zu dem alten Bunker in der Nähe meines Arbeitsplatzes laufen musste. Dort traf ich Besucher der Synagoge, die zwischen den alten Holzbänken unter der langen, niedrigen Decke ihre Purim-Feiertagsgebete fortsetzten.

Hilfe und Aufmerksamkeit für Nachbarn Heute wurden kleine Geschenke in Form von Snacks und Süßigkeiten – Purims ‘Mischloach Manot‘, die traditionell mit Freunden und Nachbarn geteilt werden – von Mitarbeitern unseres Regionalrats in jedes Haus in Shavei Tzion gebracht.

Und neulich wurden die älteren Menschen vom Regionalrat angerufen und gefragt, ob sie genügend Lebensmittel und Wasserflaschen vorrätig hätten. ‘Haben Sie die Medikamente, die Sie brauchen?‘, wurden wir gefragt. ‘Leben Sie allein? Haben Sie Familienangehörige, die in der Gemeinde leben? Haben Sie einen Sicherheitsraum? Können wir etwas für Sie tun?‘

„In diesen unsicheren Zeiten werden wir gut versorgt“

Und wie so oft genoss Shavei Tzion die Großzügigkeit der guten Menschen von Zedakah-Beth El (einer christlichen Einrichtung in Shavei Tzion). Dort wurde gestern die Purim-Megillah gelesen und Familien, die zu Hause keinen Sicherheitsraum haben, konnten dort schlafen. In diesen unsicheren Zeiten werden wir gut versorgt.

Die Gefahren, denen Israel ausgesetzt ist, sind real, aber auch die Wohltaten für uns sind real und reichlich vorhanden.“

Der Text wurde von Barbara Staudacher und Heinz Högerle aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt. Die Schreibweise „Shavei Zion“ entspricht der langjährigen deutschen Praxis; im Originaltext heißt es „Shavei Tzion“.