Historischer Moment: Oberbürgermeister Julian Osswald (vorne links) und Arash Derambarsh unterzeichneten die Absichtserklärung. Mit auf dem Bild sind Francois Lattouf (Stadtrat aus Corbevoie, hinten links), Staatssekretärin Sabine Kurtz und Gaël de Maisonneuve, Generalkonsul von Frankreich in Baden-Württemberg Foto: Stadtverwaltung/Rath

Weiterer Meilenstein in der mehr als 60-jährigen Partner- und Freundschaft: Freudenstadt und Courbevoie haben eine gemeinsame Erklärung unterzeichnet, in der beide Städte ihren Willen bekunden, der Verschwendung von Lebensmitteln Einhalt zu gebieten.

Die Unterzeichnung fand bei einem Festakt im Großen Ratssaal des Rathauses Freudenstadt mit rund 80 Teilnehmern statt: Vertreter beider Städte, Sabine Kurtz, Staatssekretärin mit Landesministerium für Ernährung, ländlicher Raum und Verbraucherschutz, Gaël de Maisonneuve, Generalkonsul von Frankreich in Baden-Württemberg, die Landtagsabgeordneten Katrin Schindele und Uwe Hellstern, Stadträte, Ortsvorsteher, Vertreter von Schulen und engagierte Bürger, heißt es in einer Pressemitteilung der Stadtverwaltung Freudenstadt.

Sabine Kurtz dankte beiden Städten für dieses Zeichen. Freudenstadt und Courbevoie seien gute Beispiele dafür, wie die deutsch-französische Freundschaft auf kommunaler Ebene mit Leben gefüllt werden könne. Das Ausmaß der weltweiten Vergeudung von Lebensmitteln sei „eine enorme Ressourcenverschwendung von Arbeit, Energie und Wasser“. Ein Verlust von 59 Prozent sei nicht länger hinnehmbar angesichts von Hunger, Klimawandel, Kriegen und Energiekrise. Das Problem könne nur grenzüberschreitend gelöst werden.

Wirtschaftlicher Schaden beträgt 60 Milliarden Euro jährlich

Laut Gaël de Maisonneuve summiert sich der Verlust von Lebensmitteln auf einen wirtschaftlichen Schaden von 60 Milliarden Euro jährlich. Daher seien positive Initiativen notwendig. Städtepartnerschaften mit praktischem Bezug seien wichtig dafür.

Für Oberbürgermeister Julian Osswald steht die Lebensmittelverschwendung im Widerspruch zum Wesen der Menschen im Schwarzwald, die bis vor 80 Jahren aufgrund von Kriegen, Missernten und anderen Schicksalsschlägen selbst noch Hunger gelitten hätten. „Für 100 Euro ist der Einkaufswagen längst nicht mehr voll“, so der OB.

Arash Derambarsh, stellvertretender Bürgermeister von Courbevoie, gilt als Wegbereiter für ein Gesetz in Frankreich. Dort ist es Supermärkten mit mehr als 400 Quadratmetern Verkaufsfläche seit 2016 verboten, noch genießbare Lebensmittel zu vernichten. Stattdessen sind sie verpflichtet, sie für gemeinnützige Organisationen zu spenden. So sei es gelungen, zehn Millionen Mahlzeiten für Bedürftige zuzubereiten, so Derambarsh.

Initiativen an Schulen und Kliniken in Courbevoie

Die Stadt Courbevoie geht einen Schritt weiter. Dort müssen alle Supermärkte essbare Nahrungsmittel spenden, die sie nicht verkaufen. Weitere Konzepte, um den Verlust zu minimieren, gibt es durch Initiativen an Schulen, Kliniken und bald auch für Seniorenheime. Von diesen Erfahrungen wolle Courbevoie die Freunde im Schwarzwald profitieren lassen.

Nach Aussage von Staatssekretärin Kurtz gibt es bereits eine Bundesrats-Initiative, die Vernichtung von Lebensmitteln in Deutschland zu unterbinden. Allerdings habe die Länderkammer das Thema noch nicht aufgerufen. Welche Konzepte Freudenstadt umsetzen will, muss sich laut Osswald zeigen: „Es gibt Initiativen, Ideen und erste Vorschläge. Darauf lässt sich sicher gut aufbauen und vieles entwickeln. Wir stehen im Moment allerdings noch am Anfang.“

Gesprächsrunde mit Kindern und Jugendlichen

Der Unterzeichnung der Erklärung folgte eine Gesprächs- und Diskussionsrunde von Arash Derambarsh mit Kindern und Jugendlichen im Jugendtreff F 23. Er ist inzwischen ein international gefragter Gesprächspartner, wenn es um Initiativen geht, etwas gegen Lebensmittelverschwendung und Hunger zu tun.

Foto: Stadtverwaltung/Rath

Kinder und Jugendliche aus Freudenstadt und Courbevoie erhielten Preise für ihre Arbeiten zur Ausstellung „Freudenstadt und Courbevoie gemeinsam gegen Lebensmittelverschwendung“, die im November unter anderem im Schwarzwald Center zu sehen war.