Unter anderem beim Thema Digitalisierung bekommt die Gemeinde Althengstett finanzielle Unterstützung vom Bund, konkret für eine Bürger-App als transparente Alternative zu den sozialen Netzwerken. Foto: © Robert Kneschke - stock.adobe.com

Corona, Klimakrise, Ukraine-Krieg und Flüchtlingszustrom – Krisen haben zu viel Gesprächsbedarf und in Teilen der Gesellschaft zu einer Spaltung geführt. In Althengstett wird jetzt ein Projekt gestartet, das den Zusammenhalt stärken soll.

Althengstett - Fördermittel des Bundes zu beantragen, ist weitaus komplizierter und zeitaufwendiger als bei Landeszuschüssen. Lohnt es sich da, an einem Ideenwettbewerb und einer Ausschreibung auf Bundesebene wegen 10 000 Euro Fördergeld teilzunehmen? Und ob! Das sagte man sich zumindest im Althengstetter Rathaus. Das Ergebnis: Die Gäugemeinde ist eine von insgesamt 100 deutschlandweit, die mit finanzieller Unterstützung das Projekt "Miteinander reden. Kontroversen führen – Vertrauen bilden" in Gang bringt. Althengstett wird damit zum Teil eines Aktionsplans gegen Rechtsextremismus. Die Förderung kommt vom Bundesministerium des Innern und für Heimat im Rahmen des Bundesprogramms "Zusammenhalt durch Teilhabe".

Kommunikation ist da A und O

Doch was heißt das konkret für die Gemeinde im Gäu? Welche Ziele hat sie sich unter dieser Überschrift gesetzt und wie sollen diese erreicht werden? Antworten dazu hat Franziska Binczik, Amtsleitung Bildung, Betreuung und Bürgerengagement, parat. Federführend betreut wurde das Projekt, was die Antragstellung betrifft, von Hauptamtsleiterin Gudrun Stahlhut.

Insgesamt gehe es darum, den kommunikativen Ansatz weiterzuführen, so Binczik: in den drei Ortsteilen, zwischen Bürgern und Verwaltung, zwischen Alteingesessenen und Neuzugezogenen, zwischen Jung und Alt. "Verschiedene Generationen informieren sich unterschiedlich", sagt die Amtsleiterin. Also müsse man genauer hinschauen, "wie man die Infos für alle transportieren kann". Als Gemeinschaft im Dialog zu bleiben, sei in Zeiten herausfordernder Krisen immens wichtig.

Schwerpunkt 1: eine Bürger-App

Laut Binczik sollen "größere Themen wie der demografische Wandel mit Fachkräftemangel, der Klimawandel und die Digitalisierung stärker kommuniziert werden". Das alles bringe starke gesellschaftliche Veränderungen mit sich. Ein Schwerpunkt des Projekts sei der Bereich Digitalisierung. "Wir wollen passende Medien für alle Altersgruppen", sagt Binczik. Deshalb werde an einer Althengstetter Bürger-App gearbeitet. Damit könne man Warnmeldungen herausgeben, wenn beispielsweise Trinkwasser wegen Verunreinigungen abgekocht werden müsse, oder Umfragen zu bestimmten Themen in der Bevölkerung starten, die über die App selbst aber auch Schadensmeldungen an den örtlichen Bauhof verschicken könne.

Kurzfristige Meldungen im Notfall

Auch kurzfristige Meldungen des Rathauses wie Straßensperrungen oder geänderte Öffnungszeiten der Behörden können den Bewohnern direkt via Push-Nachricht zur Verfügung gestellt werden. Im Notfall sei diese App besonders auch für ältere Menschen ein großer Vorteil, "denn diese werden dann auf dem Festnetz angerufen", so Binczik. Inwieweit man die App künftig gemeinsam mit Vereinen und weiteren Gruppierungen nutzen könne, müsse noch ausgelotet werden. Die mobilen Lösungen der Verwaltung sollen die Bürger künftig auf dem Laufenden halten – was wiederum dazu führt, dass sich die Bewohner besser mit ihrer Gemeinde identifizieren können.

Zwei "Kommunale Digitallotsen"

Hauptamtsleiterin Gudrun Stahlhut und Ryyan Alshebl (Amt für Bildung, Betreuung, Bürgerengagement) haben sich bereits als "Kommunale Digitallotsen" ausbilden lassen. Für eine gelingende digitale Transformation in den Verwaltungen haben die kommunalen Landesverbände das Multiplikatoren-Programm "Kommunale Digitallotsen" ins Leben gerufen. Es geht nach Angaben der Digitalakademie Baden-Württemberg darum, "digitale Kompetenz und Eigenverantwortung zu stärken und so aus den Kommunen heraus die Digitalisierung auf den Weg zu bringen". Ziel des Programms ist es, in allen 1101 Städten und Gemeinden sowie in den 35 Landkreisen Baden-Württembergs die Mitarbeiter der Verwaltungen als digitale Multiplikatoren zu gewinnen und zu qualifizieren.

Schwerpunkt 2: Stärkung des bürgerschaftlichen Engagements

Das vom Bund geförderte Projekt, für das Althengstett neulich die Förderzusage bekam, läuft bis 2024. In dieser Zeit soll generell das bürgerschaftliche Engagement gestärkt werden. Die Bevölkerung solle dazu gebracht werden, "motiviert an Themen dranzubleiben".

Schwerpunkt 3: Werbung für Kommunalpolitik

Das sei eine sehr gute Gelegenheit, für kommunalpolitisches Engagement zu werben. Und zwar zeitig vor den nächsten Kommunalwahlen 2024, auf die Althengstett nun quasi gezielt hinarbeiten kann. "Wir wollen Leute aus dem Ort für die Kommunalpolitik gewinnen, die noch nie daran gedacht haben, für den Gemeinderat zu kandidieren", erläutert Binczik. Das Projekt ermögliche es, den Stellenwert der Politik auf kommunaler Ebene zu verdeutlichen und zu zeigen, was genau die Aufgaben des Gemeinderats seien. Für die Zeit der Gemeinderatssitzungen könne im Übrigen das Babysitting organisiert und übernommen werden, macht die Amtsleiterin diese Aufgabe schon einmal jungen Eltern schmackhafter. Das Interesse am Gemeinderat und dessen Arbeit solle jedoch bei allen geweckt werden. "Und wir wollen auch die mitnehmen, die nicht für das Gremium kandidieren", betont Binczik.

Info: Hintergründe des Förderprogramms

Das Bundesprogramm "Zusammenhalt durch Teilhabe" des Bundesministeriums des Innern und für Heimat (BMI) fördert in ländlichen und strukturschwachen Gegenden Projekte für demokratische Teilhabe und gegen Extremismus. Im Mittelpunkt stehen regional verankerte Vereine und Verbände mit vielen ehrenamtlich Engagierten, zum Zug kommen aber auch Gemeinden wie Althengstett – eines von aktuell 100 bis 2024 geförderten Projekten. "Zusammenhalt durch Teilhabe" will aufmerksame und respektierte Demokratieberater vor Ort ausbilden und stärken.

Die Projekte verfolgen unter anderem den Ansatz, ins lokale Gemeinwesen hineinzuwirken und gemeinsam mit anderen Akteuren regionale Netzwerke zur Bearbeitung antidemokratischer Vorfälle zu entwickeln. Eine weitere Säule des Bundesprogrammes ist die Umsetzung von Modellprojekten im Themenfeld der digitalen Stärkung und Entwicklung von Verbänden.

Menschen vor Ort erfahren durch die Mitarbeit an den Projekten, dass sie ihre Zukunft selbst in der Hand haben und diese aktiv und miteinander gestalten können. Demokratie, das ist der Grundgedanke des Programms, soll dort gefördert werden, wo sie entsteht: an der Basis. "Zusammenhalt durch Teilhabe" ist ein Präventionsprogramm, es wirkt extremistischen und verfassungsfeindlichen Strömungen entgegen (Quelle: BMI).