Viele der im Kreis Calw untergekommenen Flüchtlinge aus der Ukraine haben ihre sprachlichen Grundlagen inzwischen gelegt. Eine breite Allianz will jetzt dafür sorgen, dass sie möglichst schnell in Arbeit kommen – und damit gleich mehrere Probleme auf einmal lösen.
Problem eins ist kein neues und heißt Fachkräftemangel. Viele Unternehmen suchen händeringend qualifiziertes Personal. Problem zwei ist die Belastung des Sozialsystems durch die hohe Zahl an Geflüchteten. Wenn immer mehr von ihnen in Lohn und Brot kommen, nimmt auch diese Belastung ab.
Aus diesem Grund haben sich nun die Agentur für Arbeit Nagold-Pforzheim, das Jobcenter, der Landkreis, die Industrie- und Handelskammer Nordschwarzwald und die Kreishandwerkerschaft zusammengetan, um für die ukrainischen Geflüchteten den „Job-Turbo“ zu zünden, wie sie ihre gemeinsame Initiative genannt haben. Diese haben sie nun in Nagold der Öffentlichkeit vorgestellt.
Die Frauen seien „unheimlich motiviert“
An der Motivation der Geflüchteten wird die Initiative wohl kaum scheitern, davon ist Ortwin Arnold, Chef des Jobcenters Landkreis Calw, überzeugt.
Die Frauen – zwei Drittel der ukrainischen Geflüchteten sind Frauen – seien „unheimlich motiviert“, berichtet Arnold. „Sie wollen unbedingt.“
Allerdings sehen sie sich immer wieder mit Hürden konfrontiert. Darunter etwa das Problem mit der Anerkennung ihrer eigenen Ausbildung, die in Deutschland ziemlich lange dauert.
Es hapert an Willkommenskultur
Dass die Wirtschaft diese Personengruppe braucht, daran lässt Tanja Traub, Hauptgeschäftsführerin der IHK Nordschwarzwald, keinen Zweifel aufkommen. „Wir wollen sie auf jeden Fall dabehalten“, stellt sie klar.
Das hinzubekommen funktioniere aber nur, wenn alle Akteure an einem Strang ziehen, so Traub, die auch diese weiteren Akteure in die Pflicht nimmt.
Denn in Deutschland und auch im Nordschwarzwald hapere es in solchen Fällen an einer Willkommenskultur gegenüber ausländischen Arbeitskräften. „Da müssen wir dran arbeiten“, schreibt sie der heimischen Wirtschaft ins Stammbuch.
Martina Lehmann, Chefin der Arbeitsagentur, geht sogar noch einen Schritt weiter, spricht davon, dass man hier eine „Bleibekultur“ entwickeln müsse, die es erleichtere, dass die ausländischen Arbeitskräfte auch gerne im Land bleiben.
Lehmann ist klar, dass bei der gemeinsamen Initiative im Kreis Calw nicht alles bis ins letzte Detail ausgefeilt ist. Das müsse auch nicht sein. Wichtig sei jetzt, diese Gelegenheit am Schopfe zu packen und die ukrainischen Arbeitskräfte in der Region zu halten.
„Wir sollten nicht warten, bis das die große Politik regelt“
Bei diesem Ziel könne man übrigens von den positiven Erfahrungen bei anderen Geflüchteten profitieren. Viele von denen seien inzwischen in Arbeit. Insgesamt sei es gelungen, die Zahl der Flüchtlinge in sozialversicherungspflichtigen Jobs zu verelffachen, berichtet sie nicht ohne Stolz.
Auch der Landkreis drückt bei der Angelegenheit aufs Tempo. Sozialdezernent Tobias Haußmann ruft dazu auf, sich bei den Flüchtlingen nicht immer nur auf das Thema Unterbringung zu fokussieren, sondern auch das Jobthema in den Fokus zu nehmen. Und das zeitnah. „Wir sollten da nicht warten, bis das die große Politik regelt“, fordert Haußmann. „Wir müssen da unsere eigenen Wege finden.“