Legehennen stehen im Stall in einem Betrieb für die Produktion von Eiern. (Symbolbild) Foto: Stratenschulte

Regionale Eier und Fleisch müssen nicht gleich für Tierwohl stehen – wie ein Prozess am 18. Mai vor dem Amtsgericht Horb zum Ausdruck bringt. Auch wenn die Zustände in den Ställen des Geflügelzüchters miserabel waren und er die Haltung aufgeben musste, zeigte er sich am Prozesstag uneinsichtig.

Horb - Als die Tierärztin vom Veterinäramt am 10. Juli 2020 unangemeldet einem Geflügelzuchtbetrieb im Kreis Freudenstadt einen Besuch abstattete, wollte sie sich eigentlich nur die Probenergebnisse der Salmonellenbestände abholen. Der Landwirt des Hofes war an den vorherigen Tagen weder telefonisch, noch per Mail zu erreichen gewesen.

Mehrere tote Tiere im Stall

Als dieser allerdings vor der Veterinärin weglief und sie ignorierte, musste die 41-Jährige mehrere Stunden auf dem Hof warten. In dieser Wartezeit nahm sie Ereignisse wahr, die ihr Sorgen um das Tierwohl der Hennen bereiteten. Um sich ein Betretungsrecht einzuholen, rief sie die Polizei.

"Das, was wir vorgefunden haben war der erschreckendste Zustand, den ich in meiner beruflichen Karriere gesehen habe", sagte die Veterinärin am 18. Mai vor dem Amtsgericht Horb.

Hühner in erbärmlichem Zustand

"Das Erste, was ich gesehen habe, als ich den Stall betrat, waren zersetzte Hühnerleichen", so die Zeugin. Von Tierwohl kann auf dem Geflügelhof im Landkreis Freudenstadt nicht die Rede sein: Die Liste der Missstände, welche die Kontrolleurin am 10. Juli 2020 vorgefunden hat, ist lang:

Die Hühner haben ein mitleiderregendes Äußeres, sie besitzen teilweise lediglich ein Drittel ihres Federkleides, ihre Kloaken sind gerötet, die Hühner leiden zudem unter der roten Vogelmilbe. Auf dem Boden im Stall findet die Veterinärin mehrere Kadaver, einige sind sogar so stark abgenagt und verstaubt, dass nur noch das Skelett verblieben ist – normalerweise müssten tote Tiere innerhalb von 24 Stunden aus dem Stall entfernt werden.

Manche Stallbereiche sind so stark abgedunkelt, dass die Kontrolleure eine Taschenlampe benötigen, um überhaupt etwas sehen zu können. Hühner haben eine Aktivitätsphase, welche sie gewöhnlicherweise mit Picken und Scharren verbringen. "Die Tiere müssen irgendetwas zu tun haben", sagt die Zeugin. Beschäftigungsmateralien – die in einem so stark abgedunkelten Raum womöglich sowieso nutzlos gewesen wären – oder Zugang zum Scharrraum hielt der Landwirt nicht für notwendig, den Tieren zur Verfügung zu stellen. Stattdessen liegen teilweise Draht und Plastikteile sowie leere Behälter auf dem Boden.

Kannibalismus unter den Tieren

Die Konsequenz von fehlenden Beschäftigungen: Kannibalismus unter den Tieren. Manche der schwächeren Hennen haben sich aus Angst vor ihren Artgenossen in die Kotgrube zurückgezogen. "Dieser Rückzugsort ist kein tierwürdiger Zustand", sagt die Tierärztin. Aus eigener Kraft würde es ihnen nicht gelingen, wieder aus der Grube herauszukommen. Wenn der Landwirt die Hennen nicht herausholt, verenden sie dort. Ein weiterer Missstand in den Ställen: die Luftqualität. Die Luft in den Ställen ist so schlecht, dass die Augen der Kontrollierenden tränen. Sie gehen von einem hohen Ammoniakgehalt aus.

Landwirt zeigt keine Einsicht

Der angeklagte Landwirt, welcher Agrarwissenschaft studiert hat, zeigt keine Einsicht. Im Laufe des Prozesses wird allen Anwesenden bewusst, dass er nicht den Zustand seines Stalles bemängelt, sondern die Zeugin, die er als "uneinsichtige Veterinärin" bezeichnet. Die Schuld an dem Zustand des Stalles? Liegt seinen Aussagen zufolge nicht bei ihm. Während man bei der Zeugin erkennt, dass ihr dieser Prozess sichtlich nahe geht, bringt der Angeklagte mit fester Stimme seine Punkte vor dem Amtsgericht Horb vor. "Früher war es erlaubt, die Schnäbel der Tiere mit einem Laser zu kürzen", sagt der Landwirt. Der Gedanke hinter der Amputation des Schnabels war es, den Tieren ihre Waffe zu nehmen, damit sie nicht auf Artgenossen losgehen können. "Nachdem der Gesetzgeber das Anfang 2017 verboten hat, war es eine Katastrophe. Die Tiere zerfleischen sich."

Hühnerhaltung seit August eingestellt

An einen Tag kann sich der Geflügelzüchter besonders gut erinnern: "Von diesem Ereignis habe ich noch heute Alpträume. Ich ging in den Stall und hörte Geschrei. Mindestens 30 Hennen hackten auf eine geschwächte ein". Als der Kannibalismus schlimmer wurde, sah er es als einzige Möglichkeit an, den Stall abzudunkeln.

"Kannibalismus ist ein Zeichen für eine absolut nicht tiergerechte Haltung", sagt die Zeugin. "Ich habe dem Geflügelzüchter bei vorherigen Kontrollen gesagt, er müsse etwas gegen die Aggressivität der Tiere tun. Aber das Einzige, was er tat, war den Stall abzudunkeln." Kannibalismus komme nicht von einem Tag auf den anderen und sei "ein großes Zeichen für Leiden". Der Grund für die aufgebrachten Tiere: schlechte Luft- und Lichtverhältnisse, zu wenig Beschäftigungen und Schlafmangel. Durch den Milbenbefall, würde den Hühnern nachts ihre Ruhephase fehlen, was auch zu Aggression führe. Als die Kontrolle am 10. Juli den Stall betrat, waren die Hühner so nervös und aufgebracht, "dass sie sich in der Ecke übereinanderstapelten und Tiere zu Tode gedrückt wurden", erzählt die Zeugin.

Der Angeklagte musste im August seine Hühnerhaltung einstellen. Ein Viertel des Hühnerbestands wurde geschlachtet, die restlichen Körper mussten entsorgt werden. Bereits einige Jahre zuvor stand der Geflügelzüchter wegen Verstößen gegen das Tierschutzgesetz vor Gericht. Der Prozess am 18. Mai dauerte beinahe vier Stunden, eigentlich hätte auch ein weiterer Zeuge zu Wort kommen sollen, der nun bei der Fortsetzung des Prozesses, am 1. Juni, aussagt.

"Massentierhaltung ist ein schwieriges Thema", sagt der zuständige Amtsgerichtsdirektor Albrecht Trick. "Zwar ist sie gesellschaftlich nicht gewünscht, aber trotzdem möchten wenige für ihre Eier oder ihr Hühnerschnitzel tiefer in den Geldbeutel greifen."