Ryyan Alshebl floh 2015 aus Syrien nach Deutschland. Nun wurde er zum ersten Bürgermeister mit syrischen Wurzeln in Baden-Württemberg gewählt. Was hat er vor – und was sagen die Ostelsheimer über ihren künftigen Rathauschef?
Auf den ersten Blick scheint Ostelsheim im Kreis Calw ein schwäbisches Dorf wie jedes andere zu sein: Eine ältere Frau schiebt an diesem sonnigen Mittag ihren knatternden Mäher über den Rasen, eine Straße weiter lädt ein Mann in seiner Scheune einen Hänger voll Holz aus, ein anderer schraubt an seinem Traktor herum. Die Hecken sind akkurat geschnitten, manche Sträucher mit bunten Ostereiern dekoriert, an einer Garage prangt der freundlich, schwäbische Hinweis: „Wer vor meiner Garasch parkt, kriagt dr Ranza voll“. Bis auf das Vogelgezwitscher, das Kreischen der Kinder vom Bolzplatz und dem Rasenmäher ist es ruhig im Ort, die meisten Bewohner sind sicher im Geschäft – wie es sich für fleißige Schwaben gehört. Als Nicht-Einheimischer zieht man misstrauische Blicke auf sich.
Ostelsheimerin: „Das ist schon eine Sensation, wir waren alle sehr überrascht“
Am vergangenen Sonntag hat dieses Ostelsheim Geschichte geschrieben – und einen Bürgermeister gewählt, wie ihn kein anderes schwäbisches Dorf, keine andere Gemeinde in Baden-Württemberg hat. Der künftige Rathauschef ist das Gegenteil dessen, was viele wohl erwarten würden: Ryyan Alshebl hat syrische Wurzeln, kam als Flüchtling 2015 aus dem Bürgerkriegsland nach Deutschland und ist 29 Jahre alt. Er ist Baden-Württembergs erster Bürgermeister mit syrischer Herkunft, am Sonntag hat er sich gegen zwei Mitbewerber mit der absoluten Mehrheit an Stimmen durchgesetzt.
Selbst für einige Ostelsheimer kam sein Wahlsieg überraschend. Das ist auch jetzt ein paar Tage nach der Abstimmung zu spüren – sogar bei jenen, die ihr Kreuzchen bei Alshebl gesetzt haben: „Das ist schon eine Sensation, wir waren alle sehr überrascht, dass er so deutlich gewonnen hat“, sagt die 75-jährige Rentnerin Doris Horman, die schon ihr ganzes Leben in Ostelsheim wohnt. Von einem älteren Mann heißt es: „Ich hätte nicht erwartet, dass Ostelsheim so progressiv wählt.“ Und ein paar Häuser weiter gibt Monika Valentin (65) zu: „Ehrlich gesagt, habe ich ihm keine Chancen eingeräumt, man kennt die alten Ostelsheimer.“
Welcher Religion gehören Sie an? Kommt eine Moschee nach Ostelsheim?
Deren Wunschkandidat sei wohl eher Alshebls stärkster Konkurrent gewesen: Marco Strauß, ein echter Ostelsheimer. „Auf der einen Seite ein biodeutscher Familienvater mit Einfamilienhaus, 20 Jahren Erfahrung in der Verwaltung – auf der anderen Seite ein Syrer“ – so beschreibt Ryyan Alshebl selbst das Duell. „Es war ein polarisierender Wahlkampf“, sagt er. Der einstige Flüchtling musste sich also was einfallen lassen, wie er das Rennen um das Rathaus spannend gestalten konnte. Immerhin seine jahrelange Tätigkeit in der Verwaltung der Nachbargemeinde Althengstett sorgte dafür, dass er nicht als völlig Unbekannter startete. Und sein perfektes Deutsch überzeugte viele Wähler. Talkshows wie „Markus Lanz“ hätten ihm geholfen, dass er in so kurzer Zeit die Sprache beherrschte, erzählt Alshebl.
Als Erfolgsrezept erwies sich außerdem sein Haustür-Wahlkampf, weil er nicht in „Pizza-Lieferdienst“-Manier ablaufen sollte: „Ich wollte mit den Menschen intensiv ins Gespräch kommen, mir Zeit nehmen und alle Fragen beantworten“, sagt der 29-Jährige. Auch die ungewöhnlichen: Welcher Religion gehören Sie an? Kommt mit Ihnen eine Moschee nach Ostelsheim? Alshebl kann beruhigen: „Ich habe keine Pläne, eine Moschee zu bauen.“ Er praktiziere ohnehin keine Religion. Diese Sorgen mancher Dorfbewohner interpretiert der Geflüchtete nicht als Angriff, im Gegenteil: „Menschen, die solche Fragen stellen, wollen mir eine Chance geben“, ist er sich sicher.
Viele Bewohner konservativ geprägt, aber „keinesfalls rassistisch“
Der Mann mit den syrischen Wurzeln hält nichts vom Klischee, in kleinen, ländlichen Dörfern wie in der 2500-Einwohner-Gemeinde herrsche eine grundsätzliche Skepsis gegenüber Menschen mit anderer Herkunft. Lediglich zu einem Vorfall kam es, als er im Dorf gerade Werbung für seine Person machte. „Ein wütender, älterer Mann hat mir zugerufen, ich solle fortbleiben und lieber in Syrien Bürgermeister werden“, erzählt Alshebl. Es gab wohl auch eine Gruppe, die gezielt Stimmung gegen ihn machte: „Dass ich ein Extremist sei und Frauen vergewaltige.“ Der Großteil der Bewohner sei zwar konservativ geprägt, aber „keinesfalls rassistisch“.
Wer sich in Ostelsheim umhört, bekommt dieses Bild bestätigt. „Es kommt nicht auf die Herkunft an, sondern auf die Fähigkeiten – und die hat er in der Verwaltung in Althengstett bewiesen“, sagt die Rentnerin Doris Horman. Und: „Er hat zugehört, was die Leute hier brauchen.“ Mit Alshebl als Bürgermeister versprechen sich die Ostelsheimer neues Leben in ihrer Gemeinde: „Hier gibt es keinen Laden, keine Wirtschaft, keine Infrastruktur“, klagt eine Einwohnerin. Die Nachbargemeinde Althengstett, in der Alshebl arbeitet, blühe hingegen, sagt sie.
Mit dem Schlauchboot übers Mittelmeer nach Europa
Kann der geflüchtete Syrer die hohen Erwartungen erfüllen? „Ich habe einen guten Eindruck von ihm, er hat das Zeug zum Bürgermeister“, sagt Boris Palmer, der Tübinger Oberbürgermeister, der Alshebl – privat Mitglied bei den Grünen – im Wahlkampf unterstützt hatte. Im Juni zieht der 29-Jährige ins Ostelsheimer Rathaus ein, er hat bereits jetzt genaue Vorstellungen, wie er seine Amtszeit gestalten will: „Ich habe keinen Bock, nur zu verwalten. Ich will das Dorf vorantreiben“, sagt Alshebl. Auch viele Gemeinderäte hätten gegenüber ihm betont, dass sie einen Bürgermeister wollen, den sie „bremsen müssen und nicht anschubsen“. Schon jetzt hat der 29-Jährige einige Projekte im Blick: Eine Ganztagesbetreuung für Kinder, Betreutes Wohnen für Senioren, eine lebendige Ortsmitte, der Bau des Discounters Norma am Ortseingang. Seine Parteimitgliedschaft bei den Grünen soll dabei keine Rolle spielen, Alshebl trat zur Wahl als parteiloser Kandidat an. „Er hat schnell begriffen, dass man das in kleinen Orten so machen muss. Sonst wirst du nicht gewählt“, erklärt der Tübinger OB Palmer.
Mit Mut, auch zu einem gewissen Risiko, will Alshebl seine achtjährige Amtszeit in Ostelsheim angehen. Diese Eigenschaft hat ihn schließlich überhaupt nach Deutschland gebracht. Per Schlauchboot übers Mittelmeer machte er sich vor acht Jahren mit seinen Freunden auf nach Europa. „Es war damals praktisch der einzige Weg“, sagt Alshebl. Seine Universität in Syrien, wo er im Bereich Finanzen studierte, war wegen des Krieges nicht mehr erreichbar, Alshebl drohte der Militärdienst. „Das wollte ich nicht, viele kamen als Leichen zurück“, erzählt er.
Alshebl: „Warum soll ich sagen, wir schaffen das nicht?“
In Deutschland studierte bereits sein Bruder, außerdem ist Alshebl Fan des Fußball-Rekordmeisters FC Bayern München, „Deutschland war daher für mich nicht fremd“, sagt er. Zu Angela Merkels viel zitiertem Satz „Wir schaffen das“ im Zuge der Flüchtlingsbewegung 2015 muss Alshebl dieser Tage häufig Bezug nehmen. Das Potenzial, die migrationspolitischen Herausforderungen zu bewältigen, sei da, an Arbeitsangeboten mangele es nicht, „dann kann man auch verlangen, dass sich die Leute, die hierher kommen, einbringen“, sagt Alshebl. Auf der anderen Seite dürfe man nicht vergessen, dass viele Syrien-Geflüchtete kriegstraumatisiert seien. Er selbst stand vor ein paar Jahren noch in einer Sammelunterkunft, heute ist er designierter Bürgermeister. „Warum soll ich sagen, wir schaffen das nicht?“
Lob für seinen Weg bekommt Alshebl auch von seinem Unterstützer Palmer: „Er ist sehr schwäbisch und schaffig.“ Glaubt man ihm, passt ein Bürgermeister wie Ryyan Alshebl also sehr gut in das schwäbische Dorf. Zumal viele Ostelsheimer ganz froh zu sein scheinen, dass ab Juni kein Ur-Schwabe im Rathaus das Sagen hat, wie Frau vor dem Getränkemarkt am Ortseingang bekräftigt: „Dann kommt mal frischer Wind hier rein.“