Im Refugio in Hechingen wohnen derzeit 17 Syrer. Viele von ihnen sorgen sich nach dem Assad-Sturz um ihre Angehörige in Syrien. Foto: AP/dpa/Hussein Malla

Von einem Wechselbad der Gefühle bei den 17 Syrern im Refugio berichtet dessen Leiterin Almut Petersen angesichts des jüngsten Assad-Sturzes. Einerseits sei das Ende der Diktatur „eine Art der Befreiung“, andererseits bestehe Sorge vor dem, was nun kommt.

Im Refugio haben sich am vergangenen Wochenende emotionale Momente abgespielt. Denn: Dort haben 17 syrische Staatsangehörige den Sturz des Assad-Regimes gefeiert. „Am Sonntag waren einfach alle nur glücklich“, schildert Almut Petersen, Refugio-Leiterin, ihre Eindrücke.

 

In die Freude über das Ende der „Assad-Tyrannei“ habe sich aber auch Sorge darüber gemischt, wie es in Syrien nun weitergeht. Schließlich herrsche nun erstmal ein Machtvakuum. „Viele Bewohner haben große Angst um ihre Angehörigen, die noch in Syrien leben“, erzählt Petersen weiter. Der Kontakt sei teils wegen einer instabilen Internetverbindung in Syrien abgebrochen.

Bewohner vermuten Angehörige in Gefängnissen

Im Refugio am Obertorplatz, das als Gemeinschaftsunterkunft für Geflüchtete in vorläufiger und Anschlussunterbringung dient, leben derzeit 26 Geflüchtete. 17 davon sind Syrer, wie Almut Petersen informiert. Und sie sagt: „Keiner wäre hier, wenn er nicht unter dem Assad-Regime gelitten hätte.“

Schon seit rund zehn Tagen, als die Rebellen unter Führung der islamistischen Gruppe Hajat Tahrir al-Scham (HTS) immer weiter in Richtung Damaskus vorgerückt sind, die Metropole Aleppo eingenommen und das Assad-Regime zunehmend unter Druck gesetzt haben, habe man im Refugio die Nachrichtenlage mit Spannung verfolgt. Besondere Betroffenheit sei bei den Refugio-Bewohnern zu spüren gewesen, als Bilder aus den sich öffnenden Gefängnissen um die Welt gingen. „Da wurden hungernde Menschen befreit, die seit Jahren hinter Gittern sitzen. Das waren schlimme Bilder.“

Viele der Syrer im Refugio hätten selbst unter diesen unmenschlichen Zuständen in den Gefängnissen gelitten, seien geflohen und hätten dann Schutz in Deutschland gesucht. Und: „Teilweise vermuten unsere Bewohner, dass ihre Familienangehörige in diesen Gefängnissen bis zuletzt eingesperrt waren.“ So bestehe die Hoffnung auf eine Befreiung, auch wenn Todesfälle nicht auszuschließen seien.

Laut Petersen breite sich bei den Syrern im Refugio trotz dieser Trauer auch eine „Art der Befreiung aus“ – eben ein Wechselbad der Gefühle in diesen turbulenten Stunden.

„Nun besteht die Hoffnung, dass sich alles zum Guten wendet, auch wenn das keinesfalls sicher ist“, betont Petersen. Schließlich gibt es auch nach der Flucht Assads nach Russland Bombenangriffe, Plünderungen und Vergewaltigungen. Insbesondere im kriegsgebeutelten Aleppo sei die Lage dramatisch.

Regionen Syriens unterscheiden sich kulturell

Petersen weiß: „Die Geschichten der Geflüchteten aus Syrien sind individuell.“ Das Machtgefüge in den Gebieten Syriens unterscheide sich drastisch. Neben arabischen und kurdischen gebe es auch turkmenische kulturelle Hintergründe. Doch der Wunsch nach Frieden und die Hoffnung, dass das derzeitige Momentum zu einer für alle Gruppen positiven Entwicklung führe, verbinde die Syrer.

Und denken die syrischen Refugio-Bewohner nun gar schon an einen Besuch in der Heimat? „Der Traum, dass es irgendwann möglich ist, dort die Angehörigen wiederzusehen, ist natürlich da“, führt Almut Petersen weiter aus. Aber die Geflüchteten hätten auch die Realität im Blick: „Die Situation ist nicht gesichert.“ Die Lage sei dynamisch. „Da hat niemand gesagt: ‚Ich gehe direkt zurück.‘“ Nun müssten erstmal die Geschehnisse der kommenden Tage abgewartet werden.

Im Refugio gibt es schon erste Überlegungen über einen Themenabend, angesichts des für die Syrer feierlichen Ereignisses. Jeden Montag finden in dem Café-Restaurant am Obertorplatz sogenannte „Montage für Menschlichkeit“ statt. Dort erzählen Refugio-Bewohner unter anderem von ihren Erlebnissen in ihren Heimatländern oder von ihrer Flucht – die Syrer haben sicher einiges zu berichten.