Eine Friedensbotschaft aus Schiltach wird 100 Jahre alt. In der Zwischenzeit hat sich das Gedenken an Kriegstote gewandelt.
„Unglücklich das Land, das Helden nötig hat!“ Der berühmte Satz aus Bert Brechts Drama „Galilei“ lässt an den über viele Jahre in Schiltach gebräuchlichen Begriff des „Heldenkreuzes“ denken. Dabei war die Gedenkstätte für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs, später um die heimischen Opfer des Zweiten Weltkriegs und schließlich um alle Opfer von Krieg und Verfolgung erweitert, zunächst als Kriegerkreuz bekannt geworden. Der Name „Heldenkreuz“ setzte sich im Nationalsozialismus endgültig durch, fand aber seinen Ursprung bereits in der Inschrift „Den Helden 1914-18“ von 1925.
Solch ein Benennung war eine Waffe im Kampf um den „richtigen“ Blick auf die Geschichte. Die laut der verbreiteten Dolchstoßlegende „im Felde unbezwungene Armee“ des Ersten Weltkriegs erforderte Denkmale zur Ehrung der „heldenhaften“ Kämpfer. Erlittenes Leid oder gar ein realistischer Blick auf die erschöpften Ressourcen Deutschlands zu Kriegsende fanden keinen Raum.
Widerstand gegen Dolchstoßlegende
Früh fand sich jedoch Widerstand gegen diese Verfälschung der historischen Wahrheit für politische Zwecke. Ein Beispiel über ein Schiltacher Ereignis 1918 findet sich am 19. Februar 1926 in der Zeitung Der Sozialdemokrat aus Prag. Der Text erschien unter dem Synonym „Wenzel Freimut“. Leider konnte bisher der korrekte Autorenname nicht ermittelt werden.
Die Zeilen des Kriegsgegners, bis zur Einziehung in die Armee 1915 Weber in Schiltach, nun auf Heimaturlaub im Schwarzwald, erzählen von einer Propagandaveranstaltung, wenige Wochen vor Kriegsende. Ein Berliner Redner habe im „Schwarzwaldlokal“ (wohl das Bahnhofhotel) „mit seinem Gendarmenbart“ „für das Durch- und Maulhalten“ Stimmung gemacht. Eine Stunde lang hielt er „eine flammende Rede“, „in der unzählige Male das Wort Helden, ebenso oft das Wort deutsche Kraft und das klangvolle eiserner Mut vorkamen.“
Zufällig sei Freimut dem Kriegsredner später noch im Städtle begegnet. „Plötzlich, unvermutet, bellten drei Schüsse durch die Nacht, die auch uns Urlaubern das Blut in den Adern schneller fließen ließen. Unser Nachbar und Kraftmensch aus Berlin aber bebte wie ein Espenblatt. Beim ersten Schuss schon fasste er mich schreckhaft am Arm, als wolle er sich verkriechen, beim dritten fiel er beinahe in Ohnmacht und brachte kein vernünftiges Wort mehr hervor.“
Tatsächlich kam es 1918 immer wieder zu einzelnen Fliegerangriffen ins Kinzigtal. „Bo-Bo-Bomben, stöhnte der Berliner und ich fürchtete schon, der Heldenvater würde in den Erdboden versinken.“ „Da, im selben Moment, tut es einen grässlichen Schlag, dass das Haus in allen Fugen zittert“.
Der Autor entlarvt nun falsche Heldenworte, gesprochen jenseits der Gefahr: „Unser Begleiter und feuriger Redner aus Berlin, der in seinem Referat die Worte Helden und eiserner Mut so prächtig zu betonen wusste, war zu einem Häufchen Unglück geworden und sank wie eine abgebrannte Zigarre auf der Treppe vollends zusammen.“
Mit dieser Erfahrung des realen Kriegsgrauens sei er zur Verständigung bereit gewesen. Wenzel Freimut lässt eines der auch in Schiltach zahlreichen Kriegsopfer abschließen: „Nun, wenn Sie das nun einsehen, ist das heutige Geplänkel schon etwas wert“.
Friedensbotschaft dürfte eine Komposition sein
Der Text ist mit Sicherheit eine literarische Komposition mit einer Friedensbotschaft. Vermutlich handelt es sich um die Zusammenziehung verschiedener Ereignisse, welche schließlich in die Forderung des Überlebenden zur Beendigung eines sinnlosen Krieges mündet. Freimut lehnt 1926 falsches Heldentum ab, welches später zum Begriff „Heldenkreuz“ führen sollte. Die Kriegsteilnehmer waren zumeist unfreiwillig Kämpfer und Opfer, reduziert zu „Helden“ wurden sie von nationalistischer Propaganda. Inzwischen trägt das Denkmal auf Anregung des Historischen Vereins den Namen „Gedenkkreuz“ und ist Teil der neu gestalteten Gedenkstätte.