Im Mai und Juni bekommen Ricken ihren Nachwuchs gerne in hohen Wiesen. Um sie vor den Mähwerken der Traktoren zu retten, arbeiten Jäger, Landwirte und Ehrenamtliche zusammen. Wir haben sie vor Sonnenaufgang begleitet.
Da liegt es im hohen Gras, schmiegt den Kopf eng an seinen Körper mit den weißen Pünktchen auf dem braunen Fell, es macht sich klein, ist in der Wiese kaum sichtbar – ein Rehkitz fast wie aus dem Disney-Klassiker „Bambi“. Es fiept schrill und hoch, als Sarah Schweizer es mit Handschuhen und einem Büschel aus langen Grashalmen behutsam vom Boden hebt – und in eine luftdurchlässige und mit dem Grün ausgelegte Kiste setzt. Begeistert ist weder das Rehkitz noch seine Mutter, die das Geschehen aus der Entfernung am Waldrand beobachtet. Beide wissen nicht, was die Jägerin vorhat.
Setzzeit der Tiere und die erste Mahd fallen in denselben Zeitraum
Die Ricke hat ihr Kitz hier gesetzt – so nennen es Fachleute, wenn Rehe ihren Nachwuchs bekommen. In dieser hoch bewachsenen Wiese bei Heiningen im Kreis Göppingen scheint es sicherer zu sein als im nahe gelegenen Wald, wo Fressfeinde wie der Fuchs auf leichte Beute lauern. Ungefährlich ist es aber auch im scheinbar schützenden Gras nicht: Immer wieder geraten Rehkitze in das Mähwerk von Traktoren, wenn die Bauern das Gras als Futter für ihre Tiere schneiden. In diesem Jahr sind im Kreis Göppingen bereits acht Rehkitze den scharfen Klingen zum Opfer gefallen, etwa 50 konnten gerettet werden. „Wenn Gefahr droht, ducken sich die Kitze, sie haben noch keinen Fluchtreflex. Landwirte und Jäger sind gemeinsam in der Pflicht, wenn es um die Absuche von Wiesen nach Rehkitzen geht“, erklärt Schweizer, die Göppinger Kreisjägermeisterin, die auch durch ihre Rolle als CDU-Landtagsabgeordnete bekannt ist.
Kurz vor Sonnenaufgang gegen 5 Uhr hält sie an diesem Morgen mit anderen Mitgliedern ihres Vereins Schwabenkitz und weiteren Jägern Ausschau nach den Tieren. Vor zweieinhalb Jahren hat sie zusammen mit Hans-Jörg Andonovic-Wagner den Verein gegründet. Der Fokus liegt auf der Rehkitzrettung im Mai und Juni, wenn die Setzzeit der Tiere und die erste Mahd in denselben Zeitraum fallen. Will ein Bauer mähen, informiert er die Rehkitzretter direkt oder den zuständigen Jagdpächter.
Nicht immer war die Suche nach den Rehkitzen so unkompliziert wie heute
Trotz teils unterschiedlicher Interessen ziehen bei der Rehkitzrettung alle an einem Strang. Denn „wenn ein Rehkitz angemäht wird, ist das für alle schlimm, für den Landwirt, für den Jäger und fürs Tier“, sagt Schweizer. Ein Kitz, das in ein Mähwerk gerät, sei meistens nicht sofort tot, „oft leiden die Kitze noch sehr“, erzählt die 39-Jährige.„Schwabenkitz“ ist eines von 70 Rettungsteams in Baden-Württemberg . Sechs Einsatztrupps des Vereins verteilen sich dieses Jahr auf die Wiesen im Kreis Göppingen.
Nicht immer war die Suche nach den Rehkitzen so unkompliziert wie heute: Mit einer Menschenkette durch die Wiese und Hunden mussten sich die Retter früher noch behelfen. Und selbst die Hunde hatten es schwer, die kleinen Tiere zu erschnüffeln. Denn als natürlichen Schutzmechanismus vor Fressfeinden haben Rehkitze keinen Eigengeruch. „Das war früher sehr mühsam“, erzählt Schweizer.
Per Walkie-Talkie mit dem Drohnenpilot verbunden
Seit etwa fünf Jahren und auch an diesem Morgen hilft deshalb modernste Technik: Hans-Jörg Andonovic-Wagner hält die Fernsteuerung mit Display in der Hand und lässt eine Drohne mit Wärmebildkamera aufsteigen. Damit ist klar, warum die Suche bereits vor Sonnenaufgang starten muss: „Sobald die Sonne auf die Wiese knallt, sehen wir keine Ausschläge mehr“, erklärt der ausgebildete Drohnenpilot. In den kühlen Morgenstunden aber sind schnell weiße Flecken auf dem Bildschirm zu sehen, sobald die Kamera ein Kitz im Gras entdeckt. „Da oben ist schon der erste Ausschlag“, ruft Andonovic-Wagner den Helfern zu und zeigt auf den wenige Meter entfernten Hügel.
Sarah Schweizer und zwei ehrenamtliche Frauen schnappen sich Kisten und stapfen durch das hohe Gras. Die Propeller der Drohne summen über dem Fundort, per Walkie-Talkie sind die drei mit dem Mann an der Fernsteuerung verbunden. „Zwei Meter vor euch müsste es sein“, ist aus den Lautsprechern der Geräte zu hören. „Ich hab’s“, ruft eine Helferin. Dieses Kitz ist gerettet.
Die Rettung mit den Kisten ist nicht die einzige Methode
Handschuhe und Grasbüschel zwischen Mensch und Tier sind wichtig, damit die Ricke ihren Nachwuchs später wieder annimmt. So kurz wie möglich sollen die Kitze in der Box verharren, denn alle zwei bis drei Stunden gibt es Milch von der Mutter. „Wir wollen keine Rehkitz-Skelette in den Boxen finden“, sagt Andonovic-Wagner. Die Landwirte seien in der Pflicht, die Kitze freizulassen, sobald sie mit dem Mähen durch sind.
Die Rettung mit den Kisten ist aber nicht die einzige Methode – wie der Einsatz auf einer Wiese wenige Autominuten entfernt zeigt. Zwar kommt auch hier wieder die Drohne von Schwabenkitz zum Einsatz, aber anstatt die Kitze in Boxen zu setzen, wird der Fundort so markiert, dass der Bauer beim Mähen einfach drum herum fahren kann.
„Man sieht hier in dem hohen Gras maximal zwei Meter“, sagt Thomas Maier und rammt einen der rot-weißen Stäbe direkt neben das Rehkitz in den Boden. Dieser ist auch vom Traktor aus gut zu sehen. Von weiter oben vom Waldrand beschwert sich währenddessen die Mutter des Kitzes, es klingt fast wie ein Hundebellen. „Das ist ein Warnruf“, erklärt Maier.
Beinahe kommt es an diesem Tag zu einem tragischen Zwischenfall
Er ist Jäger in diesem Gebiet. Früher, bevor mit Drohnen nach den Kitzen gesucht wurde, sei er häufiger gerufen worden, um ein angemähtes Tier von seinen Qualen zu erlösen. Auf solche Einsätze verzichtet er gerne. „Es geht darum, die Tiere zu retten, dafür steht man morgens auf“, sagt er. Außerdem profitierten die Landwirte, wenn im Futter keine toten Rehkitze landen. „Die Fleischreste gären und können für die Kühe tödlich sein.“
Beinahe kommt es an diesem Tag noch zu solch einem folgenreichen Zwischenfall: Ein paar Kilometer weiter liegt die Wiese von Landwirt Karl Kaißer. Für ihn hat sich wiederum eine andere Methode bewährt: Der Bauer steckt Stäbe in den Boden, an deren Spitze weiße Plastiktüten wehen. „Der Ricke gefällt das Rascheln nicht, sie holt dann ihre Kitze aus der Wiese“, erklärt er. In diesem Jahr aber lässt er die Fläche auch noch mal durch die Drohne von Schwabenkitz kontrollieren. Zum Glück: Es dauert nicht lange, da entdeckt Andonovic-Wagner gleich zwei Kitze auf einem Fleck.
Plötzlich heißt es: „Da liegt noch eins, er fährt gerade einen Meter dran vorbei“
Doch als sich der Landwirt und die Helferinnen von Schwabenkitz den Tieren nähern, springen diese auf und fliehen. „Die sind so agil, da können wir nichts machen“, gibt der Mann mit der Drohne durch das Walkie-Talkie. Diese Kitze scheinen älter zu sein, doch „wenn sie das Mähwerk auch so nahe ranlassen, haben sie keine Chance“, sagt Andonovic-Wagner.
Landwirt Kaißer steigt derweil auf seinen Traktor, lässt das Mähwerk herunter und beginnt zu mähen. Andonovic-Wagner fliegt vorsichtshalber weiter mit der Drohne über die Fläche und sagt plötzlich: „Da liegt noch eins, er fährt gerade einen Meter dran vorbei.“ Dann geht alles ganz schnell: Einer sagt Kaißer per Anruf Bescheid, mit dem Auto geht es zu der Stelle, die Schwabenkitz-Helferinnen springen aus dem Wagen in Richtung der Stelle – das Kitz rennt aus der gefährlichen Zone, und Kaißer kann weiter mähen.
Als Dank für den Einsatz gibt es einen großen Karton mit frischer Milch vom Hof der Kaißers. „Schinkenwurst, Schnaps, Milch – man bekommt immer irgendwas“, erzählt Hans-Jörg Andonovic-Wagner. Eigentlich arbeitet er als selbstständiger Webdesigner, mit der Rehkitzrettung aber hat er eine neue Leidenschaft gefunden. Er sagt: „Als ich das erste Kitz gerettet habe, hatte ich seit Langem mal wieder das Gefühl, etwas Sinnvolles getan zu haben.“