Seit Kurzem drängen Einweg-E-Zigaretten aus China auf den deutschen Markt. Die Politik ist alarmiert: Einstieg für Jugendliche in die Nikotinsucht?
Stuttgart - Das Ding erinnert in Form, Farbe und Größe an einen Textmarker. Es lässt sich auch genauso leicht wie die Stifte in Etuis verstauen, mit denen Schüler und Studenten unterwegs sind. Suchtexperten, Politiker, ja selbst Branchenvertreter beobachten mit Sorge, wie sich das neue Produkt gerade verbreitet, das aus China kommt und erst seit einigen Wochen überhaupt auf dem deutschen Markt zu kaufen ist. Die Rede ist von Einweg-E-Zigaretten. Sie werden im Fachjargon der Dampferszene auch „disposable pods“ (Englisch für Hülse zum Wegwerfen) oder „disposables“ genannt.
Ungewöhnliche Nachfrage
„Wir stellen seit kurzer Zeit eine beachtliche Nachfrage fest“, sagt Dustin Dahlmann vom Branchenverband der E-Zigarette, dem Bündnis für Tabakfreien Genuss (BfTG). Dahlmann, selbst Großhändler für E-Zigaretten, hat Anhaltspunkte dafür, dass es neue Käuferschichten gibt: „Es gibt Nachfrage an Orten, an denen bislang die E-Zigarette nicht so gut ging, wo eher Tabakwaren verkauft wurden, also etwa an Kiosken und in Tabakläden.“
Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Hohe Steuerlast beschlossen
Die klassische E-Zigarette, die keinen Tabak verbrennt, wie dies die Filterzigarette tut, sondern nikotinhaltige Flüssigkeiten erhitzt, ist nachhaltiger: Die Batterie ist aufladbar, das Gerät hält lange, für die zu verdampfenden und inhalierenden Flüssigkeiten gibt es eine Nachfüllvorrichtung. Es fällt vergleichsweise wenig Müll an.
Ganz anders die Einweg-E-Zigarette: Nach 400 bis 700 Lungenzügen, also jedes Mal, wenn die Flüssigkeit von zulässigen zwei Millilitern verbraucht ist, wandert das Gerät samt Batterie und Erhitzer auf den Müll. Streng genommen müsste es vielmehr wegen der Batterie fachgerecht entsorgt werden. Stationäre E-Zigaretten-Händler mussten in den Lockdowns der Pandemie über Monate schließen. Daher haben sie Umsatzeinbußen hinnehmen müssen. Da ist es verständlich, wenn die Branche mit der Einweg-E-Zigarette ein neues Produkt willkommen heißt, das womöglich neue Käuferschichten erschließt.
2020 lag der Umsatz nach Erhebungen des BfTG noch bei 450 Millionen Euro, 2021 gab es ersten Schätzungen zufolge einen Rückgang um zehn Prozent. Wegen drastischer Steuererhöhungen, die ab Juli greifen, rechnet die Branche 2022 mit einem weiteren Dämpfer.
Hoffnung auf Ende der Talfahrt
Lesen Sie aus unserem Angebot: Hippe E-Zigarette aus den USA machte Furore
Doch die Einweg-E-Zigarette hat die Politik bereits alarmiert. Die Drogenexpertin der Grünen im Bundestag, Linda Heitmann, kündigt an, dass das Wegwerfprodukt noch in dieser Wahlperiode Gegenstand der Gesetzgebung werden könnte. Sie finde die neuen Produkte „gleich in zweierlei Hinsicht problematisch“: „Sie stellen einerseits eine Umweltbelastung dar und können grundsätzlich in Bezug auf das Rauchen die Hemmschwelle zum Einstieg senken – gerade auch bei Jugendlichen.“
Die klassische E-Zigarette ist bislang fast ausschließlich ein Produkt, mit dem erwachsene langjährige Zigarettenraucher, die nicht auf das Nikotin verzichten können, auf weniger schädliche Weise ihre Sucht befriedigen. Laut der wenige Wochen alten Studie „Deutsche Befragung zum Rauchverhalten“ (Debra), die vom Bundesgesundheitsministerium finanziert wird, beträgt der Anteil der 14- bis 17 –Jährigen unter den E-Zigaretten-Nutzern 0,5 Prozent. Dagegen hält die Gruppe der 14- bis 17-Jährigen bei der klassischen Filterzigarette einen Anteil von 8,7 Prozent.
Die Sorge ist, dass die Einwegprodukte bei Jugendlichen Trend werden könnten. Motive dafür könnte der Preis und eine einfachere Handhabung sein: Die Einweg-E-Zigarette ist für sieben bis neun Euro zu haben, die klassische Mehrweg-E-Zigarette kostet zwischen 20 und 70 Euro und muss zusätzlich mit der Flüssigkeit befüllt werden. Vielleicht wirkt die Einweg-E-Zigarette auch einfach nur cool, weil sie anders ist als das Produkt, auf das die älteren Raucher umsteigen?
Branche ist wachsam
Dahlmann beobachtet die Entwicklung: „Wir haben bisher keinen Anhaltspunkt dafür, dass die Einweg-E-Zigarette Kinder und Jugendliche interessiert.“ Die Branche schiele nicht auf jugendliche Konsumenten: „Wir wollen ausschließlich Noch-Zigarettenraucher zum Umsteigen bewegen. Sollten vermehrt Jugendliche zur Einweg-E-Zigarette greifen, werden wir Gegenmaßnahmen ergreifen und der Politik Regulierungsvorschläge machen.“
Es zeichnet sich indes ab, dass die Einweg-E-Zigarette ein höheres Suchtpotenzial für Heranwachsende hat: Sie ist so gebaut, dass sie mit ihrem Zugverhalten und der Nikotinkonzentration dem Nutzungsverhalten und Nikotinbedarf langjähriger Raucher entspricht. Und es ist bekannt, dass der Missbrauch von Nikotin im Fall von Jugendlichen besonders schnell zu häufig lebenslanger Sucht führt.