Werner Ullrich ist Gefängnisseelsorger in der JVA-Außenstelle in Villingen. Foto: Simone Neß

Hinter Gittern begegnet Gefängnisseelsorger Werner Ullrich Menschen, die mit ihren Fehlern und Sorgen ringen. Welche Themen die Gefangenen wirklich umtreiben.

Mauern und Stacheldraht schirmen das denkmalgeschützte Gebäude im Romäusring von der Außenwelt ab. Die Tage des Villinger Gefängnisses sind gezählt, denn in Rottweil entsteht derzeit ein moderner Neubau. Doch bis der Neubau fertig ist, sitzen in Villingen die Gefangenen weiter ihre Strafe ab.

 

Menschen sind hier eingesperrt, weil sie gestohlen oder betrogen haben oder gewalttätig geworden sind – und weil sie Fehler gemacht haben, deren Folgen sie nun tragen müssen. Andere Insassen befinden sich in Untersuchungshaft – über ihre Schuld oder Unschuld muss erst noch entschieden werden. Doch hinter jeder Tür steckt mehr als ein Delikt: ein Mensch mit einer Geschichte, mit Sorgen, mit Ängsten.

Damit die Häftlinge mit ihren Sorgen nicht allein bleiben müssen, können sie sich an einen Gefängnisseelsorger wenden. Einer von ihnen ist Werner Ullrich. Der Diakon war 25 Jahre im evangelischen Kirchenbezirk Villingen tätig und wurde Ende September in den Ruhestand verabschiedet. Die Sonderseelsorge in Seniorenheimen und Kliniken war schon immer sein besonderes Anliegen – vor zwei Jahren kam die Gefängnisseelsorge hinzu. Diese Aufgabe wird er auch im Ruhestand im Auftrag der evangelischen Kirche nebenamtlich weiterführen, bis die Außenstelle der Justizvollzugsanstalt (JVA) in Villingen geschlossen wird.

Übernommen hat er das Amt des Gefängnisseelsorgers vom Niedereschacher Pfarrer Peter Krech, der Mitte des Jahres in den Ruhestand ging. Krech war es auch, der ihn an das Thema herangeführt hat, zusätzlich bildete sich Ullrich bei einem Lehrgang der Landeskirche weiter.

Gefängnis als Ort zum Nachdenken

Um mit einem Seelsorger ins Gespräch zu kommen, müssen Gefangene zunächst beim Gefängnis einen Antrag stellen. Doch was beschäftigt die Häftlinge? „Ich frage nie nach dem Delikt“, sagt Ullrich. Denn das stehe bei dem Gespräch mit den Inhaftierten nicht im Vordergrund, auch wenn es ihm die Häftlinge nach dem ersten oder zweiten Gespräch ohnehin von selbst erzählen würden. Vielmehr gehe es um die persönliche Gefühlslage. Das Gefängnis sei ein „Ort, an dem man ins Nachdenken kommt“, weiß der Diakon. Die Gespräche drehen sich viel um die Lebensgeschichte der Person, die familiäre Situation und die Tatsache, von Freunden und Familie abgeschirmt zu sein. Denn gerade in der Untersuchungshaft ist der Kontakt nach außen stark eingeschränkt. Aber auch ein Todesfall in der Familie kann Anlass für ein Gespräch mit dem Seelsorger sein.

Die Tage der JVA-Außenstelle in Villingen sind gezählt. 2027 soll der Neubau in Rottweil fertig sein. Foto: Marc Eich

Die Gefangenen kämen oft mit der Situation nicht zurecht, seien depressiv, niedergeschlagen und überfordert. Zwar stünden den Inhaftierten auch Sozialarbeiter und Psychologen zur Verfügung, aber ein Seelsorger sei eben nicht „Teil des Systems“, erklärt Ullrich. Er mache sich keine Notizen, nichts aus dem Gespräch werde in einer Akte vermerkt. „Das, was sie mir sagen, bleibt unter uns“, betont er. Als Seelsorger unterliegt er dem Seelsorgegeheimnis – und das ist auch Grundlage für das Vertrauen. „Ich bringe Zeit mit, die Inhaftierten dürfen mit mir über alles reden.“ Und ja – manchmal wollen Gefangene auch nur getröstet werden.

Ullrich sieht sich in erster Linie als Zuhörer, manchmal aber auch als Vermittler, der Kontakt zu anderen Religionen herstellt. Zum Beispiel dann, wenn er für einen osteuropäischen Häftling den Kontakt zu einem serbisch-orthodoxen Priester herstellt oder für einen Gläubigen eine Gebetskette organisiert. Trotzdem ist ihm wichtig zu betonen: „Ein Seelsorger ist Ansprechpartner für alle“ – unabhängig von Konfession und Religion.

Auch ungewöhnliche Bitten an den Seelsorger

Manchmal erhält der Seelsorger auch ungewöhnliche Bitten – etwa einen Brief weiterzugeben oder Tabak zu besorgen – Dinge, die dem Diakon klar untersagt sind.

Zu Beginn seiner Arbeit als Seelsorger habe er im Gefängnis durchaus ein mulmiges Gefühl gehabt, gibt Ullrich zu. Doch während der Gespräche stehe jederzeit ein Alarmknopf zur Verfügung, den er jedoch bislang nie habe benutzen müssen.

Die begangenen Delikte seien vielfältig: Einbruch, Raub, Drogenhandel, Betrug bis hin zu Kindesmissbrauch – Ullrich ist bereits den unterschiedlichsten Gefangenen begegnet. „Oft handelt es sich um Beschaffungskriminalität“, sagt der Seelsorger. Einem Mörder sei er hingegen noch nicht gegenübergesessen.

Und obwohl alle Inhaftierten anfangs noch etwas reserviert und zurückhaltend seien, schaffe man im Laufe der Gespräche immer mehr Vertrauen, sagt Ullrich. Zuletzt habe er beispielsweise ein halbes Jahr lang einen Häftling begleitet, der zuvor in einer evangelischen Freikirche aktiv war. Mit ihm habe er intensiv über einzelne Bibelverse und deren Auslegung sprechen können. Herausfordernd sei manchmal jedoch die Sprachbarriere, da viele der Gefangenen einen Migrationshintergrund hätten.

Gottesdienste im Fitnessraum der Anstalt

Neben den Einzelgesprächen organisiert der Diakon auch alle zwei Monate einen Gottesdienst im Gefängnis. Größere Gefängnisse hätten in der Regel eine eigene Kapelle mit einem hauptamtlichen Gefängnisseelsorger, erklärt Ullrich. In der JVA in Villingen ist das etwas anders. Die Gottesdienste fänden dort im Fitnessraum statt, sagt Ullrich und schmunzelt.

Dort richte er einen kleinen Altar her, spiele Musik ab und halte eine kurze Predigt. Diese befasse sich häufig mit Fragen wie „Wie gehe ich mit Schuld und Leid um?“ oder – etwa zu Erntedank – mit der Idee, dass es selbst in schwierigen Zeiten Gründe zur Dankbarkeit geben kann. Solche Gottesdienste seien zudem Anlass, anschließend miteinander ins Gespräch zu kommen.

Menschen auf Augenhöhe begegnen

Durch seine Arbeit habe Werner Ullrich Verständnis für die Häftlinge entwickelt und Einblicke in völlig andere Lebenswelten gewonnen. „Auch wenn es traurig ist – man lernt eine andere Welt kennen“, sagt der Diakon. „Das tut uns auch mal gut.“ Für die Kirche sei es gut, auch mit solchen Lebensrealitäten in Kontakt zu kommen und andere Milieus wahrzunehmen. Dabei begegne er den Menschen – trotz ihrer Taten – stets vorurteilsfrei. „Ich will es nicht gutheißen, aber man versteht es auch ein Stück weit“, erklärt Ullrich und verweist auf die teils prekären Lebenssituationen der Gefangenen, von denen viele in einem Umfeld von Gewalt aufgewachsen seien.

Seine Arbeit beruht darauf, Menschen auch in schwierigen Lebenssituationen zu begleiten und ihnen zuzuhören – ganz ohne zu urteilen.