Mehr Gewalt, mehr Drogen und immer weniger Personal: Der Vorsitzender des Bundes der Strafvollzugsbediensteten Deutschlands, René Müller, warnt in der Bild-Zeitung vor dramatischen Zuständen in den Haftanstalten. Wir haben nachgefragt: Wie ist die Situation in der JVA Rottenburg?
Bedrohungen, Beleidigungen, Gewalt und Drogen sind Alltag in den deutschen Justizvollzugsanstalten, so auch in Rottenburg. „Drogen und Gewalt sind natürlich vorhanden im Justizvollzug und damit umzugehen, das ist unser beruflicher Alltag“, erklärt Matthias Weckerle, Leiter der Justizvollzugsanstalt Rottenburg. „Es ist ein bisschen so, wie wenn man den Chefarzt einer Klinik fragen würden, ob es ein Problem ist, dass viele Patienten krank sind und wie er damit umgeht“, sagt er weiter.
Straffälligkeit und Sucht sowie Straffälligkeit und Aggressivität stünden ganz oft in einem engen Zusammenhang, „deshalb sind sehr viele Gefangene suchtkrank und deshalb haben auch viele Gefangene Aggressionsproblematiken“, verdeutlicht der Leiter.
Wie kommen die Drogen in die JVA?
„In einem gesetzeskonformen und behandlungsorientierten Justizvollzug, im dem Gefangenen arbeiten sollen, eine Ausbildungen machen sollen oder eine Schule besuchen können, haben Gefangene Freiräume und Bewegungsspielräume und sollen diese auch haben. Suchtkranke Gefangene werden diese immer wieder missbrauchen, deshalb gelangen natürlich Drogen in die Anstalten und auch in die JVA Rottenburg“, macht Weckerle klar.
Das Vorhandensein und der Umgang mit Drogenproblemen sei Alltag für die Beamten. Das Einbringen von Drogen in die Anstalt soll durch ein Vielzahl von Sicherheits – und Kontrollmaßnahmen verhindert werden, über die Jahre hinweg würden jedoch immer wieder neue und andere Wege gesucht und gefunden, um Drogen in die JVA zu bringen. „Auf diese müssen wir mit unseren Sicherheitsvorkehrungen und Kontrollmaßnahmen reagieren“, so Weckerle.
„Unsere Anstalt ist ja nicht hermetisch nach außen abgeschirmt, Drogen und andere unerlaubte Gegenstände können etwa bei Besuchen, über die Post oder bei ‘Mauerwürfen‘ in die Anstalt gelangen. Gleichzeitig versuchen wir beispielsweise, Gefangene für Suchttherapien zu motivieren und in Therapien zu vermitteln.“
Mehr psychisch erkrankte Gefangene
Wie ist das Zusammenleben in der JVA? „Wenn viele Menschen, die Defizite haben in der Einhaltung von Normen oder in der Kontrolle ihrer Impulse und ihrer Aggressivität, auf engem Raum zusammenleben müssen, dann kommt es – wie ich meine – fast zwangsläufig immer wieder dazu, dass diese Menschen auch in Haft diese Regeln nicht einhalten können“, betont der Leiter. Damit umzugehen, sei der Beruf der Beamten.
Verändert habe sich in den letzten Jahrzehnten und noch mehr in den vergangenen Jahren die Heterogenität des Klientels und die Intensität vieler persönlicher Defizite.
„Zugenommen hat vor allem der Anteil psychisch erkrankter Gefangener und auch die Intensität dieser psychischen Störungen, die zudem ganz oft in Zusammenhang mit Traumaerfahrungen stehen. Gerade für dieses Klientel sind die Behandlungskapazitäten (insbesondere bei stationärem psychiatrischem Behandlungsbedarf) im Justizvollzug insgesamt, aber auch für uns in Rottenburg, nicht ausreichend“, hebt der JVA-Leiter hervor.
Es werde die große und wichtige Aufgabe der nächsten Jahre sein, die Kapazitäten zu erhöhen, damit man allen Gefangenen mit ihren Bedarfen gerecht werden könne.
Doppelter Bedarf an Personal
Laut Weckerle wurden in den vergangenen Jahren für den baden-württembergischen Justizvollzug sehr umfangreich neue Personalstellen geschaffen. Die aktuelle Herausforderung sei es deshalb gerade eher, in ausreichender Zahl geeignete Bewerber für eine Ausbildung (oder Berufstätigkeit) zu gewinnen.
„Ganz konkret stehen wir in Rottenburg derzeit in dieser Hinsicht vor einer doppelten Herausforderung, weil wir dies nicht nur für unseren eigenen Bedarf tun müssen, sondern den Auftrag haben, für die in Bau befindliche neue Justizvollzugsanstalt in Rottweil Personal einzustellen und auszubilden“, erläutert Weckerle.