Das Eingangstor der Justizvollzugsanstalt in Rottenburg. Foto: stb

Das Nachsorgeprojekt Chance leistet professionelle Hilfen und erleichtern den Übergang vom Vollzug in ein straffreies Leben.

Das große Tor öffnet sich. Mit einer Reisetasche, einem Rucksack und einem seltsamen Gefühl tritt der junge Mann hinaus. Was jetzt? Nach einem Jahr in Haft verabschiedet ihn der uniformierte Beamte.

 

Damian Meier (22, Name geändert) saß wegen Drogenhandel und Sachbeschädigung im Rottenburger Gefängnis. Nun ist er in Freiheit. Mit den Eltern liegt Meier im Streit, deshalb zieht er zunächst zu seiner Oma nach Herrenberg. Er schläft auf einer Matratze auf dem Boden, die Wohnung ist klein. Das, sagt er, reiche ihm dennoch.

Meier hat seine Haftstrafe voll verbüßt, er hat keinen Bewährungshelfer. Dennoch können ihn die Sozialarbeiter vom in Nufringen ansässigen Verein Fortis im Nachsorgeprojekt Chance unterstützen. „Das Ziel ist ein Leben ohne Straftaten“, sagt Teamleiter Johannes Weißer.

Teamleiter Johannes Weißer. Foto: stb

Kontakt bereits vier Wochen vor der Entlassung

Vermittelt von der JVA, haben die Sozialarbeiter bereits vier Wochen vor der Entlassung mit Meier Kontakt aufgenommen. „Normalerweise holen wir die Leute am Tor ab“, sagt Weißer. Das habe Meier allerdings abgelehnt, ebenso eine ambulante Betreuung oder einen Platz im Helmut-Lang-Haus in Böblingen, das speziell für Straffällige konzipiert ist. Die Regeln dort, beispielsweise das Verbot von Suchtmitteln im Haus, seien ihm zu streng gewesen, die Betreuung mit wöchentlichen Gesprächen zu intensiv.

Über das Nachsorgeprojekt Chance erhält Fortis ein Budget, um die Resozialisierungschancen zu verbessern. „Im Fokus steht immer die Stabilisierung der Lebensumstände“, sagt Weißer. Er ist bei Fortis zuständig für die Straffälligen- und für die Wohnungslosenhilfe. Beides hängt oft zusammen. „In prekären Wohnverhältnissen wie bei Damian Meier wird die eigentliche Wohnungslosigkeit auch oft verschleiert“, erklärt Weißer.

In Meiers Fall geht es zunächst darum, einen Termin mit der Suchtberatung vorzubereiten, damit er nicht rückfällig wird. Zu einem Gespräch erscheint er allerdings zunächst nicht. Erst nach einem Brief und einem Anruf klappt es im zweiten Anlauf. Die Fortis-Leute unterstützen Meier außerdem dabei, seine Existenz mit Anträgen beim Jobcenter zu sichern und wieder eine Krankenversicherung zu erhalten. Die nächsten Schritte hängen von den persönlichen Zielen ab.

„Wir sind nicht die Oberlehrer und Rechthaber“, sagt Weißer. Er hat als Sozialpädagoge selbst schon viele Menschen am Gefängnistor abgeholt. „Die Autofahrten sind viel wert, da entsteht oft eine gute Beziehung“, sagt Weißer. Gerade am ersten Tag sei meistens viel zu organisieren. Muss ein Klient zum Beispiel substituiert werden, wird es kompliziert.

Da die Krankenversicherung in der Haft ausläuft und die Anträge beim Jobcenter dauern, wird häufig mit dem Überbrückungsgeld kurzfristig eine freiwillige Versicherung abgeschlossen. Damit geht es zur Krankenkasse, mit deren Bescheinigung zum Arzt und mit dessen Rezept zur Apotheke. „Das muss alles am gleichen Tag passieren“, sagt Weißer.

Betreuung wird individuell vereinbart

Wie intensiv die Betreuung ist, wird individuell vereinbart. „Wohnraum zu finden ist mit geringem Einkommen das größte Problem“, sagt Weißer. Bei Straffälligen kommen oft Einträge bei er Schufa und im polizeilichen Führungszeugnis hinzu. Dennoch gelingt es immer wieder, Menschen in ein Leben in Freiheit und ohne Straftaten zu begleiten. Auch Damian Meier hat das Ziel, das Gefängnistor höchstens noch einmal von außen zu sehen.

Das ist das Projekt Chance

Das Nachsorgeprojekt Chance
wird von den Vereinen der freien Straffälligenhilfe an allen Justizvollzugsanstalten in Baden-Württemberg angeboten. Sie helfen sie bei der Wiedereingliederung in die Gesellschaft.

Die Zielgruppe
Das Projekt Chance kommt nur für Straffällige in Frage, die ihre Haftzeit komplett verbüßt haben. Meist sind das junge Leute mit kurzen Strafen. Weil es im Landkreis Böblingen keine JVA gibt, ist für viele Rottenburg der „Heimatknast“.

Fortis
erhält Anfragen von allen Justizvollzugsanstalten in Baden-Württemberg.

Diese Unterstützung
wird angeboten: Im Rahmen des Nachsorgeprojekts Chance unterstützen Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter bei der Wohnungs- und Arbeitssuche, bei der Schuldenregulierung, bei Krisen, in familiären Fragen und vermitteln an örtliche Hilfesysteme und Beratungsstellen.