Rund zwei Millionen Bundesbürger haben ein Vorhofflimmern – darunter auch der Dortmunder Fußball-Profi Marius Wolf. Er hat sich im Herbst 2022 dagegen behandeln lassen. Foto: IMAGO/Sebastian Frej/IMAGO/Sebastian Frej

Vor wenigen Monaten hat der Fußballprofi Marius Wolf seine Herzrhythmusstörung bekannt gemacht. Nun warnen Ärzte: Die Zahl der Patienten steigt. Wir haben mit einem Betroffenen darüber gesprochen, wie ihm geholfen wurde.

Der Morgen graute noch, als sich im Gehirn von Ralf Wieland eine gefährliche Blockade anbahnt: Auf einen Schlag bekam der 79-Jährige so heftige Kopfschmerzen wie noch nie zuvor in seinem Leben. „Da war ich alarmiert“, sagt der Stuttgarter, der seinen wahren Namen nicht nennen möchte. Im Krankenhaus erkennen die Ärzte trotz der untypischen Symptome: Wieland hatte einen Schlaganfall erlitten. Ausgelöst von einem winzigen Blutpfropfen, der sich aufgrund einer Herzrhythmusstörung im Pumporgan gebildet hatte.

 

So wie Wieland ergeht es vielen, die einen Hirninfarkt erleiden, bestätigt Monika Patzak von der Stroke Unit, der von der Fachgesellschaft zertifizierten Schlaganfalleinheit, des Robert-Bosch-Krankenhauses (RBK) in Stuttgart. „Ewa 15 bis 20 Prozent aller Schlaganfälle, die durch ein Blutgerinnsel ausgelöst werden, sind auf ein Vorhofflimmern zurückzuführen.“

Das Flimmern schränkt die Pumpkraft des Herzens ein

Bei dieser Erkrankung gerät das Herz aus dem Takt, chaotisch folgen die Herzschläge aufeinander. Das Flimmern schränkt die Pumpkraft des Herzens ein, die Fließgeschwindigkeit des Bluts verringert sich. So können sich in einer kleinen Aussackung des linken Vorhofs kleine Blutgerinnsel bilden. Gelangen diese bei einem Pumpstoß des Herzens über die Halsschlagader ins Gehirn, verstopfen sie dort ein Gefäß.

Nach Angaben des Deutschen Herzberichts, der nun aktuell von der Deutschen Herzstiftung sowie den kardiologischen und herzchirurgischen Fachgesellschaften vorgestellt wurde, ist das Vorhofflimmern die häufigste anhaltende Herzrhythmusstörung. Bei nahezu zwei Millionen Bundesbürgern hat der Herzrhythmus irgendwann im Laufe ihres Lebens begonnen, ein unkontrolliertes Eigenleben zu führen.

In den meisten Fällen gelingt es Ärzten, das Herz wieder in Takt zu bringen – etwa mit Medikamenten, einem kurzen Elektroschock oder zunehmend mit einem Verfahren, mit dem auch im vergangenen Herbst 2022 das Vorhofflimmern des Fußballprofis Marius Wolf vom Erstligisten Borussia Dortmund therapiert wurde: der Katheterablation.

Weil der 28-Jährige nach eigenen Angaben stark unter anfallartigem Herzrhythmusstörungen gelitten hatte, wurden die Muskelzellen in den Vorhöfen, die die störenden Signale aussendeten, verödet. Damit wurde zugleich das Risiko eines möglichen Schlaganfalls gesenkt.

Attacken vor dem Zubettgehen

Das Problem ist nur: Nicht jeder bemerkt es, wenn das Herz aus dem Takt grät, mal stolpert oder springt oder kurzzeitig zu rasen beginnt. Daher gehen Ärzte von einer hohen Dunkelziffer aus. Oder aber die Betroffenen nehmen die Symptome als gegeben hin: so wie Ralf Wieland. Seine Herzrhythmusstörung hat er sehr wohl gespürt. „Man fühlt sich komisch, irgendwie unwohl.“ Meist kamen die Attacken vor dem Zubettgehen. „Dann bin ich aufgestanden und habe ferngesehen, bis sich mein Herzschlag normalisiert hat.“ Alle drei, vier Wochen ging das so.

Grundsätzlich ist es sinnvoll, solche Attacken medizinisch abklären zu lassen. „Nicht jeder Stolperer ist Grund zur Besorgnis“, sagt Raffi Bekeredjian, Chefarzt der Kardiologie am RBK, wo auch Wieland derzeit behandelt wird. Auch zusätzlich Herzschläge, Extrasystolen genannt, sind ungefährlich, wenn das Herz ansonsten gesund ist.

Anders sieht es bei angeborenen Herzrhythmusstörungen aus – und bei solchen, die aufgrund einer Erkrankung entstanden sind: etwa einer Verengung der Herzkranzgefäße, einem Klappenfehler oder einer Herzschwäche. Nicht zuletzt steigert ein ungesunder Lebensstil das Risiko für eine Herzrhythmusstörung, die behandelt werden muss.

Dennoch gehört das Vorhofflimmern zu den Krankheiten, bei der die Medizin vieles noch nicht im Detail versteht. „Beispielsweise können wir nicht vorhersehen, welcher Patient mit Vorhofflimmern auch mit einem Schlaganfall zu rechnen hat“, sagt der Kardiologe Raffi Bekeredjian. Aber es gibt Hinweise auf Risikofaktoren wie etwa das Alter. „Ganz allgemein steigt das Risiko für einen Schlaganfall ab 65 Jahren an“, sagt die Fachärztin für Neurologie, Patzak.

Viele Schlaganfälle sind durch Vorhofflimmern bedingt

Riskant sind auch Grunderkrankungen wie Bluthochdruck, Diabetes, Stoffwechselstörungen sowie Herzerkrankungen und Nikotinsucht. Ein besonders erhöhtes Risiko haben Patienten, die schon einen Schlaganfall erlitten haben. „Je mehr Faktoren zusammenkommen, umso höher ist auch das Risiko“, sagt Patzak. Medikamente, die das Entstehen von Blutgerinnseln hemmen, sind daher bei dieser Risikogruppe Pflicht. Das Vorhofflimmern selbst wird dagegen nur behandelt, wenn die Patienten einen gewissen Leidensdruck haben.

Dennoch gehen die Experten im Deutschen Herzbericht davon aus, dass die Zahl der Schlaganfälle, die durch ein Vorhofflimmern bedingt sind, weiter wachsen wird – schlicht, weil auch die Zahl der Herzkranken angesichts der alternden Bevölkerung zunehmen wird. Es braucht daher noch mehr Forschung für neue Therapien, fordert die Deutsche Herzstiftung. Diese hat seit 2022 allein in die Erforschung von Vorhofflimmern, aber auch angeborenen Herzfehlern und plötzlichem Herztod rund 2,5 Millionen Euro investiert.

Es braucht aber auch Aufklärung: Schon jetzt könne jeder sein Risiko für Vorhofflimmern abklären lassen – etwa mittels regelmäßiger Check-ups beim Hausarzt, die die Herzstiftung insbesondere Menschen ab dem 65. Lebensjahr empfiehlt. Eine Hilfe können auch digitale Helfer wie etwa Smartwatches sein, die Vorhofflimmern mit einer hohen Treffsicherheit erkennen. „Allerdings bedarf es immer einer Bestätigung der Diagnose durch den Facharzt“, sagt der Kardiologe Bekeredjian.

Ein Jahr ist seit dem Schlaganfall vergangen. Es war kein leichtes, sagt Wieland. Körperliche Einschränkungen sind dank einer erfolgreichen Rehabilitation nicht geblieben. Aber psychisch hat ihm der Hirninfarkt zu schaffen gemacht: „Ich bin in ein Loch gefallen.“ Um das Erlebte zu verarbeiten, hatte er sich psychotherapeutische Hilfe gesucht. Zu groß war die Sorge, dass ihn sein Körper erneut im Stich lassen könnte.

Keine Angst mehr vorm Herzflimmern

Tatsächlich gehört Wieland zu der kleinen Patientengruppe, die ausgerechnet die Medikamente zur Blutverdünnung, die das Schlaganfallrisiko minimieren sollen, nicht verträgt. Um dennoch geschützt zu sein, wurde dem Senior empfohlen, den Bereich des linken Vorhofs, in dem sich die gefährlichen Blutgerinnsel meist bilden, zu verschließen. „Das lässt sich mittels eines Kathetereingriffes schonend und sicher bewerkstelligen“, bestätigt der Kardiologe Bekeredjian, der dieses Verfahren regelmäßig am RBK anwendet.

So auch bei Ralf Wieland. Dieser blickt nun zuversichtlich in die Zukunft: „Sollte mein Herz je wieder flattern, macht mir das keine Angst mehr.“

Hilfe für kranke Herzen