Die Unesco will die Lagunenstadt als gefährdet einstufen – nicht zum ersten Mal. Der Massentourismus und der Klimawandel setzen dieser wunderschönen Stadt dermaßen zu, dass die Hoffnungen auf eine Rettung Venedigs schwinden. Ein Nachruf.
Metropolen weltweit buhlen ohne Unterlass um Menschen, ohne die sie nicht das wären, was sie sind oder sein wollen: Energiezentren des pulsierenden Lebens. Städte werben normalerweise um Touristen, Investoren und Arbeitnehmer. Das gilt auch für Venedig. Einzigartig an der weltberühmten Lagunenstadt ist allerdings, dass sie als maßgeblichen Standortfaktor den eigenen Verfall anpreist, mit dem Mythos vom ewigen Untergang Millionen alljährlich in ihre engen Gassen und Kanäle lockt.
Tatsächlich kann sich kaum jemand dem morbiden Charme Venedigs entziehen. Wer jemals am Bahnhof Santa Lucia den Zug verlassen hat und am Canal Grande den Vaporetto bestieg, um Augenblicke später in eine gänzlich entschleunigte Welt einzutauchen, wo die Sinne wieder Zeit hatten, all das Schaurig-Schöne um sich herum, die Pracht der bröckelnden Paläste, die todessehnsüchtigen Eleganz der schwarzen Gondeln zu genießen, wird das bestätigen.
Vieles kann man sich in dieser Stadt vorstellen, nur eines nicht: das Alltägliche im Hier und Jetzt. Venedig ist in ihren besten Momenten die Serenissima, die gelassen-lässige Schönheit an der Adria, eine Stadt, die in jeder Hinsicht exzentrisch und außergewöhnlich ist, auch weil sie sich an der eigenen Vergänglichkeit berauscht.
Kaum noch Venezianer in Venedig
Wobei man die Bezeichnung Stadt für Venedig ehrlicherweise in Anführungen setzen sollte. Im 15. Jahrhundert hatte Venedig 200 000 Einwohner und besaß eine riesige Handels- und Kriegsflotte, eine wahre europäische Kultur- Wirtschaftskapitale. Heute treffen pro Jahr 33 Millionen Touristen auf lediglich 49 000 Einheimische, Tendenz sinkend. In der Lagunenstadt leben fast keine Venezianer mehr.
Die meisten von ihnen haben Venedig längst verlassen und vermieten ihre Wohnungen gewinnbringend an Touristen. Dass Portale für Ferienwohnungen wie Airbnb hier das große Geschäft machen, ist altbekannt. Die frühere Seemacht kämpft nun mit den Auswirkungen des Massentourismus: Zu Spitzenzeiten übernachten in der dann alles andere als lässigen Serenissima schon mal 100 000 Touristen pro Nacht, dazu kommen Zehntausende Tagesbesucher. Venedig ist mehr Freizeitpark als Stadt.
Womit wir auch schon bei der düsteren Zukunft Venedigs angelangt wären. Massentourismus, das krebsartige Ausbreitung von Ferienwohnungen sowie der Klimawandel: Experten der UN-Kulturorganisation Unesco haben empfohlen, Venedig und seine Lagune auf die Liste des gefährdeten Welterbes zu setzen.
Es gebe eine „anhaltende Verschlechterung durch menschliches Eingreifen“, durch die irreversible Veränderungen drohten, hieß es in einer Mitteilung. Die bisherigen Maßnahmen der Behörden seien jedoch nicht ausreichend gewesen, hieß es. Es fehle eine Strategie auf globaler Ebene sowie die nötige Schlagkraft und Abstimmung auf nationaler Ebene. Die Aufnahme in die Liste des gefährdeten Welterbes solle dazu beitragen, dass die Anstrengungen verstärkt würden.
Und immer wieder diese Kreuzfahrtschiffe
Das klingt hoffnungsvoller als es in Wahrheit ist. Vieles kann nicht mehr korrigiert werden, daran wird auch die Entscheidung des Welterbe-Rats der Unesco-Mitgliedsstaaten, der vom 10. bis 25. September in Saudi-Arabiens Hauptstadt Riad tagt, höchstwahrscheinlich nichts ändern.
Venedig steht schon seit 1987 auf der Weltkulturerbeliste, was eine besondere Aufmerksamkeit in Sachen Umwelt- und Denkmalschutz suggeriert, letztlich aber nur eine weitere Marke zur Steigerung der Touristenzahlen bedeutete. 2021 war Venedig einer Einstufung als gefährdetes Unesco-Welterbe durch eine Änderung seiner Regeln für Kreuzfahrtschiffe, die durch ihre großen Wellen das Fundament der Stadt abtrugen, knapp entgangen.
Das Meer ist Venedigs Fluch und Segen. Vor allem in den Herbst- und Wintermonaten wurde Venedig immer wieder von Hochwasser überflutet. Im November 2019 hatte eine Rekordflut verheerende Schäden angerichtet. Mittlerweile verfügt die Stadt über ein milliardenschweres Flutschutzsystem, doch das scheint italienischen Umweltschutzorganisationen zufolge auch wegen des stetig steigenden Meeresspiegels schon heute nicht ausreichend dimensioniert zu sein.
Überteuerter Freizeitpark
Und auch die im Kampf gegen die ständige Umwandlung von Wohnraum in Ferienwohnungen Anfang des Jahres angekündigten Maßnahmen kommen womöglich viel zu spät. Venedig will der Vermietung von Ferienapartments Grenzen setzen. So beabsichtigt der Bürgermeister Luigi Brugnaro, dass Wohnungseigentümer, die für kurze Zeiträume vermieten, dies nur für maximal 120 Tage im Jahr tun können. Ziel sei es, langfristige Mieten und das Wohnen im Stadtkern zu fördern.
Doch auch das wird die Entvölkerung nicht aufhalten, schließlich kann man niemand vorschreiben, in einem überteuerten Freizeitpark zu leben. Notfalls werden in absehbarer Zeit die letzten Venezianer ihre Wohnungen abstoßen und möglicherweise als Tagesbesucher Eintritt für ihre eigene Stadt bezahlen.
Pläne des Tourismusauschusses sehen vor, dass von Januar 2024 an von Tagesbesuchern für die Innenstadt Eintritt erhoben wird, zunächst in einer Testphase. Die Urlauber sollen sich übers Internet einen QR-Code besorgen und aufs Handy laden, den sie bei Kontrollen vorzeigen müssen. Andernfalls drohen mindestens 50 Euro Strafe. Ausnahmen soll es beispielsweise für Kinder unter 14 Jahren geben. Ob diese Maßnahmen gegen diesen Overtourism helfen werden?
Fraglich. Der große Publizist und Denker Hans Magnus Enzensberger publizierte im Jahr 1958 einen Essay, den er „Eine Theorie des Tourismus“ nannte. Der moderne Reisende, erklärte er darin, suche in der Ferne das „Elementare“, das „Unberührte“ und das „Abenteuer“. Er komme dort allerdings nie an: „Unter welchem Namen das Ziel auch verstanden wird, ändert an der Dialektik des Vorgangs nichts: indem es nämlich erreicht wird, ist es auch schon vernichtet.“ Im Falle Venedigs, dieses so beliebten schwerkranken Patienten, würden möglicherweise nur radikale Maßnahmen das Sterben hinauszögern: die Abschaffung der Besuchszeiten. Die Fans müssten einfach mal draußenbleiben. Vielleicht könnte diese wunderschöne Stadt so vor dem baldigen ideellen wie physischen Untergang bewahrt werden.
Info
Unesco
Vom 10. bis 25. September 2023 tagt das Unesco-Welterbekomitee in Saudi-Arabiens Hauptstadt Riad. Auf seiner 45. Sitzung berät das Gremium über die Aufnahme neuer Stätten in die Welterbeliste, den Erhalt und Schutz des Menschheitserbes sowie über die Weiterentwicklung des Programms. Die Sitzung sollte ursprünglich im Juni 2022 in Russland stattfinden. Das Treffen war infolge des russischen Angriffs auf die Ukraine verschoben worden.
Gefährdete Stätten
Das Unesco-Komitee wird den Erhaltungszustand von über 250 Welterbestätten prüfen, insbesondere der 55 Orte, die zurzeit auf der Liste des gefährdeten Welterbes verzeichnet sind, darunter Venedig und seine Lagune, aber auch die Altstadt von Nessebar in Bulgarien oder auch die Sophienkathedrale in Kiew (Ukraine).